Kunstverein Ausstellung: Katharsis via Handy

Kein Selfie, sondern Meditation: Hojin Kang und Katharina Ritter vom Kunstverein im Schuhhaussaal.
Kein Selfie, sondern Meditation: Hojin Kang und Katharina Ritter vom Kunstverein im Schuhhaussaal. © Foto: Oliver Schulz
Ulm / Helmut Pusch 07.08.2018
Der Berliner Künstler Hojin Kang dekliniert in seiner Ausstellung „This site is buffering“ das Verhältnis von Mensch und und Maschine.

Der englische Titel ist höchst doppeldeutig. „This site is buffering“ hat der Berliner Künstler und Kommunikationsdesigner Hojin Kang seine aktuelle Ausstellung im Schuhhaussaal des Kunstvereins getauft. Site steht im Englischen sowohl für den virtuellen Raum einer Website als  auch für einen real existierenden Ort. Buffering heißt auf Deutsch Pufferung und beschreibt den Prozess, wenn sich eine neue Seite aufbaut oder das System ausgelastet ist und nicht für andere Aktionen zur Verfügung steht. Dann taucht ein rotierendes Signal auf, das jeder Computernutzer kennt – und hasst.

Dieses Signal und die von ihm angekündigten Wartezeiten waren es, die den 32-jährigen Hojin Kang zu seiner Ausstellung anregten. „Was machen wir mit den Technologien? Und was machen die Technologien mit uns?“, fragt er bei einem Rundgang durch seine Schau, die in „kathartische Räume“ aufgeteilt ist.

Kathartisch nennt Kang die Räume, weil er die Betrachter sensitiv machen will für die Phänomene, die er bearbeitet. Etwa das ewige Scrollen. „I scroll to calm me“ (Ich scrolle, um mich zu beruhigen) heißt die Animation eines Smartphone-Displays, die auf eine Leinwand projiziert wird. „Das Scrollen als Ersatz für eine Gebetskette, die man zur Beruhigung durch die Finger gleiten lässt.“ Aber es ist auch ein Schutz, um  nicht mit anderen, die etwa an  der gleichen Bushaltestelle warten, real von Angesicht zu Angesicht kommunizieren zu müssen.

In „Photoshop Fight Club“ zeigt  Kang Bilder, die mit Hilfe der Software Photoshop verzerrt wurden: eine Standard-Software zur Bildbearbeitung, die heute zu fast 100 Prozent am Computer stattfindet. Kang thematisiert damit den Wandel in der Arbeitswelt, weg von körperlicher Arbeit, hin zum Schreibtisch. Die Folge der vermeintlich leichteren Arbeit: psychischer Stress und psychische Erkrankungen. „Das lässt sich doch an den Krankheitsstatistiken belegen“, sagt der 32-Jäh­rige.

In Kangs Objekt „New Traditions“ geht es darum, was von der heutigen viralen Welt übrig bleiben wird. Kang stellt einem Stück Treibholz Objekte aus dem 3-D-Drucker gegenüber, drapiert das alles wie in einem Wunderkasten auf einem 21-Zoll-Computer Monitor.

Und nochmal zurück zum rotierenden Buffering-Signal. Das inspirierte Kang auch zu seiner Smartphone-Meditation. Warum nicht die erzwungenen Pausen nutzen, um mal innezuhalten, mal tief durchzuatmen, zu meditieren. Wie das geht? Das liegt im Schuhaussaal auf Papierstreifen aus, die sieben Übungen auflisten. Und es spricht für den Charme und den Witz der ganzen Schau, dass die Meditierenden mitunter verblüffend alltäglich wirken, wenn sie etwa in der sechsten von sieben vorgeschlagenen Übungen exakt den Bewegungsablauf beim Fotografieren eines Selfies imitieren. Da mutiert die vermeintliche Entspannungsübung zum Götzendienst am eigenen Ich.

Die zentrale Installation Kangs zitiert eine Baustelle. „Alles wird anders“, sagt er, und „keiner weiß, was am Ende rauskommt“. Das gelte auch für das Verhältnis Mensch und Maschine, sagt Kang – durchaus optimistisch.

Führung und Künstlergespräch

Ausstellung „This site is buffering“ ist bis 16. September im Schuhhaussaal des Kunstvereins Ulm (Kramgasse 4) zu sehen: Mi-Fr 14-18 Uhr, Sa/So 11-17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Am 5. September führt Ausstellungsleiterin Katharina Ritter durch die Schau. In der Kulturnacht Ulm/Neu-Ulm am 15. September gibt es um 20 Uhr ein Künstlergespräch mit Katharina Ritter und Hojin Kang aus Berlin im Schuhhaussaal.

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