Volkstümliche Musik Kastelruther Spatzen: Heile Welt und „Tränen“

Ulm / Christoph A. Schmidberger 08.12.2018

„Jingle Bells, Jingle Bells, hörst Du wie das klingt?“ Als Norbert Rier (58) mit seinen Kastelruther Spatzen die deutsche Fassung des Weihnachtsklassikers anstimmte, gab es für die gut 1300 Besucher, die sich am Nikolaustag im Congress Centrum Ulm eingefunden hatten, endlich Wohlklang zum Kunstschnee auf der winterlich dekorierten Bühne. Denn die „Kastelruther Weihnacht“ mit Hits der jüngsten Alben, traditionellen Weihnachtsliedern und weihnachtlich Angehauchtem verstörte zunächst mit miserablem Klang. Doch dann wurde es noch ein schönes Konzert.

Trotz einer Herz-OP im vergangenen Jahr klang Riers Stimme frisch. Neben Albin Gross’ Keyboard und den Blasinstrumenten der Gründungsmitglieder Valentin Silbernagl (Saxophon, Klarinette) und Walter Mauroner (Trompete) blieb er aber teilweise schwer verständlich. Das Instrumentarium wirkte übersteuert. Und Belüftungsgeräusche im Saal störten. Weniger legendären Vertretern des volkstümlichen Schlagers hätte das das zum Verhängnis werden können. Aber die Spatzen haben in ihrer 35-jährigen Karriere gelernt, eine professionelle Show hinzulegen.

Seit sie 1990 mit „Tränen passen nicht zu dir“ den Grand Prix der Volksmusik gewannen, mauserte sich das Septett zur erfolgreichsten Formation dieser Sparte. Dabei ist die im volkstümlichen Schlager oft zelebrierte „heile Welt“ nur eine Seite des Repertoires. Mit „Tränen der Dolomiten“ erinnert die Band an die Gebirgsschlachten des Ersten Weltkriegs. Eine traurige Zeit, „die sich nicht wiederholen darf“, so Rier. Mauroners Trompete darf dazu eine epische, wehklagende Fanfare spielen. Ansonsten aber wurde in Neu-Ulm ausgiebig zu Stimmungsvollem wie „Der alte Franz“ geschunkelt und zu Berührendem wie „Ich schwör’“ mitgefühlt.

Konzert mit Botschaft

Rier durfte in der Arena unentwegt Rosen und Geschenke von Fans entgegennehmen. Auch den Weihnachtsteil nutzte der Sänger, mittlerweile ohne Schnauzbart, um für Familie, Frieden und Mitmenschlichkeit zu werben. Albin Gross erzählte eine nachdenklich machende Begebenheit aus Parma über den beherzten Einsatz eines jungen Busfahrers für einen Rollstuhlfahrer und dessen Begleitperson. Er habe in jüngeren Jahren unberechtigt auf Behindertenparkplätzen geparkt, bis er eines Tages einen Zettel am Auto fand: „Du hast meinen Parkplatz genommen, nimmst Du auch meine Behinderung?“  Mit einem gemeinsamen „Stille Nacht“ im abgedunkelten Saal entließen die „Spatzen“ ihr begeistertes Publikum in den Advent.

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