Ulm / OTFRIED KÄPPELER  Uhr
„Doppelbegabungen“ gilt die Vortragsreihe im Philosophischen Salon der Universität Ulm. Reiner Stach sprach in der Villa Eberhardt über Franz Kafka.

Ist Franz Kafka eine Doppelbegabung? Goethe, ja, der konnte malen, war Naturwissenschaftler und natürlich Dichter. Aber was konnte Kafka noch, außer nächtens schreiben? Reiner Stach – seine dreibändige Kafka-Biografie gilt als das Werk schlechthin über den Prager Dichter – führte vor, dass der Begriff „Doppelbegabung“ durchaus passt. Wenn auch in einem differenzierten analytischen Sinn.

Kafka polarisiere, sagte Reiner Stach, aber aufregend fänden ihn alle. Folgt man dem Referenten, rührt das nicht zuletzt von Kafkas Schreib-Verfahren her, zu welchem spezifische Begabungen gehören. Denn für Kafkas Texte genügt allein die literarische Begabung nicht.

Nach Stach war er ein Genie der Beobachtung. Das Miterleben der anderen, gepaart mit einem filmischen Gedächtnis, machte ihn zu einem äußerst emphatischen Beobachter. Dieser „soziale Röntgenblick“ sei bisher unterschätzt worden. Mit der „kinematographischen Beobachtung“ und deren späteren literarischen Umsetzung stehe Kafka alleine da, da habe er keinen neben sich.

Eine weitere Begabung zeigt sich in den Tagebüchern und Schreibheften Kafkas, wenn er darin das „Vor- bzw. Unbewusste“ ungefiltert zulässt. Das scheint oft sehr planlos, zufällig, wie ein zielloses, immer wieder abbrechendes Schreiben. Doch für den Schreibprozess sei gerade das entscheidend, sagte Stach, denn „das Material von unten wird erst oben unter ästhetischen Gesichtspunkten gefiltert und dann sprachlich umgesetzt“. Der kreative Funke kommt bei Kafka also aus isolierten Bildern, die er schreibend findet, dabei oft wieder abbricht, bis eines trägt. „Mit diesem Verfahren gewinnt Kafka eine unglaubliche Intensität“. Was letztlich die literarische Qualität ausmacht, das bleibt bei aller Analyse in letzter Konsequenz im Numinosen.

Im Gespräch mit dem Publikum wurde natürlich die Frage nach Kafkas Doppelleben angesprochen, das zwischen dem Brotberuf des Juristen in einem Versicherungsbüro und dem „Freizeitschriftsteller“ doch eine tragische Spannung habe. Einerseits ja, andererseits hat der Beruf dem Dichterleben eine Struktur gegeben. Und in seinem Beruf konnte, ja musste er seine sprachliche Begabung ebenfalls einbringen.

Info Reiner Stachs Kafka-Biografie ist in drei Einzelbänden im S. Fischer Verlag erschienen.