Der Brief kommt spät, sehr spät - und wie es scheint, sogar zu spät. Vergangene Woche hat die Grünen-Stadträtin und freie Architektin Annette Weinreich einen Vorschlag unterbreitet und davon auch die Finanz- und Justizminister des Landes in Briefen in Kenntnis gesetzt. Ihr Ziel: Das im Volksmund Paragrafensilo genannte Justizhochhaus aufgrund seiner architektonischen Wichtigkeit an der Olgastraße grundlegend zu sanieren und zu erhalten.

Ein Vorschlag, der vor Jahren hätte diskutiert werden können. Jetzt aber stößt er auf Ablehnung: "Architekten scheinen die Welt anders wahrzunehmen als die Nutzer", legt der Leitende Oberstaatsanwalt Christof Lehr seine sonstige Zurückhaltung ab und macht klar, was er von dem Vorschlag hält: nichts!

Als Chef der in dem Gebäude untergebrachten Behörde, verweist er nur auf die niemandem mehr zumutbaren sanitären Anlagen und die undichten alten Fenster, die von vielen Kollegen im Winter mit Paketband abgeklebt werden, damit der kalte Wind nicht so durch die Ritzen zieht. "Das Gebäude ist mit vernünftigen Kosten nicht zu sanieren und schlichtweg nicht mehr tragbar", sagt Lehr.

Im Übrigen müsse man das Gesamtkonzept sehen, merkt der Behördenleiter an. Im Hof werde bereits am Neubau gearbeitet, und in der Nachbarschaft sei mittlerweile die neue dreigeschossige Turnhalle für Kepler- und Humboldt-Gymnasium fertiggestellt. Da würde das Justizhochhaus mit seiner aus Sicherheitsgründen mit einem Netz abgehängten Fassade nicht mehr dazupassen. Lehr: "Das stört mein ästhetisches Empfinden sehr."

Ähnlich argumentiert Wilmuth Lindenthal vom Landesamt Vermögen und Bau, der den Prozess im Vorfeld begleitet hat. Der Wettbewerb zu dem jetzt begonnenen Neubau habe bereits im Jahr 2010 stattgefunden. Und schon Jahre davor seien verschiedene Untersuchungen zur Gebäudestruktur gemacht worden, "die haben keinen anderen Schluss als Neubau und Abriss zugelassen". Außerdem sei die Qualität des Gebäudes nicht so hoch zu bewerten, jedenfalls sei es trotz Prüfung nicht in die Denkmalliste aufgenommen worden.

Durch den Neubau im Hinterhof sei es aus sicherheitstechnischen Gründen außerdem nicht möglich, das Hochhaus stehen zu lassen. Die zwei Bauten stünden zu eng aufeinander, das ließe der Brandschutz niemals zu. Außerdem hätte bei einer Sanierung für die Staatsanwaltschaft so sehr in das filigrane Treppenhaus eingegriffen werden müssen, dass von dem eventuell schützenswerten Detail nicht mehr viel übrig geblieben wäre. An dem Abriss führe kein Weg vorbei.