Vom "Westside" zum "Rockside" - ein Rückblick

Rockside Ulm Vom „Westside“ zum „Rockside“ - ein Rückblick

Föhnfrisuren, Glitzer und ein prallgefüllter Dancefloor, dazu skurrile Tanzschritte zu „Girls Just Wanna Have Fun“ von Cyndi Lauper und „Boys Don’t Cry“ von The Cure. Frauen tragen bunte Kleider, ein breites Lächeln, große Ohrringe. Männer Lederjacken, gemusterte Hemden, der lässige Blick darf nicht fehlen. Willkommen in den 80ern, willkommen im Nachtleben, willkommen im Ulmer „Westside“.

Der Zeremonienmeister der wilden Partys, die in diesen Zeiten nicht selten sieben Mal in der Woche steigen, heißt Frieder Hieber. Mitte 20, mit Magnum-Schnauzer und einer Vorliebe für Popmusik. Er hatte seinen Vater Ende der 70er davon überzeugt, den alten Familiensupermarkt „Hieber“ in der Nähe des Blaubeurer Tors in eine Disco zu verwandeln. Gemeinsam mit seinem Bruder macht Hieber den neuen Laden in der Stadt bekannt.

„Westside“ in Ulm: Rocker, Popper, Schickeria

Die 80er sind die goldenen Zeiten im „Westside“. 40 Festangestellte und 120 Aushilfen sorgen dafür, dass der Betrieb läuft. Hier kommen Rocker und Popper gleichermaßen auf ihre Kosten, hier trifft sich die Ulmer Schickeria. Jeder Abend schreibt seine eigene Geschichte, besonders dann, wenn große Musikstars in der Donauhalle spielen. Dann buhlen Hieber und seine Konkurrenten Garry Lottermoser und Manfred Zauter vom Nachtclub „Aquarium“ vor der Eventlocation darum, in welchem Laden die Prominenz ihre Aftershowparty feiert.

Helen Schneider, Scorpions, Peter Schilling - die Stars im „Westside“

Den Kampf um Helen Schneider gewinnt Hieber. Mit einem Blumenstrauß und charmant-mangelhaftem Englisch überzeugt er die Rocksängerin, nach ihrem Auftritt ins Westside zu kommen. Ein Weltstar kommt! Das Westside bebt! Es sind Geschichten wie diese, die Hieber mit leuchtenden Augen an die alten Zeiten zurückdenken lassen. „Die 80er“, sagt der heute 63-Jährige, „waren unbeschreiblich.“ Im Obergeschoss aßen die „Scorpions“ zu Abend, Peter Schilling spielte für 700 Mark und „Hot Chocolate“ sorgten für eine Massenhysterie vor der Disco.

Aus dem „Westside“ wird „Die neue Oper“

Doch die Konkurrenz schlief nicht. Ende der 80er schossen neue Läden aus dem Boden, das „Myer’s“ am Lautenberg, das „Lollipop“ in Senden. Das Ulmer Partyvolk verteilte sich. Schwierige Zeiten für das Westside, 1991 machte Hieber den Club zu und krempelte ihn um. 700.000 Euro später das Ergebnis: Aus dem „Westside“ wurde „Die neue Oper“. Wieder schaffte es Hieber, die Ulmer zu begeistern - allerdings nur an vereinzelten Abenden. Denn das neu eröffnete Roxy erschwerte ihm das Wochenendgeschäft. Mitte der 90er war dann auch das Kapitel „Die neue Oper“ beendet.

„Wäre das Gebäude nicht in Familienbesitz, hätte ich mich wahrscheinlich aus dem Nachtleben verabschieden müssen“, gesteht Hieber. Doch er gab nicht auf und stieß auf ein Konzept, das den Ulmern noch lange in Erinnerung bleiben sollte. Dieses Mal kein Club, sondern eine Bar voll ausgestattet mit Bildschirmen. Darauf zu sehen: Der Bierpreis – leicht schwankend wie der Börsenkurs. Auf Knopfdruck gab’s dann der Crash: Die Gäste eilten zur Bar, denn zwei Minuten lang ging das Pils ging für einen Spottpreis über die Theke. Passend dazu der Name „Wallstreet“. Doch auch das Konzept war keine langfristige Sache.

Hieber und „Capo“ eröffnen das „Rockside“

Anfang der 2000er tat sich Hieber schließlich mit dem Ulmer Kult-Gastronom Dieter „Capo“ Zauner zusammen. Beide wollten dem leerstehenden Club wieder neues Nachtleben einhauchen. In Anlehnung an das frühere „Westside“ und in Verbindung mit dem neuen Musikkonzept taufte Capo die Disco an den Freitagspartys „Rockside“.

Die neuen Impulse funktionierten, das Geschäft boomte wieder. „Es war schön zu sehen, dass es nach den schwierigen Jahren wieder bergauf ging“, sagt Hieber.

„Milli Vanilli“: Jubiläumsparty im Rockside mit Stars der 80er

Bis heute ist das „Rockside“ eine beliebte Adresse bei den Ulmern. Mit bunt gemischten Events – von der „90er-Party“ bis „Bi-Homo-Bi-Hetero“ - hat der Club seinen Platz in der Ulmer Szene über viele Jahre verteidigt. „Keine Selbstverständlichkeit“, wie Hieber weiß. Seit 39 Jahren ist er inzwischen im Ulmer Nachtleben tätig.

Am Pfingstsonntag, 9. Juni, wird das Jubiläum im „Rockside“ nun groß gefeiert. Mit dabei – wie sollte es anders sein – eine 80er-Jahre-Legende: Fab Morvan tritt mit der neuen Besetzung von „Milli Vanilli“ auf.

Dieser Artikel entstand in Kooperation mit cityStories Ulm.

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