Ulm Jubeltöne und Missklänge

Zwei Events zum Münsterturmjubiläum: Rafael Lozano-Hemmers Installation "Solar Equation" und das "klangfest@125", das Ersatzprogramm für das "Ulmer Oratorium".
Zwei Events zum Münsterturmjubiläum: Rafael Lozano-Hemmers Installation "Solar Equation" und das "klangfest@125", das Ersatzprogramm für das "Ulmer Oratorium". © Foto: Lars Schwerdtfeger, Oliver Schulz
Ulm / MAGDI ABOUL-KHEIR 31.12.2015
Gebannt schauten die auf dem Münsterplatz versammelten Ulmer nach oben, als an Neujahr Joachim Fleischers "Münster Scanning" angeknipst wurde - und damit ein Feierjahr seinen leuchtenden Anfang nehmen sollte.

Gebannt schauten die auf dem Münsterplatz versammelten Ulmer nach oben, als an Neujahr Joachim Fleischers "Münster Scanning" angeknipst wurde - und damit ein Feierjahr seinen leuchtenden Anfang nehmen sollte. Wer freilich ein Spektakel erwartet hatte, wurde von der Lichtinstallation des Stuttgarts enttäuscht. Das optische Abtasten durch bewegliche LED-Scheinwerfer, das den Turm von innen heraus in Szene setzte, sollte gar keine Show-Effekte bieten, sondern war eher meditativ gedacht. Tatsächlich sollten viele Ulmer im Laufe des Jahres das "Münster Scanning" liebgewinnen.

Fast zwei Millionen Euro hatte es sich die Stadt kosten lassen, den 125. Geburtstag des vollendeten Münsterturms zu feiern. "Ulmer Weitblick" hieß die Marketingaktion mit Kulturprogramm. Wie sich Feierlichkeiten rund ums Münster seit dem 19. Jahrhundert verändert hatten, das reflektierte eine Ausstellung im Stadthaus: "Aus Sehnsucht wird Weitblick." Die Worte "Sehnsucht" (in Rot) und "Weitblick" (in Blau) prangten dazu in mannshohen Buchstaben vom Stadthausdach - Ulm wollte ja auch überregional auf sich aufmerksam machen.

Schlagzeilen gab es schon, aber anders als erhofft. Zum Aufreger wurde das "Ulmer Oratorium" , die Welturaufführung war als Höhepunkt des Programms gedacht. Der Zyprer Marios Joannou Elia hatte den Auftrag, das Riesenwerk für mehr als 400 Mitwirkende aus Ulm und Umgebung zu komponieren: Philharmonisches Orchester, Münsterkantorei, Oratorienchor, Ulmer Spatzen, Junge Bläserphilharmonie, dazu Solisten wie Joo Kraus, Fola Dada, Jürgen Grözinger. Aufgrund des baulichen und klanglichen Aufwands stieg das Budget für das Oratorium auf rund eine halbe Million Euro.

Das Libretto ging von der Frage aus: Was wäre, wenn der Turm nicht mehr existierte? Welche Bedeutung hat das Münster für die Stadtgesellschaft? Plötzlich aber hieß es: Was ist, wenn das Oratorium nicht existiert? Wie rettet die Stadtgesellschaft ihr Jubiläumskonzert?

Denn Anfang März erfolgt der Paukenschlag: Die für Ende Mai geplanten Aufführungen des Oratoriums wurden abgesagt. Oberbürgermeister Ivo Gönner teilte mit, der Komponist habe die Partitur nicht fristgerecht fertiggestellt, die beteiligten Ensembles hätten nicht mehr ausreichend Probenzeit. Es folgte ein unschöner Konflikt zwischen Elia und Ulmer Protagonisten.

Wer wirklich wann was falsch gemacht hat, wer aus welchen Interessen wann fragwürdig gehandelt hat - das lässt sich im Nachhinein nicht mit Gewissheit sagen. Nur so viel: Das alles hinterließ keinen allzu professionellen Eindruck, und es gab so manche unschönen Misstöne.

Dafür wurde mit vereinten Kräften doch noch ein Jubiläumskonzert auf die Beine gestellt. Münsterkantor Johannes Friedemann Wieland und Operndirektor Matthias Kaiser strickten mir den beteiligten Ensembles und Solisten ein "klangfest@125" zusammen, dass am 29. und 30. Mai auf dem Münsterplatz über die Bühne ging. Ein musikalischer Gemischtwarenladen war das, aber doch auch eine Leistungsschau Ulmer Musiker.

Andere Programmpunkte des "Ulmer Weitblicks" gelangen reibungslos. Da war die Installation "Solar Equation" des mexikanisch-kanadischen Künstlers Rafael Lozano-Hemmer: ein im Münster aufgehängter Riesenballon, der Sonneneruptionen simulierte. Für "Ich, Ulm" hatten viele Bürger zum Malstift gegriffen, und die Stuttgarter Künstlerin Doris Graf hatte aus diesem Bilderschatz Piktogramme destilliert, die Ulmtypisches ausdrücken sollten. Und die Berlinerin Susanne Heinrich verband an vier "Poetry & Party"-Themenabenden Literatur, Beats und mehr zu einer prima Mischung.

Im Rückblick waren es dazu gerade auch etliche lokale Projekte wie "125 Blickwinkel", die ursprünglich weniger im Fokus stehen sollten (und insgesamt mit 100.000 Euro unterstützt wurden), aber das Jubeljahr bereicherten.

Und der Weitblick? Das nächste Mal wird das Münster 2027 (650 Jahre Grundsteinlegung) gefeiert. Vielleicht ja dann mit dem "Ulmer Oratorium". Und mit dem "Münster Scanning" - denn das leuchtet nun weiter.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel