Rund 240 Millionen Euro kostete die im Frühsommer 2012 fertig gestellte neue Chirurgie des Ulmer Uniklinikums. Sie war nicht nur eines der größten Bauvorhaben der vergangenen Jahrzehnte, sondern sollte auch ein Vorzeigeprojekt sein. Erstmals nämlich war ein Klinikum als Bauherr aufgetreten, mit Stolz geschwellter Brust. Denn eigentlich ist das Land für Klinikbauten zuständig. Um das schon seit Jahrzehnten geplante Vorhaben angesichts knapper Landesmittel aber nicht gänzlich auf die lange Bank zu schieben, hatten die Verantwortlichen auf dem Oberen Eselsberg dem Land die Bauherrenschaft abgetrotzt. Das Klinikum stemmte die Hälfte der Kosten selbst und finanzierte die andere Hälfte vor.

Schlechtes Zeugnis

Doch elf Monate nach der mit reichlich Selbstbeweihräucherung gefeierten Einweihung war der Lack ab. Ein der SÜDWEST PRESSE mehrere Wochen vor der offiziellen Veröffentlichung zugespieltes Gutachten des Landesrechnungshofes stellte der Chirurgie ein schlechtes Zeugnis aus. Auf 62 Seiten wurden tausende Mängel aufgelistet. Zentraler Vorwurf: Den Bauherren um den damaligen Leitenden Ärztlichen Direktor Reinhard Marre und den Ende April 2013 (und somit kurz vor Bekanntwerden des Skandals) hastig ausgeschiedenen und ans Uniklinikum Hamburg gewechselten Kaufmännischen Direktor Rainer Schoppik sei es vor allem um eine Einhaltung des Zeit- und Kostenplans gegangen. Dies aber zu Lasten der Bauqualität und somit „zum regelmäßigen Nachteil des Landes“– das bis heute für Folgekosten aufkommen muss.

Der gravierendste Fehler passierte demnach beim Bau der zentralen Abwasserleitung unter der Chirurgie. So stellte sich heraus, dass das Gefälle viel zu gering, ja teilweise gar nicht vorhanden war. Um den Fehler zu beheben hätte die 200 Meter lange und 1,5 Meter dicke Beton-Bodenplatte, auf der das Gebäude fußt, entfernt werden müssen. Man verzichtete jedoch darauf, um die Inbetriebnahme nicht zu verzögern. Stattdessen wurde das Kanalrohr kostengünstig manipuliert, um das Gefälle wiederherzustellen. Jedoch verringerte sich so der Durchmesser des Rohres. Urteil der Gutachter: „Nach der Sanierung erhält das Klinikum ein Leitungssystem, das die Leistungsfähigkeit nicht erreicht und einen mit zusätzlichen Kosten verbundenen Wartungsaufwand erfordert.“

Zweites großes Manko aus Gutachtersicht: Wegen des schlechten Baugrunds war für das Gebäude ursprünglich eine Pfahlgründung vorgesehen gewesen. Die Klinik zog aber eine deutlich billigere Flachgründung vor, trotz Bedenken der Projektsteuerung, die eine sicherere Variante favorisierte.

Es sollte nicht nur bei den Bausünden bleiben. Nach der Veröffentlichung des ersten Artikels in der SÜDWEST PRESSE taten sich weitere Unregelmäßigkeiten auf. Das Klinikum war durch das Vorhaben offenkundig in eine solche finanzielle Schieflage geraten, dass es kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stand. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen die Ex-Direktoren wegen Bonuszahlungen.

Der Interimsvorstand um Prof. Klaus-Michael Debatin und Rüdiger Strehl nahm einen Kassensturz vor und bekannte anschließend in einer Pressekonferenz: „Es war ein Aha-Erlebnis. Man kann es auch Schock nennen.“ Nur dank millionenschwerer Hilfe vom Land und durch einen rigiden Sparkurs kam das Klinikum in den Folgejahren wieder auf die Beine. Die Last trugen vor allem die Mitarbeiter.