Musiker Joseph Kelemen, der Orgelmeister aus Neu-Ulm

Für seine elfteilige Orgel-Reihe ist Joseph Kelemen quer durch Deutschland und Österreich gereist.
Für seine elfteilige Orgel-Reihe ist Joseph Kelemen quer durch Deutschland und Österreich gereist. © Foto: Volkmar Könneke
Helmut Pusch 08.08.2017
Joseph Kelemen ist ein gesuchter Interpret für frühbarocke Werke. Jetzt legt er das letzte Album seiner elfteiligen Reihe bei Oehms Classics vor.

Zwölf Jahre lang hat der Neu-Ulmer Kirchenmusiker Joseph Kelemen auf historischen Orgeln die Werke frühbarocker Komponisten aufgenommen. Jetzt ist die elfteilige Reihe fertiggestellt. Die jüngste CD hat Kelemen mit Stücken eines Komponisten eingespielt, der auch einige Jahre – 1604 bis 1608 – in Ulm lebte: Hans Leo Hassler. Daran erinnert seit einigen Jahren eine Gedenktafel am Haus Donaustraße 10.

Aufgenommen wurde diese fünfte CD der Reihe „Süddeutsche Orgelmeister“ in der Stifts­kirche Klosterneuburg und in der Gabelbacher Martinskirche. Man merkt: Wer so ein Projekt umtreibt, muss vor allem eines – viel reisen. Denn Kelemen hat alle CDs, die bei Oehms Classics erschienen sind, auf Instrumenten eingespielt, die nicht nur aus der Zeit stammen, sondern auch aus der Region, in der die einzelnen Komponisten tätig waren. Und bei norddeutschen Meistern, denen Kelemen sechs CDs gewidmet hat, waren das eben auch norddeutsche Orgeln.

Dass er auf Anhieb von den jeweiligen Organisten die Genehmigung bekam, ihr Instrument bespielen zu dürfen, hat einen einfachen Grund: „Mein Lehrer war Harald Vogel“, sagt der gebürtige Budapester, der die kanadische Staatsbürgerschaft besitzt. Und der Bremer Orgelprofessor Vogel ist nicht nur in Norddeutschland eine Institution in Sachen Barockorgel. Deshalb stellten Musiker dem Neu-Ulmer ihre Instrumente bereitwillig zur Verfügung.

Und das heißt erst mal drei Tage lang: „Da mache ich mich mit dem Instrument vertraut, suche meine Registrierungen.“ Am dritten Tag braucht Kelemen auch die Assistenz des jeweiligen Haus­organisten. „Wenn ich registriere, sitze ich ja am Orgeltisch. Dort höre ich aber nicht, wie die Registrierung in den Kirchenbänken klingt“, erklärt der Musiker. Deshalb setzt er sich am dritten Tag in eine Kirchenbank, lässt sich seine Registrierungen vom Kollegen vorspielen und macht letzte Korrekturen.

Dann geht es wieder nach Hause, wo Kelemen daran arbeitet, seine Interpretation an das jeweilige Instrument und dessen Eigenheiten anzugleichen. Wenn er dann einige Wochen später mit dem Toningenieur und der Aufnahmetechnik anrückt, wird erstmal getüftelt, wo die Mikrophone platziert werden müssen. „Sind sie zu nahe am Instrument, fehlt der Raumklang. Sind sie zu weit entfernt, ist der Hallanteil zu groß.“ Und bei großen Instrumenten, deren Prospekte weit voneinander entfernt sind, kommen noch ganz andere Probleme dazu. Da kann alleine die Ausrichtung der Mikrophone schon auch mal einen ganzen Tag verschlingen.

Was fasziniert Kelemen an den barocken Instrumenten? „Ihr silberner Klang“, sagt der Neu-Ulmer, „die Reinheit der einzelnen Register.“ Dafür nimmt der Musiker auch in Kauf, sich ständig auf neue Instrumente einzustellen. Denn das Spielgefühl ist auf jedem dieser historischen Instrumente anders. Jede Orgel hat einen anderen Anschlag. Manche spielen sich relativ leichtgängig, bei anderen muss man schon ordentlich die Tasten drücken.

Kelemen tut das im so genannten norddeutschen Fingersatz. Dabei werden die meisten Töne mit dem Zeige-, dem Mittel- und den Ringfinger gedrückt. Daumen und kleiner Finger kommen nur selten zum Einsatz, etwa beim letzten Ton einer Tonfolge – bei Oktaven und bei Akkorden.

Warum man im Barock so spielte, weiß man nicht genau. „Manche vermuten, dass es von der Zupfhand der Laute kommt, die wurde auch ohne Daumen gespielt“, sagt Kelemen. Andere wiederum meinen, dass die Tastaturen früher sehr schwergängig waren und man deshalb vor allem die kräftigsten Finger nutzte. „Schließlich hat man früher ja auch davon gesprochen, dass man die Orgel schlägt.“

Von Kanada an die Donau

Interpret Joseph Kelemen wurde 1957 in Bu­da­pest geboren, studierte dort an der Franz-Liszt-Musikakade­mie. 1980 emigrierte er in die Schweiz und wanderte von dort 1982 nach Kanada aus. Seit 1986 ist er Organist und Kantor an der Neu-Ulmer Kirche St. Johann Baptist.

Orgelreihe Die elfteilige Reihe mit frühbarocken Werken norddeutscher und süddeutscher Komponisten entstand in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk und ist bei Oehms Classics erschienen. Seine CD mit Werken Johann Capar Kerlls wurde mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik sowie den französischen Diapason d’Or ausgezeichnet. Seine Kenntnisse in der Interpretation der barocken und vorbarocken Orgelmusik und seine Anwendung des alten Fingersatzes gibt er in Interpretationskursen an andere Organisten weiter.