Neue Musik Jenseits der Stapeltasse

Ulm / Burkhard Schäfer 16.10.2018

Dass das Scherer-Ensemble eine Instanz ist, wenn es um die vergessene alte Ulmer Musik geht, dürfte sich weit über die Stadt hinaus herumgesprochen haben. Wie versiert die Musiker rund um ihren Gründer und Dirigenten Thomas Müller aber auch in Neuer Musik sind, haben sie in der Mensa der HfG eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Was war geschehen? Zum ersten Mal seit ihrem Aus im Jahr 1968 wurde die wirkmächtige Vergangenheit der HfG von ihrer musikalischen Seite her beleuchtet.

Spannend wie ein Krimi

„Vergessen Sie die Stapeltasse!“, rief Müller den Zuhörern zu Beginn zu. Den vielen Besuchern, die sich in der sonnendurchfluteten Mensa eingefunden hatten, sollte das nicht schwer fallen. Erstens gestaltete Müller seine drei Vortragsblöcke zur Musikhistorie der HfG spannend wie einen Krimi, zweitens warfen die Musiker die passend dazu ausgewählten Kompositionen mit einer derartigen Verve und Entdeckerlaune auf die Bühne, dass es krachte. Schon das einleitende Bläserseptett „Eröffnungsmusik für die HfG“, 1955 von Wladimir Vogel zur Einweihung des Neubaus komponiert und von Marc Deml, Frank Zuckschwerdt und Stefan Metzger (Trompete), Achim Schmid-Egger und Adriano Orlandi (Horn), Torsten Frais (Euphonium) sowie Christian Keller (Posaune) kongenial gespielt, war ein Ohrenputzer erster Güte.

„Musik erklang schon an der Wiege der HfG“, kommentierte Müller das Gehörte lakonisch. Von Vogel erklangen auch Klavierwerke, unter anderem „Ein wenig klagend“, stark gespielt von der Pianistin Sylvia Kühn-Padrós. Das Scherer-Ensemble wäre nicht das Scherer-Ensemble, würde es nicht bei jedem seiner Konzerte mindestens eine Uraufführung präsentieren. Am Sonntag lieferten diese Bernhard Rövenstrunck („Herzlich lieb hab ich dich, Herr“) und Jürgen Uhde („Geistlicher Spruch“ und „Tusch“, alle drei Werke für Chor). Uhde war in den 50er und 60er Jahren eine der wichtigsten Musikerpersönlichkeiten an der HfG. Seine beiden Chorstücke hatte Müller eigens für die Matinee aus dem Nachlass transkribiert.

Dann: Helmut Lachenmann, auch er hatte in seinen jungen Jahren als Dozent mit der HfG zu tun. Seine „Fünf Variationen über ein Thema von Schubert“ von 1956 für Klavier zeigen den heute 82-Jährigen von seiner noch-moderat-modernen Seite. Zu einem Höhepunkt des Konzert geriet die Performance „Solo“ nach Mauricio Kagel, zu der Müller, Michael Burow-Geier und Stefan Metzger Loriot-like ein unsichtbares Orchester dirigierten. Nun hatte das „Warten auf Adorno“ – so das Motto des Konzerts – ein Ende. Nachdem Metzger und HfG-Leiter Martin Mäntele aus dem Briefwechsel zwischen Uhde und Adorno gelesen hatten, wurde es mit „Dämmerung“ für Frauenchor – Helen Willis und Charlotte Martens (Sopran), Michaela Trucksäß (Mezzosopran) und Nelly Schempp (Alt) – rabiat atonal. „Es stimmen mehr Töne, als Sie denken“, kommentierte Müller diesen so genannten „Rasierklingenritt“ in Richtung Publikum. Riesenapplaus, auch für die noch folgenden „Drei Klavierstücke“ Adornos.

Thomas Müller hatte die Dramaturgie so konzipiert, dass am Schluss des Konzerts ein Requiem aus den „Sieben Chorstücken“ mit dem provokanten Titel „Rrrrrrr . . .“ von Mauricio Kagel erklang, der in den 1960er Jahren als Musikdozent an der HfG tätig war. Nach diesem fulminanten Konzertprojekt bleibt zu hoffen, dass Müller seine Forschungen rund um die Musikgeschichte der HfG noch veröffentlicht.

Auf den Spuren Ulmer Musik

Ensemble 2004 gründete der Musiker und Historiker Thomas Müller das nach dem  Ulmer Münsterorganisten Sebastian Anton Scherer (1631-1712) benannte Ensemble. Müller und seine Mitstreiter haben sich ganz der Suche nach Ulmer Musik und deren Aufführung verschrieben. Die Besetzung variiert vom Solistenquartett bis zum zwölfköpfigen Vokalensemble.

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