Ulm Iveco-Krise für Bäckerei Staib eine Katastrophe

Die Großbäckerei Staib beliefert das Werk täglich zwei Mal und bringt tausende Semmeln, Brezeln und Körnerbrötchen hin - noch.
Die Großbäckerei Staib beliefert das Werk täglich zwei Mal und bringt tausende Semmeln, Brezeln und Körnerbrötchen hin - noch. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / REGINA FRANK 27.07.2012
Iveco Magirus stellt in Ulm bald keine Lastwagen mehr her. Das hat Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft. Viele Dienstleister sind betroffen und Zulieferer. Dies allerdings in ganz unterschiedlicher Art und Weise.

"Es ist eine Katastrophe. Es ist in dieser Konsequenz unfassbar." Für Marcus Staib fällt der größte Kunde weg, wenn die Lkw-Produktion von Iveco Magirus im Donautal schließt und hunderte Arbeitsplätze abgebaut werden - im Raum stand bislang die Zahl 670, möglicherweise werden es nicht ganz so viele sein.

Zwei Lieferfahrzeuge von Staib fahren täglich das Werk im Donautal an, bringen mehrere Tausend Semmeln, Brezeln und Körnerbrötchen hin. Seit 25 Jahren. Auch wenn die Ulmer Bäckerei insgesamt 50 000 Menschen am Tag mit Backwaren versorgt, bedeuten einige hundert weniger einen Verlust. Staib hält es für ausgeschlossen, diese Lücke in absehbarer Zeit schließen zu können. "So einen Großkunden kriegt man nur alle paar Jahre." Die Bäckerei wird wohl bald mit Überkapazitäten zu kämpfen haben, "irgendwo etwas einsparen müssen". Der Chef sagt aber auch: "Ich werde deswegen keine Mitarbeiter entlassen - ich bin ja froh über jeden, der da ist." Zurzeit fallen Überstunden an, Staib plant, zuallererst die Stundenzahl herunterzufahren. Sprich: Die betroffenen Mitarbeiter verdienen weniger.

Staib ist exemplarisch für jene Dienstleister aus der Region, die zwar nicht direkt an der Produktion von Iveco hängen, aber dennoch spürbare Einschnitte erleben. Für sie fällt zwar nicht alles weg, erklärt Michael Braun von der IG Metall, der Brandschutz von Iveco bleibe schließlich bestehen, er wird sogar ausgebaut. Aber die Dienstleister haben an dem Standort im Donautal bald weniger Arbeit. In den Worten von Iveco-Pressesprecher Manfred Kuchlmayr: "Wenn weniger Leute essen, wird weniger gekocht." Im wörtlichen Sinne in der Kantine, im übertragenen auch in der Logistik oder im Werkschutz.

Welche Auswirkungen die Schließung des Lkw-Werks auf das Dienstleistungsunternehmen Fiat GmbH hat, das für Iveco Magirus und andere Teile des Fiat-Konzerns Buchhaltung, Entgeltberechnungen und Steuer abwickelt, ist bislang nicht bekannt. "Wir wissen immer noch nichts Genaues", sagt die Betriebsratsvorsitzende Elke Schwarzmann. Es herrsche Unsicherheit. "Wir werden immer wieder vertröstet." Am Hauptsitz in der Nicolaus-Otto-Straße sind mehr als 100 Mitarbeiter beschäftigt. Personalreferent Holger Sattler wartet ebenfalls auf Informationen aus Turin. Er geht davon aus, dass Personal abgebaut wird. "Iveco Magirus ist schließlich unser größter Kunde."

Die Auswirkungen für die Region seien, was die Dienstleister angeht, vergleichsweise massiv, meint Michael Braun von der IG Metall Ulm. Große Einschläge im Zulieferbereich gebe es hingegen nicht. Die industrielle Wertschöpfungskette bestehe im Wesentlichen fort: "In Spanien wird ja weiter produziert." Das heißt: Zulieferer, die mit Iveco generelle Verträge haben, schicken ihre Teile eben nach Madrid statt Ulm. "Auch wenn sich der Montageort verändert: Der Stralis bleib schraubengleich ein Stralis", betont denn auch Pressesprecher Kuchlmayr. Die Getriebe von ZF Friedrichshafen hätten künftig zwar weitere Transportwege, die Teile der italienischen Zulieferer dafür kürzere. Ändern könnten sich allerdings die Mengen. Insgesamt hat Iveco offiziellen Angaben nach in Europa 270 Zulieferer, 60 in Deutschland.

Die mit der Schließung der Ulmer Lkw-Produktion einhergehenden Folgen für die Geschäftspartner relativieren sich auch aus einem anderen Grund - der mit der Ausgangslage zu tun hat. "Wir kommen aus einer Unterauslastung", sagt Braun, und die lag in Krisenzeiten bei sage und schreibe 70 Prozent. Der Bedarf an Dienstleistungen und Zulieferteilen bewegte sich also schon länger auf niedrigem Niveau. Gravierend sind aus Sicht des Gewerkschaftssekretärs die Folgen für den Einzelhandel: "Wo sich industrielle Strukturen verändern, fragen sich die Menschen: Wie sicher ist mein Job eigentlich?" Das Geld für nicht wirklich nötige Konsumartikel sitzt folglich nicht mehr so locker.