Ulm Ist Spielsucht therapierbar?

CHRISTOPH MAYER 23.07.2012
Glücksspielsüchtige fallen bisher durch jedes therapeutische Raster. Hilft eine ursprünglich für Alkoholabhängige entwickelte Gesprächstherapie? Das wollen Ulmer Wissenschaftler in einer Studie herausfinden.

Wie viele Menschen in Deutschland sind glücksspielsüchtig? Dazu gibt es unterschiedliche Erhebungen. Die Wissenschaft geht von 100 000 bis 300 000 pathologischen Spielern aus. Verglichen mit"Volkskrankheiten" wie Depression (vier Millionen) oder Alkoholismus (zwei Mio.) nicht viel. Doch man muss die Dynamik sehen, sagt Dr. Maximilian Gahr von der Ulmer Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie III."Wahrscheinlich nimmt die Zahl von Menschen mit Glücksspielsucht zu." Warum das so ist, darüber gibt es keine wissenschaftlich belegbaren Aussagen. Doch angesichts einer unübersehbaren Zunahme von Wettbüros und Spielhallen an beinahe jeder Straßenecke sowie dem Boom von Glücksspielen im Internet dürfte die Aussage kaum jemanden überraschen.

Darüber hinaus ist Glücksspielsucht keine Petitesse."Die Erkrankung ist mit hohem Leidensdruck verbunden", sagt Gahr.Überschuldung, Berufsverlust und sozialer Abstieg sind häufige Folgen, viele Betroffene geraten auf die schiefe Bahn, um die Sucht zu finanzieren. Die gehe oft mit anderen Süchten oder Depressionen einher, sei aber eine eigenständige und daher zu therapierende Krankheit.

Es magüberraschen, dass für Spielsucht bislang keine gute Therapie existiert."Wir haben nichts, was wirklich hilft", sagt Gahr,"unsere Patienten fallen durch das therapeutische Raster". Versuche, pathologisches Spielen medikamentös - etwa durch Gabe von Psychopharmaka - zu behandeln, seien andernorts zwar teils erfolgreich verlaufen."Die Rückfallwahrscheinlichkeit ist aber dennoch hoch." An der Uniklinik in Ulm will man es nun mit einem Ansatz von Anfang der 90er Jahre von den US-Psychologen William Miller und Stephen Rollnick zur Behandlung von Alkoholsucht versuchen: die"Motivierende Gesprächsführung" (Motivational Interviewing). Diese Form der Psychotherapie habe gute Erfolge erzielt, sagen Gahr und Prof. Carlos Schönfeldt-Lecuona, die die Studie leiten. Warum das Konzept also nicht auch auf Spielsüchtige anwenden?

Vor Beginn der Kurztherapie findet ein einführendes Gespräch statt, nach Abschluss müssen die Probanden im Verlauf von sechs Monaten dreimal einen Fragebogen ausfüllen. Eine Verordnung von Arzneimitteln sei nicht vorgesehen, sagt Gahr, die Behandlung sei zudem kostenlos und eine Überweisung in die Uni-Klinik nicht notwendig. Das Besondere am Motivational Interviewing ist: Die Therapie ist nicht konfrontativ, das heißt, der Patient muss nicht in seiner Vergangenheit graben oder sich mit den Ursachen seiner Sucht auseinandersetzen. Stattdessen führt der Therapeut das Gespräch so, dass der Patient bewusst selbst Widersprüche erzeugt und daher in die Lage versetzt wird, sich mit seinem ambivalenten Verhalten auseinanderzusetzen und es zu verändern, sagt Gahr. So werde der Patient zum Fürsprecher seiner eigenen Veränderung.

Info Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie III: Telefon: (0731) 50 06 15 52 von 8 bis 17 Uhr zur Verfügung.