Ehrenamt Interview: Wasserwachtler Gordon Franke ist seit 40 Jahren im Ehrenamt

Zu den Aufgaben von Wasserwachtler oder „Pfützen-Sani“ Gordon Franke gehört im Sommer der Dienst am Ludwigsfelder Baggersee.
Zu den Aufgaben von Wasserwachtler oder „Pfützen-Sani“ Gordon Franke gehört im Sommer der Dienst am Ludwigsfelder Baggersee. © Foto: Lars Schwerdtfeger
JULIA KLING 14.09.2016
Menschenleben retten, Bienenstiche versorgen: Warum sind Menschen ehrenamtlich aktiv. Ein Gespräch mit einem, der es wissen muss: Wasserwachtler Gordon Franke.

Herr Franke, die meisten Leute kommen hier an den Ludwigsfelder Baggersee, um zu entspannen. Sie schieben ehrenamtlich Dienst bei der Wasserwacht.
GORDON FRANKE: Eigentlich ist der Dienst für uns nichts Schlimmes. Aber es ist die Zeit. Man will nicht von der Familie getrennt sein, die muss dann schon mitziehen. Wir sagen auch ,Wir gehen baden‘. Es ist ja eine gewisse Art von Freizeit für uns. Aber das, was man nicht sieht, ist sehr viel mehr. Die Einsätze beim Nabada oder Triathlon, die Weiterbildungen, Übungen und Rettungseinsätze.

Wie oft sind Sie für die Wasserwacht unterwegs?
FRANKE: Es gibt 10 bis 15 Pflichttermine im Jahr nur um das zu bleiben, was man ist. Etwa Rettungsschwimmer, Bootsführer oder Taucher.

Und wie oft haben Sie Schicht am See?
FRANKE: Fünf bis sechs Wochenenden in der Saison. Samstags von 13 bis 18 Uhr. Sonntags von zehn an. Fünf bis sechs Personen sind die Mindestbesetzung an einem See. Meistens sind wir aber zehn bis zwölf Leute, die den Wasserrettungsdienst stellen. Wir bewachen zwei Seen, Ludwigsfeld und Pfuhl. Das ist für uns eine große Belastung. Früher waren wir hier am Ludwigsfelder See 30 bis 40 Leute am Wochenende. Jetzt müssen wir uns aufteilen.

Würden Sie nicht lieber auch ohne Dienst zu haben auf der Wiese liegen?
FRANKE: Wenn man hier ist, ist es wirklich schön in der Gruppe. Von jung bis alt, kann jeder bei uns mitmachen. Da gibt es einen gewissen Zusammenhalt.

Was sind Ihre Aufgaben?
FRANKE: Klar gehört der Wasserrettungsdienst in der Region zu unseren Aufgaben. Dazu kommen Einsätze bei Großveranstaltungen wie Nabada und Einstein-Marathon oder auch Vereinsfeste an einem See, da fragen die Veranstalter nach einer Absicherung und da ist auch noch die Schwimm- und Rettungsschwimmausbildung.

Und hier am See?
FRANKE: Das ist unheimlich vom Wetter abhängig. Wenn gutes Wetter ist, haben wir hier eine Großveranstaltung mit bis zu 6000 Leuten. Da versorgt man mal einen Bienenstich oder eine Platzwunde. Es kann aber auch schnell ernst werden, wenn jemand etwa einen anaphylaktischen Schock bekommt oder eine Mutter ihr Kind vermisst. Wir haben zum Glück viele Rettungssanitäter hier bei der Wasserwacht, die Vorarbeit leisten können bis der Rettungsdienst kommt.

Wie oft gibt es brenzlige Situationen?
FRANKE: Die gibt es schon öfter. Drei Rettungen waren es in diesem Jahr bisher hier in Ludwigsfeld. Wenn wir mit dem Rettungsbrett hinfahren, ist das für uns noch kein richtiger Rettungseinsatz. Es ist eine Rettung, aber eben nicht so spektakulär, wie man das von Baywatch kennt. Trotzdem, die meisten kriegen wir, wenn wir hier vor Ort sind, bevor es zum Kreislaufversagen kommt.

Was ist ein richtiger Rettungseinsatz?
FRANKE: Wenn zum Beispiel Taucher von uns rein müssen und wir den Patienten anschließend reanimieren müssen.

Wie viel Zeit bleibt den Rettern, wenn etwas im Wasser passiert?
FRANKE: Wasser ist anders als eine „Ölspur“ oder so etwas. Bei uns kommt es auf jede Sekunde an. Nach 30 Minuten ist es eigentlich ein Bergungseinsatz.

Was sagt ihr Arbeitgeber, wenn Sie zu einem Rettungseinsatz müssen?
FRANKE: Ich bin selbstständig, da geht das einfacher. Generell ist es bei uns einfacher als etwa bei der Feuerwehr, weil wir kürzere Einsatzzeiten haben. Meistens zwei bis vier Stunden. Für einen Wasserwachtler, der etwa im Donautal arbeitet, lohnt sich aber häufig die Anfahrt nicht. Deshalb werden unter der Woche alle drei Schnelleinsatzgruppen in Neu-Ulm, Senden und Illertissen alarmiert, damit genug Helfer vor Ort sind.

Wie lange sind Sie schon bei der Wasserwacht dabei?
FRANKE: Über 40 Jahre.

Wie kommt man so jung zur Wasserwacht?
FRANKE: Meine Schwester ist sieben Jahre älter als ich. In ihrem Zimmer habe ich damals ein Rettungsschwimmerabzeichen entdeckt. Da wollte ich auch so etwas und bin dabeigeblieben.

Was ist Ihre Motivation?
FRANKE: Dass man helfen will, ist das, was einen antreibt. Aus Spaß am Sport und Freude am Helfen. So lautet ein  alter Leitspruch der Wasserwachtler, aber er gilt immer noch. Die Wasserwacht ist mehr als nur die Einsätze. Bei uns gibt es auch viel Jugendarbeit, es ist ein bisschen wie in einem Sportverein.

Noch nie ans Aufhören gedacht?
FRANKE: Vor drei, vier Jahren wollte ich schon mal aufhören. Aber meine Tochter ist auch bei der Wasserwacht und dann hab’ ich gesagt, ich mach in ihrer Gruppe doch weiter. Aber ich bin jetzt nicht mehr auf jeder Hochzeit dabei. Aber bei Einsätzen schon, da weiß ich, dass es drauf ankommt.

Wie geht man damit um, wenn man bei einem Unglück zu spät kommt?
FRANKE: Es gibt ein Kriseninterventionsteam. Auch der Einsatzleiter kommt zu einem und fragt, ob man Hilfe braucht. Bei meinem ersten Einsatz als Taucher fehlte hier im Ludwigsfelder See ein junger Erwachsener. Nach einer dreiviertel Stunde haben wir ihn rausgeholt und seine Freundin stand daneben. Die dann zu versorgen, war wirklich blöd. Es ist okay, solange kein persönlicher Bezug besteht. Bei Kindern ist es immer schwierig. Ich sag mir dann: Ich geb’ immer das Beste, wenn das nicht reicht, hat es der liebe Gott nicht anders gewollt. Aber es gibt auch schöne Momente.

Zum Beispiel?
FRANKE: Einmal war ein junger Mann an einem Kraftwerk in der Iller an einem Nagel hängen geblieben. Er wäre schier ersoffen, aber wir haben ihn rausgeholt. An solchen Momenten baut man sich auf.

Welche Voraussetzungen muss man mitbringen für die Wasserwacht?
FRANKE: Um bei uns anzufangen keine, eigentlich muss man nicht mal „richtig“ schwimmen können.

Wo können Sie am besten entspannen? Auch am Wasser?
FRANKE: Ich bin ein Wassermensch. Es kann kalt, warm, süß, salzig sein. Hauptsache Wasser.

Wann gefällt es Ihnen am See am besten?
FRANKE: Nach einem Räumungsgewitter. Also, wenn um halb drei ein Gewitter runter geht, alle ihre Sachen packen und heimgehen und eine halbe Stunde später ist alles vorbei und die Sonne scheint wieder.

Zur Person

Gordon Franke Seit über 40 Jahren ist Gordon Franke Mitglied der Neu-Ulmer Ortsgruppe der Wasserwacht des Bayerischen Roten Kreuzes. Dort ist der Pfuhler als Rettungsschwimmerausbilder für den Nachwuchs zuständig. Daneben gehört er zu rund 150 Luftrettern in Deutschland. Hauptberuflich ist Franke selbstständiger Spengler- und Dachdeckermeister. Der 48-Jährige ist verheiratet und hat vier Kinder.