Bühne Interview: Nemec und Wachtveitl spielen Dickens

Zusammen auf Tour: Die Schauspieler Miroslav Nemec (links) und Udo Wachtveitl.
Zusammen auf Tour: Die Schauspieler Miroslav Nemec (links) und Udo Wachtveitl. © Foto: Stefan Nimmesgern
Ulm / Lena Grundhuber 01.12.2018

Alles Humbug! Das ist Ebenezer Scrooges Meinung über Weihnachten – und damit wurde der verbitterte Geizkragen eine der berühmteren Gestalten der Weltliteratur. Wie der herzlose Held von Charles Dickens’ „Weihnachtsgeschichte“ auf den Pfad der Menschlichkeit zurückfindet, das erzählen am 21. Dezember im Theater Ulm zwei, die sich mit Bösewichtern auskennen: Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl sind seit einem Vierteljahrhundert zusammen als Münchner „Tatort“-Kommissare im Einsatz.

Gerade haben Sie gedreht, jetzt sind Sie auf Tournee. Wird’s nicht ein bissel viel mit der Zweisamkeit?

Udo Wachtveitl: Weil man uns aus dem „Tatort“ kennt, denken viele Leute, wir sind das ganze Jahr zusammen. Dabei sind’s ja nur knapp vier Monate im Jahr. Wir haben acht Monate, in denen wir uns nicht sehen – da kann man sich ganz gut voneinander erholen.

Miroslav Nemec: Außerdem gibt’s ja immer ein neues Drehbuch und ein neues Team. Das ist, als ob man zusammen an einen neuen Urlaubsort fährt, in immer andere Szenen und Milieus.

„A Christmas Carol“ von Dickens ist eine hochmoralische Geschichte über den Geizkragen Scrooge, den die Geister der Weihnacht durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft führen und zum guten Ende läutern. Können Sie damit was anfangen?

Nemec: Ich kann damit was anfangen. Ich bin ja im ehemaligen Jugoslawien aufgewachsen, zu Zeiten des Sozialismus. Da stand immer das Kollektiv im Vordergrund, das konnte manchmal nerven. Heute bin ich oft der Egozentrik überdrüssig. Viele Leute achten nicht mehr auf den anderen, sind egoistisch und rücksichtslos. Das ist leider nicht neu – denn genau das behandelt diese 140 Jahre alte Geschichte. Kurz vor Weihnachten ist der Mensch vielleicht etwas bereiter, sich damit auseinanderzusetzen. Wenn Scrooge sich wandelt, schaffen es andere auch.

Und Sie, Herr Wachtveitl?

Wachtveitl: Naja, ich glaube nicht, dass eine Theateraufführung die Welt verändert. Man muss die Vorlage einfach gut spielen und nicht gesellschaftspädagogische Vorstellungen damit verbinden. Diese Themen gibt es in allen Stücken, die was taugen. Einen aktuellen Bezug finden Sie immer. Es steht der künstlerischen Entfaltung meist im Wege, wenn man sie in den Dienst einer Idee stellt. Das passiert ja beim „Tatort“ auch oft.

Was macht die Qualität dieses Textes aus?

Wachtveitl: Die Geschichte von Scrooge ist die Geschichte einer Wandlung, so wie diese ganze Zeit der Wintersonnwende eine Zeit der Wandlung ist, eine Metapher für einen Neubeginn. Ist ja kein Zufall, dass da Christi Geburt gefeiert wird: Es ist eine Zeit, in der man das Alte abschließt und mit einem optimistischen Blick auf was Neues schaut.

Nemec: . . . dass wir dann in Ulm sind, ist ja auch kein Zufall! (lacht)

Wachtveitl: Die Botschaft ist simpel: Sei nicht egoistisch, sei ein guter Mensch. Das ist eigentlich schnell erzählt. Aber Dickens versteht was von seinem Handwerk und von Dramaturgie. Die „Weihnachtsgeschichte“ ist eine sehr gut gebaute Geschichte mit tollen Figuren.

Wie inszenieren Sie den Text?

Nemec: Martin Mühleis hat den Text bearbeitet.  Ich spiele den Scrooge, Udo alle anderen Figuren. Das ist die Idee. So ist aus der Vorlage unsere ganz eigene Version der „Weihnachtsgeschichte“ geworden. Und wir gehen unbelastet von Vorbildern an die Geschichte heran. Ohne Effekthascherei. Die Geschichte und die Figuren entstehen in der Fantasie der Zuschauer.

Wachtveitl: Wenn man sich drauf beschränkt, die Geschichte in ihrer vollen emotionalen Tragweite zu erzählen, dann kann das ganz gut gelingen. Die Musik wurde extra für den Abend komponiert, sie ist sehr gut, scheut sich nicht, sich emotional in die Kurven zu legen. Das Quintett spielt live auf der Bühne. Und natürlich gibt‘s uns zwei, nicht nur als Erzähler – wir springen regelmäßig in die Rollen, so entstehen Szenen. Eine schlackelose Dichte, die gut tut.

Hat Weihnachten für Sie persönlich eine Bedeutung?

Nemec: In Jugoslawien war Weihnachten was Besonderes, weil man es offiziell nicht feiern durfte. Dann kam ich nach Bayern, wo es nicht verboten ist. Dadurch hat es etwas an Reiz verloren. Ich bin schon lange aus der Kirche ausgetreten. Heute wünschen sich meine Tochter Mila und die Kinder der Schwester meiner Frau ein Weihnachtsfest, also gibt es einen Baum und Geschenke für die Kinder. Das Schöne an Weihnachten ist, dass es ein Anlass ist, zusammenzukommen. Schon als Kind waren das für mich Geschichten. Für mich hatte das nichts mit Glauben oder Religion zu tun.

Und bei Ihnen, Herr Wachtveitl?

Wachtveitl: Wenn man an die Wirkmacht von Geschichten nicht glauben würde, wären wir im falschen Beruf.

Nemec: Ach, und man lässt sich ja schon einfangen von dieser Weihnachtsstimmung . . .

Wachtveitl:  . . . ja, man sieht die Besoffenen am Punschstand und die flackernde Weihnachtsdeko und die Geschäftsleute, die sich freuen.

Nemec: Und wenn‘s dann noch schneit. Das ist schon schön.

Drei Tage vor Weihnachten

Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl treten am Freitag, 21. Dezember, 20 Uhr in „Eine Weihnachtsgeschichte nach Charles Dickens“ (Konzept: Martin Mühleis) im Theater Ulm auf. Es spielt das sagas-Streichquintett. Karten: 0731/161-4444/www.theater-ulm.de. Morgen, Sonntag, sind sie in einer „Tatort“-Folge auf ARD zu sehen.

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