Wird Ihnen nicht angst und bange, wenn Sie auf die Liste der laufenden und anstehenden Bauprojekte in beiden Städten blicken?

IVO GÖNNER: Angst wäre ein schlechter Ratgeber in die Zukunft. Die Zeit ist eben, wie sie ist. Es wird ja nicht so viel auf einmal gemacht, weil wir doof sind, sondern weil wir eine Bündelung an öffentlichen und privaten Projekten haben, die unter bestimmten Zwängen stehen.

GEROLD NOERENBERG: Ich war noch nie ein ängstlicher Mensch. Wir hätten nichts dagegen gehabt, die Projekte zu spreizen. Aber wir haben eben jetzt die Chance, die Innenstadt voranzubringen, und müssen zugreifen. Die Herausforderung für uns als Stadt ist es, alles so hinzukriegen, dass es für die Bürger nicht unzumutbar wird.

Muss wirklich alles jetzt sein?

NOERENBERG: Die Nachfrage ist da, die Zinsen sind günstig, das beflügelt Investoren. Sollen wir sagen: Wir haben zwar Brachen, die wir bebaut haben möchten, aber jetzt passt es uns nicht, kommen Sie in drei Jahren wieder? Keiner weiß, wo wir konjunkturell und zinsmäßig 2017 stehen.

GÖNNER: Natürlich wäre antizyklisches Verhalten der öffentlichen Hand sinnvoll. Also weniger zu tun, wenn die Privaten viel machen, und mehr, wenn privat wenig läuft. Aber es gibt halt Zwänge.

Ein Beispiel?

GÖNNER: Die neue Straßenbahnlinie 2 zur Wissenschaftsstadt und zum Kuhberg muss bis 2019 gebaut und abgerechnet sein. Denn nur so lange läuft noch das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz, das uns bis zu 80 Prozent Zuschüsse von Bund und Land sichert.

Eine Prioritätenliste, nach der man eines nach dem anderen abarbeitet, können wir uns also abschminken?

GÖNNER: So schön es klingt, so unrealistisch ist es. Auch das Beispiel Sedelhöfe zeigt, in welchen Zwängen wir stecken. Wir haben einen Vertrag mit einem privaten Investor, der uns als Stadt zwingt, den Abbruch der Bauflächen bis zum Jahresende zu bewerkstelligen. Dann wird der Investor das Grundstück übernehmen.

So ein Projekt hätte man ja auch einige Jahre später angehen können.

GÖNNER: Eben nicht. Die Grundsatzbeschlüsse zu den Sedelhöfen liegen etliche Jahre zurück. Dann nahm mit europaweiter Ausschreibung, die bis hin zum vertraglichen Mechanismus führte, alles seinen Lauf. Und jetzt überschneidet sich das Projekt am Sedelhof mit dem Straßenbahnausbau, der dann beginnt auf Höhe des Theaters an der Kreuzung Olga-/Neutorstraße/Wengengasse, wo natürlich auch Baustellenverkehr der Sedelhöfe abgewickelt wird. Und dann wollen wir, um den durch die Sedelhöfe entstehenden zusätzlichen Bedarf an Parkplätzen zu befriedigen, vor dem Hauptbahnhof auch noch eine große Tiefgarage bauen. Da drängt sich, zugegeben, alles wirklich irre.

In Neu-Ulm drängt sich im Bereich Jahnufer, Konzertsaal, Braun-Areal auch einiges.

NOERENBERG: Stimmt. Wir haben immerhin das Glück, dass die Krankenhausstraße schon hergerichtet ist und nicht auch noch ansteht. Es gilt jetzt, die Bauabläufe möglichst gut zu koordinieren. Das ist auch eine neue Herausforderung für die Stadtverwaltung.

Die Veränderungen sind ja auch Ausdruck, dass viel läuft in beiden Städten. Ist das nicht ein Glücksfall für die Oberbürgermeister?

GÖNNER: Mein Hormonspiegel ist intakt. Ich bin über die Wechseljahre hinweg. Wir sind einfach gerufen, in so einer Phase Beeinträchtigungen, Belastungen und Benachteiligungen so gering wie möglich zu halten. Aber ich weiß, was da auf uns zukommt: viele Bagger, viel Baustelle, viel Ärger. . . Es wird Belastungen für viele geben. Wir können nur um Verständnis werben.

NOERENBERG: Die vielen Baustellen sind eine große Chance für die Stadt. Ich denke darüber jedenfalls lieber nach als über die Schließung von Hallenbädern und Büchereien wie in manchen anderen Städten. Man sieht immer wieder ein ungläubiges Staunen, wenn man mit anderen Oberbürgermeistern spricht.

Können Sie verstehen, dass viele Bürger stöhnen?

GÖNNER: Jede neue Qualität, die wir erreichen wollen, äußert sich auch in der Qualität des Stöhnens. Man kann inzwischen als Stadt machen, was man will, es kann noch so oft in Sitzungen beraten und in der Zeitung dargestellt werden: Wenn es mit einem Projekt losgeht, stöhnt jeder, dass er nichts davon gewusst hat. Und dann, wenn der Bagger auffährt, kommt die Grundsatzfrage auf: Wird denn da überhaupt berechtigterweise gebaut?

Das klingt nach deutlichem Frust über den Bürger . . .

GÖNNER . . . der es nicht ist. Lediglich die Feststellung, dass überall, wo Veränderung in besiedelten Bereichen stattfindet, wo wir nachverdichten oder sanieren, die Leute sagen: Das ist mein gewohntes Umfeld, ich will nicht, dass sich was ändert. Ich kann das nachvollziehen, verstehen. Aber die Politik muss immer das Gesamte im Auge haben und im allgemeinen Interesse handeln. Die Konflikte verschärfen sich meiner Beobachtung nach im Übrigen, weil Online immer alles noch schneller geht - auch der Protest. Früher hat man im Wirtshaus gestritten, Auge in Auge. Heute streitet man anonym im Netz und drückt auf den Knopf: Gefällt nicht.

Hat sich der Protest der Bürger also verschärft?

NOERENBERG: Die Wellen der Empörung sind nach Stuttgart 21 höher geworden. Einige Betroffene erwarten, dass die Politik erstarrt und alles in die von ihnen gewünschte Richtung läuft. Die Stadträte sind zum Teil unverschämteren Angriffen ausgesetzt. Dabei müssen sie das Gesamtinteresse im Blick haben und nicht nur Einzelinteressen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

NOERENBERG: Beim Umbau der Kreuzung Europastraße/Reuttier Straße habe ich etliche wütende Schreiben bekommen, ob wir zu blöd seien, eine Umleitung richtig zu planen.

GÖNNER: . . .und vermutlich gleich noch Skizzen dazu, wie es richtig gehen müsste. Das kenne ich auch.

Konsequenz für die Politik?

GÖNNER: Ich denke, es wird immer häufiger einzufordern sein, dass dann, wenn eine Entscheidung getroffen ist, man auch zu dieser Entscheidung steht.

Generell ist eine zunehmende Skepsis der Bürger gegen alle Bauvorhaben zu registrieren. Woran liegt das?

GÖNNER: Sagen wir es so: Was mir nützt, wird vehementer vertreten. Und die eigene Betroffenheit wird überhöht. Dabei bekennt sich keiner zu seinem Egoismus, es wird verbrämt und im Abstrakten das allgemeine Wohl ins Feld geführt. Das eigene Interesse wird zum allgemeinen Interesse erklärt. Die neueste Mode ist, ein Petitionsverfahren beim Landtag einzuleiten.

NOERENBERG: Dass der Eigensinn regiert, kann man pauschal nicht sagen. Das Ehrenamt zum Beispiel, den unentgeltlichen Einsatz für andere, gibt es nach wie vor. Aber die Menschen vertreten wesentlich vehementer ihre eigenen Interessen.

Wie können die Bürger besser ins Boot geholt werden?

GÖNNER: Das ist aller Mühen wert, aber nur bedingt möglich. Letztlich lebt Demokratie dann eben doch von Mehrheitsentscheidungen, die akzeptiert und vollzogen werden müssen. Man kann über Projekte streiten und Planungen ändern, aber wenn Entscheidungen gefallen sind, dann sind sie auch zu respektieren. Die juristischen Mittel, die es dagegen gibt, will ich damit aber keineswegs bestreiten.

NOERENBERG: Man muss die Spielregeln von Anfang an klar definieren. Dass Bürger beteiligt werden, ist selbstverständlich. Es muss aber klar sein, wo Beratung und Mitwirkung durch Bürger enden und die politische Entscheidung beginnt.