Interview Interview: Chefverkehrsplanerin Ute Metzler arbeitet in einer Männerdomäne

Verkehrsplanerin Ute Metzler vor dem ältesten Brunnen in  Ulm, dem Fischkasten am  Marktplatz. Jörg Syrlin (der Ältere) hat ihn 1482 geschaffen.
Verkehrsplanerin Ute Metzler vor dem ältesten Brunnen in  Ulm, dem Fischkasten am  Marktplatz. Jörg Syrlin (der Ältere) hat ihn 1482 geschaffen. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / HANS-ULI THIERER 15.08.2016
Verantwortlich für die Abteilung Verkehrsplanung einer Stadt: Wie und warum wird man das als Frau. Ein Gespräch mit einer, die es gewordne ist: Ute Metzler.

Sie sind Verkehrsplanerin und Abteilungschefin der Stadt. Wie wird das?
UTE METZLER: Das hat sich so ergeben. Nach 25 Jahren bei der hessischen Landesverwaltung im Bereich Straßenbau wollte ich die Seiten wechseln, sehen, wie es auf der anderen Seite läuft.

Das müssen Sie näher erläutern.
METZLER: Nun, ich hatte im Straßenbau viel mit Kommunen zu tun. Letztlich war es so, dass die Städte und Gemeinden ausführten, was mit uns geplant und vereinbart worden war. Die Kommunen sind nun mal nahe dran am Bürger.

Beispiel?
METZLER: Es interessierte keinen Menschen, wenn ich mich darum kümmerte, ob ein Spargelbauer an einer Autobahn eine illegale Werbeanlage aufstellte. Da sind die Themen in einer Stadt oder Gemeinde doch näher am Bürger dran. Alles direkter. Das macht es interessant – und es macht mir einfach Spaß.

Wie kamen Sie dann nach Ulm?
METZLER: Eine normale Bewerbung, geschrieben per E-Mail an einem Freitagnachmittag. Schon am Dienstag bekam ich die Eingangsbestätigung. Dann Einladung zur Vorstellung. Danach war mir klar:  Jetzt willst Du es auch. Und  wenn sie Dich wollen, gehst Du auch nach Ulm. Bewerben und dann im letzten Moment zurückziehen, das ist nicht meine Sache.

Den Schritt nicht bereut seither?
METZLER: Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Wie gesagt: Hier bin ich viel näher dran am  Bürger. Und hier habe ich  konkrete Möglichkeiten dazu beizutragen, dass die Stadt lebenswerter wird. Außerdem kehrte ich ja an die Donau zurück, näher ran an die Heimat. Ich stamme aus Gundelfingen.

Wie kommt eine Frau in die Branche?
METZLER: Nach dem Abitur wusste ich nicht so ganz genau, was ich machen sollte. Hab ein Studium als Innenarchitektin angefangen, dann aber gemerkt, dass da nicht so mein Ding ist. Also wechselte ich zum Bauingenieurwesen. Nach Anfängen im Bereich Hochbau habe ich dann den Weg in die öffentliche Verwaltung eingeschlagen und bin durch die Beamtenausbildung beim Straßenbau gelandet.

Zumindest damals war das Bauingenieurwesen reine Männerdomäne. War es schwer, sich durchzusetzen?
METZLER: Wir waren in Darmstadt 30 Studenten, darunter zwei Mädels. Viel geändert hat sich daran nicht. Es ist bis heute überwiegend ein Männerberuf geblieben.

Was braucht’s, um sich als Frau durchzusetzen?
METZLER: Frauen müssen besser sein als  Männer. Durchwursteln funktioniert da nicht. Man muss überzeugen durch Kompetenz. Das ist auch gut so: Ich will eine Stelle, weil ich es kann, nicht weil ich eine Frau bin. Das ist mir wichtig.

Sie haben mit Menschen vom Bau zu tun. Da steckt harte Arbeit dahinter, die Tonarten sind rau, aber herzlich. Haben Sie damit Probleme?
METZLER: Überhaupt nicht. Ich denke, wenn eine Frau dabei  ist, ist der Ton gemäßigter, nicht ganz so rau. Ich bin in all den Jahren meiner beruflichen Tätigkeit nur einmal blöd angeschwätzt worden.

Ihre Reaktion? darauf war wie?
METZLER: Ich habe zurückgegeben. Aber sonst habe ich keine negativen Erfahrungen gemacht.

Welche Fähigkeiten muss man haben, um sich auf einem so speziellen Berufsfeld durchzusetzen?
METZLER: Also als erstes ist Kompetenz wichtig. Man muss selbstbewusst auftreten, aber nicht von oben herab. Man muss auch ein bisschen eine lockere  Ader haben. Man muss nach dem  gesunden Menschenvershand handeln und darf keine Angst vor Neuem haben.

Die schönen Seiten an Ihrem Job?
METZLER: Jetzt bei meiner Aufgabe in Ulm die Vielfältigkeit, die Bandbreite, die verschiedenen Bereiche.

Was ist das denn alles?
METZLER. Es geht um Baustelleneinrichtung, Ampelschaltungen, Markierungen, Schilder, Fußgänger- und Radverkehr und die große Bandbreite der Verkehrsplanung . . .

 . . . die nicht ganz unheikel ist. Denn so, wie wir alle Fußball-Bundestrainer sind, sind wir als Fußgänger, Radler, Autofahrer und Nahverkehrsnutzer ja auch alle Verkehrsplaner.
METZLER: Schon richtig, dass das ein konfliktträchtiges Feld ist. Aber es ist gut, dass Bürger sich einmischen und mitreden. Man muss dann umso überzeugendere  Lösungen aufzeigen, Antworten geben.  Dazu ist viel Gelegenheit, denn unser Aufgabengebiet, also das meiner Mitarbeiter und meines, deckt ein breites Spektrum ab.

Müsste da nicht jeder Tag ein paar Arbeitsstunden mehr haben?
METZLER: Ja, das wäre gut. Aber ich klage nicht. Schließlich ist das alles sehr  interessant. Es erfüllt mich. Auch, dass ich eigene Ideen einbringen kann . . .

. . . auf die Ihre Chefs, Baubürgermeister Tim von Winning und Hauptabteilungsleiter Thomas Feig, hören?
METZLER: Ich habe da sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir haben im Dezernat eine ausgeprägte  Kultur des fachlichen Austauschs.

Gibt es Dinge, die mal nerven?
METZLER: Es wäre nicht normal, wenn es nicht so wäre. Das verbreitete Jammern auf hohem Niveau kann einem manchmal schon auf den Geist gehen. Das hat in den vergangenen Jahren zugenommen.

Auch durch die neuen, schnellen Kommunikationswege?
METZLER: Auch. Früher schrieben die Leute einen  Brief. Bis der dann beantwortet war, war ein Teil des Ärgers oft schon verraucht. Heute bekommt man eine E-Mail, die noch nicht auf dem Tisch ist, da kommt schon die nächste, die die Antwort einfordert. Aber ich möchte nicht falsch verstanden sein . . .

. . . weil Ihnen aufgeklärte Bürger  andererseits schon wichtig sind?
METZLER: Eindeutig. Es ist richtig und wichtig, dass die Bürger sich zu Wort melden. Aber auf den Ton kommt es schon auch an.

Was nervt denn noch so alles?
METZLER: Das Fehlverhalten vieler Verkehrsteilnehmer. Nicht nur in Baustellenbereichen. Warum müssen Leute ihre Autos auf Mittelstreifen abstellen, die Fußgängern als Querungshilfen  vorbehalten sind? Mir würde die obere Frauenstraße ohne die Halteverbotsschilder, die als Folge der Parkerei aufgestellt wurden, jedenfalls besser gefallen.

Wie lange sind Sie nun schon in Ulm?
METZLER: Am 1. Juli waren es drei Jahre. Und so langsam, finde ich, bin ich angekommen.

So schwierig, die Akklimatisierung?
METZLER: Nein, ich will da nicht missverstanden werden. Es ist eine Abteilungsleiterstelle. Da muss ich mich schon intensiv einarbeiten, Mitarbeiter und Strukturen kennenlernen, die Stadträte. Es dauert sich, bis man sich kennt und gut auskennt.  Und jetzt kenne ich mich gut aus – und stelle fest:  Der Satz, dass Ulm anders ist, stimmt  schon.

Anders?
METZLER: Die Art des Umgangs miteinander. Ob innerhalb der Verwaltung, mit den Mitarbeitern oder mit dem Gemeinderat. Alles ist offen, direkt, unkompliziert. Die Kommunikation klappt prima. Das macht es einfacher, Verantwortung zu tragen.

Viele empfinden Ulm als eine einzige Großbaustelle. Wollen Stadt und Stadtpolitik zu viel auf einmal?
METZLER: Es ist schon eine Menge.  Aber es sind Herausforderungen,  die speziell die Ulmer Innenstadt und durch die Straßenbahn die Wissenschaftsstadt nach vorne bringen werden. Sie müssen jetzt eben umgesetzt werden.  Anderes muss dann zurückstehen.

Woran denken Sie da zum Beispiel?
METZLER: Also den zweiten Teil der Karlstraße, ab der Frauenstraße Richtung Osten,  schaffen wir derzeit einfach nicht. So wünschenswert es wäre.

Wo sehen Sie Ihre größten Herausforderungen in nächster Zeit?
METZLER: Die ganzen Projekte zu stemmen in Planung, Technik, Abwicklung. Und das mit teilweise nicht vorhandenem Personal. Einige Stellen sind nicht besetzt. Nicht, weil wir sie nicht besetzen wollen, sondern weil  qualifiziertes Personal nicht zu bekommen ist. Der Markt ist leergefegt.

Wo schaltet Ute Metzler mal ab?
METZLER: Am liebsten beim Skifahren, das am allerliebsten in Hintertux. Oder am Roten Meer. Aber das geht natürlich nicht so oft.

Wo gibt es dann Rückzug und Erholung?
METZLER: Bei meiner Tochter,  die ich in Frankfurt besuche, wo ich selber lange gelebt habe.   Und bei meiner Mutter in Gundelfingen.

Ihr Lieblingsplatz in Ulm?
METZLER: Bei einem Cappuccino im Pano auf dem Münsterplatz – mit Blick aufs Stadthaus, das mir einfach gut gefällt.  Das bei gutem Wetter, draußen sitzen,  am Freitag,  nach der Arbeit – dann kann das Wochenende kommen.

Was würden Sie in Ulm am liebsten von heute auf morgen verändern?
METZLER: Es ist ja eine Menge in Angriff genommen. Schön wäre, wenn die Hirschstraße aufgewertet und verschönert werden könnte. Und dann frage ich mich: Muss man in der Altstadt in jeder Straße und Gasse rumkurven können?

Zur Person

Ute Metzler
Seit 2013 ist Ute Metzler Leiterin der Abteilung Verkehrsplanung bei der Stadt Ulm. Sie ist etwas weiter donauabwärts in Gundelfingen geboren, hat in Dillingen Abitur gemacht, danach in Rosenheim und Darmstadt studiert. Erst Innenarchitektur, dann Bauingenieurwesen, worauf hindie Beamtenausbildung bei der Straßenbauverwaltung in München folgte. Ehe sie 2013 in Ulm zur Abteilungschefin gewählt wurde, war die 56-Jährige  (geschieden, eine erwachsene Tochter) fast ein Vierteljahrhundert bei der hessischen Straßenbauverwaltung tätig. Ihr Lebensmotto lautet: Mein Leben leben und die Chancen nutzen, wie sie sich ergeben.

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