Die Toten Hosen sind nach dem Album „Ballast der Republik“ so erfolgreich wie nie zuvor – und das nach 30 Jahren. Hattet Ihr diesen Karrieresprung noch auf der Rechnung?
CAMPINO: Mit einer solchen Euphorie hatten wir nicht gerechnet, denn wir haben nicht versucht, etwas anders zu machen als sonst. Wir haben wie immer unsere Hausaufgaben ordentlich gemacht, uns im Studio hundertprozentig Mühe gegeben, aber ansonsten ist alles so gelaufen wie immer. Offensichtlich war der Moment richtig. Wir haben Glück gehabt.

Mit Eurer Lebensgefühl-Hymne „Tage wie diese“?
CAMPINO: „Tage wie diese“ hat sich derart verselbstständigt und genau in die Zeit mit all den Sportwettbewerben gepasst, die dieses Lied hervorragend als Hymne benutzen konnten. So hat sich die Wirkung wahnsinnig potenziert. Zusammen mit der ebenfalls sehr erfolgreichen Single „Altes Fieber“ hat uns das nach vorne geschossen. Die Wahrnehmung der Leute, wie wir uns zu unserem 30-Jährigen so gegeben haben, spielte sicherlich auch eine Rolle. Insofern haben wir uns gefreut, aber uns ging’s auch vorher nicht schlecht. Um mit einem Achterbahn-Bild zu sprechen: Dass wir jetzt noch eine Etage höher fahren und mit mächtig Karacho unterwegs sind, ist ’ne feine Sache, aber letztendlich nicht existenziell wichtig. Wir haben in den 90ern schon alles erlebt, gute wie schlechte Zeiten, und sind mittlerweile erwachsen genug beides auszuhalten, ohne Schaden davonzutragen.

Euer Leben hat sich also nicht grundsätzlich verändert?
CAMPINO: Nein, gar nicht. Es gibt eine Dankbarkeit, aber durchaus auch Ängste, ob man die Tournee bis Ende Oktober wirklich durchhält, denn das ist eine lange Strecke, und wir wollen die Saison mit Vollgas zu Ende bringen. Wir haben an einem großen Rad gedreht, doch langsam nähern wir uns dem Ende dieses Kapitels.

Nun seid ihr als Band noch mittendrin und spielt Konzerte vor Fan-Mengen, die man sonst von Festivals gewöhnt ist. Gibt einem das nicht einen ungeheuren Kick?
CAMPINO: Zahlenmäßig ist das natürlich etwas anderes als früher. Vor allem freuen wir uns, dass wir bei den Open Airs mit dem Wetter unheimlich viel Glück hatten. Den Rest hat das Publikum besorgt. Die Leute haben bisher alles super abgefeiert, und unser einziger Wunsch ist es, dass es bis Ende Oktober so bleibt.

„Tage wie diese“ wird nicht nur bei Euren Konzerten, sondern auch in der Münchner Allianz-Arena aus voller Kehle mitgesungen. Wie fühlt sich das an?
CAMPINO: Ich freue mich darüber, dass wir es geschafft haben, ein Gefühl zu beschreiben, das viele Leute für sich interpretieren können. Ich bin nicht so kleingeistig, diese Zeilen nur für Menschen reserviert zu haben, die dieselben Vereine wie wir gut finden. Wenn ein Bayern-Fan „Tage. . .“ aus vollem Herzen singt, finde ich es schön, dass es ihm nichts ausmacht, dass das Lied von uns ist. Solche Lieder muss man teilen können, denn sie sind größer als derjenige, der sie geschrieben hat oder die Personen, die dahinter stehen.

Die Toten Hosen spielen bei „Rock am See“ in Konstanz, einem Festival, das aus Mangel an einem so genannten Headliner bereits abgesagt war. Klingt irgendwie nach Punk- oder Rockromantik und freundschaftlichen Gefühlen, die so gar nicht ins knallharte Popbusiness passen wollen.
CAMPINO: Eine alte Solidarität zu „Rock am See“ gibt es da auf jeden Fall. Es ist für die Veranstalter nicht einfach geworden, große Festivals zu finanzieren, und ohne zugkräftige Bands fahren sie ein enormes Risiko. Wir freuen uns, dass wir einspringen konnten, um die Tradition zu wahren und sicherzustellen, dass „Rock am See“ weitergeht. Wir haben gute Erinnerungen an das Festival, an die Abende mit „The Cure“ oder „New Model Army“. Und wir hatten nach den letzten Konzerten in Freiburg und in der Schweiz das Gefühl, dass es dort unten noch ein Bedürfnis gibt, uns noch einmal zu sehen. Man muss nur verhindern, dass die Fans irgendwann sagen: Jetzt haben wir sie echt zu oft gesehen.

Ihr spielt auch in Neu-Ulm – ein zweites Mal im Wiley-Gelände. Was verbindet Ihr damit?
CAMPINO: Wir haben dort immer wahnsinnig loyale Fans gehabt und großartige Abende erlebt. Insofern ist es eine riesige Freude zurückzukommen. In der Gegend haben wir uns immer wohlgefühlt, und das vergisst man als Band nicht.

Die Tour begann am 13. November und endet am 12. Oktober. Konzentriert man sich auf solch einer Mega-Tour allein auf die Konzerte, oder arbeitet man bereits an der Zukunft und beschäftigt sich mit dem tiefen Loch, in das man danach fällt?
CAMPINO: Dazu wird es nicht kommen, denn wir führen alle auch ein sehr intensives Leben neben den Toten Hosen. Jeder hat sein Umfeld, seine Familie, und da muss nach einer so langen Tournee erst einmal einiges kompensiert werden. Aber natürlich hatte die Tour absolute Priorität. Wir konnten uns auf die Wochenenden konzentrieren und mussten nicht 40 oder 50 Konzerte hintereinander spielen. Da wäre man irgendwann physisch und psychisch am Ende. Wenn man sich genug Pausen gibt, kann man besser ein Gleichgewicht halten und geht jeden Abend mit Lust auf die Bühne.

Pläne für die Zeit danach gibt’s also noch nicht?
CAMPINO: Der einzige Plan, den es gibt, ist, dass wir nichts konkret vorhaben. Das ist eine Situation, die wir in unserem Leben nicht so häufig genießen dürfen. Es wäre geradezu erdrückend, wenn ich jetzt bereits genau wüsste, wann und wo ich nach dem letzten Konzert anzutreten hätte. Ich werde mich erst einmal verstärkt um private Dinge kümmern und mir dann überlegen, wie ich die Zeit am besten nutzen kann.

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Am Wochenende endet der Konzert-Sommer in der Region Ulm