FRIZZ: Frau Meier-Arian, was macht der Lockdown aus uns?
Baha Meier-Arian: Im Homeoffice wird der Esstisch zum Arbeitsplatz, danach gibt es da vielleicht noch Home-schooling, dann werden Hausaufgaben gemacht. Das engt natürlich viele Familien sehr stark ein. Flexibilität und individuelle Freiräume entfallen, was oftmals zu gereizter Stimmung führt. Depressionen und selbstverletzendes Verhalten, Selbstmordgedanken, Ängste aber auch familieninterne Probleme steigen dramatisch an. Junge Menschen trifft es gerade besonders hart. Sie verspüren oftmals den Drang, in die Welt hinauszuziehen und können vorerst das Elternhaus nicht verlassen.
Wie kann man den Alltag im Lockdown gemeinsam meistern?
Partner sollten sich gegenseitig unterstützen und die Aufgaben teilen. Auch wenn die Partnerin oder der Partner mehrmals hintereinander das Gleiche kocht: einfach mal „Danke“ sagen! Der Lockdown kann im Übrigen auch zusammenschweißen. Viele Paare lernen sich jetzt inniger kennen. Jeder sollte für sich eine individuelle Abwechslung finden. Sport hilft. Egal, ob Yoga oder joggen: Turnschuhe an und raus in die Natur!
Haben Sie eine schnelle Übung gegen die Lockdown-Tristesse?
Klar – autogenes Training! Einfach und überall umsetzbar. Vom unteren Bauchmuskel tief Luft holen, im Brustbereich kurz anhalten und richtig kräftig ausatmen. Man sollte möglichst ungestört dabei sein. Die Atemübung bis zu fünf Mal wiederholen.
Tipps für ein besseres Homeoffice?
Verbringt man den ganzen Tag mit Gammel-Look im Homeoffice, sinkt die Motivation. Deshalb rate ich, den Büroalltag zuhause so zu gestalten, als würde man das Haus verlassen. So startet man mit einem ganz anderen Mindset in den Tag! Das stärkt das Wohlbefinden und hindert die Monotonie daran, im Alltag Einzug zu halten.
Was raten Sie Menschen, die in keiner Partnerschaft leben und jetzt gerade mehr oder weniger von der Außenwelt abgeschnitten sind?
Dieses Alleinsein bedeutet, sich mit den eigenen Gedanken auseinandersetzen zu müssen. Nützlich ist es, jetzt seine eigenen Lebenskonzepte oder die Jobsituation zu überblicken, um neue Perspektiven für sich zu gewinnen. Wir können davonlaufen oder uns selbst näherkommen. Menschen, die ihre eigenen Probleme unter den Teppich kehren, finden allerdings auch hier wieder Ausreden, um der Selbstkonfrontation aus dem Weg zu gehen. Die Aufgabe des Lebens ist es, herauszufinden, welche Ressourcen einem zur Verfügung stehen und wie man diese am besten einsetzt. Wir alle haben schlummernde Talente. Viele Ulmer nutzen die Zeit gerade, um einen Jobwechsel anzugehen oder mit einem neuen Hobby durchzustarten.
Schwimmbad, Biergarten, Fitnessstudio: Leider gibt es derzeit viele Dinge, die man nicht machen kann …
Es findet sich doch leicht ein Ersatz. Ich selber bin leidenschaftliche Schwimmerin. Solange die Bäder geschlossen haben, gehe ich eben laufen.
Sie haben einen besonderen Weg gefunden, der Lockdown-Tristesse zu entkommen – teilweise gemeinsam mit Ihrem Ehemann, dem Orthopäden Matthias Meier …
(lächelt) Ja. Mein Mann und ich haben während des ersten Lockdowns Bücher geschrieben. Es geht um die vielfältigen Charaktere, die uns begegnen und beeinflussen und wie man seine Wahrnehmung schulen kann, um sich besser durch den Alltag zu navigieren. Matthias hat als Co-Autor einige Fallbeispiele dazu beigetragen. Auch er hat sich ans Werk gemacht und seine Beobachtungen über den Ursprung chronischer Krankheiten und die Anpassung des Menschen niedergeschrieben. Hier konnte ich als Co-Autorin aus meinem Berufsalltag einige Aspekte hinzufügen.
Gleich zwei Lockdown-Lektüren also ... Wie steht es eigentlich derzeit mit Paaren in Fernbeziehungen?
Es gibt zweierlei Arten von Fernbeziehungen. Bei der einen haben sich beide Partner unabhängig vom Lockdown kennengelernt und warten zunächst einmal ab, wie sich die Beziehung weiterentwickelt. Bei der anderen ist die Pandemie ursächlich dafür, dass sich die Partner über längere Zeit hinweg nicht mehr sehen können. Gerade beim ersten Lockdown mussten viele lange Zeit ohne den Partner ausharren.
Wie kann eine Fernbeziehung funktionieren? Gibt es ein Patentrezept?
Gegenseitiges Vertrauen ist ein wichtiges Fundament in jeder Beziehung. In einer Fernbeziehung hat man mehr Zeit, die man mit anderen Dingen füllen muss. Der Freiheitsgrad sollte jedoch immer der gleiche sein. Wie gehe ich mit der Freiheit des Anderen um? Ansichten und Freiheitsansprüche können von Partner zu Partner verschieden sein. Ein wichtiger Baustein in jeder Beziehung ist daher die Kommunikation – in einer Fernbeziehung erst recht. Man muss von vornherein Klartext sprechen und nicht abwarten, bis man sich wieder trifft und Probleme vermeintlich zur Lawine werden. Kleine Rituale, wie regelmäßiges Telefonieren, versüßen den Alltag. Oder auch mal ein Spontanbesuch. Unser Gehirn freut sich über neue Dinge! Ein Drittel der Männer und 40 Prozent der Frauen hätten übrigens gerne eine Fernbeziehung – zumindest vorübergehend …
Was raten Sie bei größeren Konflikten?
Wenn man sich nicht mehr vernünftig unterhalten kann und buchstäblich zwei verschiedene Sprachen spricht, macht eine Paarberatung Sinn.
Wie läuft die ab?
Der Therapeut trifft beide Partner zunächst im Einzelgespräch. Danach übernimmt er die Rolle des Vermittlers in einer gemeinsamen Runde. Wichtig ist es, die eigene Wahrnehmung zu aktivieren, um verstehen zu können, was in anderen vorgeht. Das ist es, was ich meinen Patienten mit auf den Weg gebe. Erkenne dich selbst!

Zur Person


Baha Meier-Arian wurde im Iran geboren und floh 1996 nach Deutschland. Nach Erhalt der deutschen Staatsbürgerschaft schloss sie die Ausbildungen „Psychologische Beraterin“, „Gesprächstherapie“ und „Traumatherapie“ ab und ist mittlerweile niedergelassene Expertin für Verhaltensanalysen und Charakter-Coaching bei „mental health management“.

„Jeder bekommt im Leben Karten zugeteilt. Wir können nicht beeinflussen, welche das sind. Die Aufgabe des Lebens: Eigene Ressourcen zu erkennen, um die Karten strategisch bestmöglich auszuspielen.“

„Charaktere des Alltags – Wegweiser durch die Suppe des Lebens“

Mental-Coach Baha Meier-Arian analysiert die ­Archetypen des Alltags.

Jetzt im Buchhandel!