Musiker Internet-Star aus Ulm: Der Pianist Dirk Maassen

Im Brotberuf ist Dirk Maassen Software-Entwickler. Sich abends nach einem intensiven IT-Tag ans Klavier zu setzen und zu improvisieren, ist für ihn ein Ventil.
Im Brotberuf ist Dirk Maassen Software-Entwickler. Sich abends nach einem intensiven IT-Tag ans Klavier zu setzen und zu improvisieren, ist für ihn ein Ventil. © Foto: maassen-music
Ulm / Von Udo Eberl 01.08.2018
Von Beruf ist er Software-Entwickler, mit seiner Musik ist er im Internet berühmt geworden – inzwischen spielt Dirk Maassen live und hat sein Album „Avalanche“ veröffentlicht.

Unendlich viele Musiker träumen von einer solchen Karriere: mehr als eine Million regelmäßige Follower im Netz, eine Deutschland-Tour im Herbst, Aufnahmen mit dem bekannten Babelsberger Filmorchester. Und jetzt legt er noch ein Album vor, „Avalanche“ heißt es. Für Dirk Maassen, den nordrhein-westfälischen Ulmer, fühlt sich all das wie ein modernes Musik-Märchen an, denn „das war so wirklich nicht geplant. Es ist passiert.“

Im Brotberuf ist Maassen Software-Entwickler bei einem Ulmer Unternehmen. Sich abends nach einem intensiven IT-Tag ans Klavier zu setzen, war und ist für ihn ein Ventil. Das Improvisieren an den Tasten, dieser Dialog mit dem Instrument, ist für ihn einfach nur entspannend und spannend zugleich. „Wenn ich spiele, versuche ich die Welt von innen heraus und gleichzeitig auf einer höheren abstrakten Ebene zu verstehen“, sagt Maassen.

Eine Profi-Karriere hatte der Mann aus Würselen bei Aachen nie im Sinn. Im Alter von zehn Jahren bekam er Unterricht an Klavier und Kirchenorgel, später legte er sich ein paar Synthesizer zu. Bands wie Depeche Mode waren die großen Vorbilder, er war in zwei Band-Projekten der Region am Start – In Contact veröffentlichten immerhin zwei Alben. Beim Studium der Elektrotechnik hatte Maassen dann eher eine berufliche Karriere als Toningenieur im Sinn. Musik war da reines Freizeitvergnügen. 1998 führte ihn der  Weg nach Ulm, wo er Leiter einer Abteilung für Software-Entwicklung wurde.

Klavierspielen wie Tagebuchschreiben

„Wenn ich am Klavier sitze und spiele, dann ist das wie für andere das Schreiben ins Tagebuch. In dieser so schnelllebigen Zeit kann ich so zu mir selbst finden“, sagt der Mann an den Tasten, der leicht ironisch hinzufügt, dass er bereits Neoklassik gemacht habe, als es den Begriff so noch gar nicht gab. Viele seiner Hörer meinten ja, seine Wurzeln lägen in der Klassik. Er sieht sie deutlich mehr in der Popmusik. Die Vorstellung, dass man zu seiner Musik entspannen, träumen oder gar meditieren kann, gibt ihm allemal ein gutes Gefühl.

Im Jahr 2011 stellte er, von Freunden gedrängt, erstmals eines seiner Stücke ins Internet,  und bereits seine zweite Komposition „To The Sky“ schnellte auf der Plattform SoundCloud auf Platz eins der Neoklassik-Charts. Er komponierte weiter, verbesserte sein Heimstudio stetig. Als die ersten Fans anfragten, wann er denn Konzerte gebe, fragte er sich: „Soll ich das wirklich noch angehen?“ Die Beantwortung der Frage löste er praktisch. Im Jahr 2016 kaufte er für sein Studio auf dem Neu-Ulmer Wiley-Areal ein paar Stühle und lud via Social Media zum „Minimal Piano Konzert“ ein. Das Konzert war mit Raum für knapp 50 Zuhörer sofort ausverkauft. Und: das Lampenfieber hielt sich in Grenzen.

Er wagte den Schritt in die Öffentlichkeit und spielte zunächst im Ulmer Haus der Begegnung, dann in der Berliner Passionskirche vor bereits 350 Zuhörern. „In der fast schlaflosen Nacht davor dachte ich nur: Das packst du nicht.“ Im Konzert ging dann alles wie von selbst. Inzwischen waren auch große Plattenfirmen auf Maassen aufmerksam geworden und hatten angeklopft, er entschied sich aber dafür, sein gerade erschienenes Album „Avalanche“ von Cargo Records vertreiben zu lassen. „Mit 48 Jahren noch einmal komplett abhängig und fremdbestimmt zu sein, das konnte ich mir einfach nicht mehr vorstellen. Ich will in der Musik frei wirken können.“

Nach seinem erfolgreichen Best of-Album „Sand of Light“ feilte er an neuen Stücken für seine wachsende weltweite Fangemeinde, die besonders den Klang seines gedämpften Pianos liebt. „Für mich selbst ist die Klaviermusik ja auch ein Kontrapunkt zur digitalisierten Welt, in der ich mich beruflich bewege. In vielen meiner Stücke hört man den Anschlag und den Filz. Das klingt organisch und letztendlich auch sehr intim. Viele meiner Hörer schreiben mir auch, dass sie bei meiner Musik sehr gut nachdenken oder Probleme verarbeiten können. Vielleicht spüren und hören sie ja, dass es mir, wenn ich am Klavier sitze, eigentlich ganz genauso geht.“ Die Kritik, dass man seine Musik wie auch die von anderen Neoklassik-Pianisten relativ einfach nachspielen kann, perlt an diesem souverän lächelnden Tastenmann ab: „Wenn ich beim Entstehungsprozess dieser Stücke nicht meine ganze Persönlichkeit hineinlegen würde, könnte ich niemanden berühren.“

Tournee in großen Städten

Maassen ist nicht nur ein musikalischer Überzeugungstäter, er hat auch einen langen Atem und viele Argumente, wenn es darum geht, seine Produktion zu verfeinern. So gelang es dem von Arvo Pärt stark inspirierten Solisten, dessen Stücke immer häufiger auch in Filmen eingesetzt wird, für „Avalanche“ drei Kompositionen orchestral zu realisieren. Bei einem Treffen in Berlin überzeugte er den preisgekrönten Filmmusik-Komponisten Lorenz Dangel, drei der „Avalanche“-Stücke für das Deutsche Filmorchester Babelsberg zu arrangieren. „Die Aufnahmen mit diesem gewaltigen Klangkörper waren für mich ein unglaubliches Erlebnis“, sagt Maassen, der längst auch von einer Live-Umsetzung mit großem Klangkörper träumt.

Vor solch einem Kraftakt geht es nun im Herbst auf seine „Sound of Light Tour“ mit sechs Terminen in den größten deutschen Städten und einem im Ulmer Stadthaus. Die Konzerte werden von Studenten der Dualen Hochschule Ravensburg visuell in Szene gesetzt. Für das Ulmer Konzert am 6. Oktober gibt’s nur noch wenige Karten, denn „nach der Ankündigung auf Facebook waren gleich mal 170 Tickets weg, und es hängt ja noch nicht einmal ein Plakat.“

170 Kompositionen

Der Pianist Dirk Maassen hat mehr als eine Million monatliche Hörer auf Spotify, iTunes und SoundCloud und zählt weltweit zu einem der meist beachteten deutschen Komponisten für postmoderne Klaviermusik. Sein Werk umfasst bisher 170 Kompositionen. Dank seiner Kooperation mit Cargo Records wird das Album „Avalanche“ (Maassen Music) nicht nur online, sondern auch als CD und Vinyl-Scheibe im Handel erhältlich sein. Weitere Infos: www.maassen-music.com

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