„Protect your neck“ Ulmer entwickeln intelligentes Shirt gegen Verspannungen

Ulm / Verena Schühly 05.09.2018
Die Geschäftsidee: Ein Kleidungsstück mit eingebauten Sensoren erkennt schlechte Körperhaltung und gibt Rückmeldung.

Wer viel am Computer sitzt, kennt das: Der Nacken ist verspannt. Fast die Hälfte aller Arbeitnehmer in Deutschland leidet unter Schmerzen im Bereich Rücken, Schulter und Nacken. Das brachte Constantin Diesch, gelernter Physiotherapeut und studierter Medizintechniker, auf die Idee: Ein T-Shirt mit eingebauten Sensoren überwacht die Position der Schultern und meldet es dem Träger, wenn die Muskulatur überlastet ist. Diese Rückmeldung erfolgt entweder mit optischem oder akustischem Signal aufs Handy oder per Vibration im Kleidungsstück. „Protect your neck“ heißt das Projekt. Diesch und der Informatikstudent Lukas Kühnbach haben dafür die Start-up-Firma Equil  gegründet.

In seiner Ausbildung zum Physiotherapeuten hat Constantin Diesch viele Patienten mit ähnlichen Krankheitsbildern erlebt. „Ich habe damals angefangen zu überlegen, wie sich die Behandlung automatisieren lässt“, erzählt der 29-Jährige, der schon immer ein Faible für technische Geräte hatte. Den meisten Menschen fehlt es an Körperwahrnehmung: „Wenn sie im Stress sind und vor dem Computer sitzen, ziehen sie die Schultern hoch.“ Und das oft stundenlang.

Projekt taugt als Geschäftsidee

Die Folge: Die Muskulatur wird schlechter mit Sauerstoff und mit Nährstoffen versorgt. Das lässt die Muskeln verhärten – und kann zu chronischen Schmerzen führen. „Eigentlich müsste jemand daneben stehen und den Menschen jedes Mal auf die Schulter tippen, damit sie wieder entspannen“, sagt Diesch. Das ist natürlich nicht praktikabel – aber in seinem kürzlich abgeschlossenen Studium der Medizintechnik an der Hochschule Ulm entwickelte er die Idee mit Sensoren in einem T-Shirt, die die Aufgabe übernehmen. Der Prototyp entstand im Rahmen seiner Bachelor-Arbeit.

Bald war dem 29-Jährigen auch klar, dass das Projekt als Geschäftsidee taugt.   Dafür brauchte er aber noch einen Informatiker mit im Boot – und fand Lukas Kühnbach, der im fünften Semester Informatik studiert, ebenfalls an der Hochschule Ulm. Der 24-Jährige fand die Idee „cool und megaspannend“.

Ein reines Medizinprodukt ist allerdings für ein Start-up extrem aufwendig: „Es braucht klinische Studien, die sind sehr teuer und zeitintensiv“, berichtet Diesch. Also haben sie die Idee verändert in Richtung eines Lifestyle-Produkts. Zielgruppe sind nun Physiotherapeuten und Ärzte, die präventiv mit ihren Patienten arbeiten; Unternehmen, die sich in der Gesundheitsvorsorge ihrer Mitarbeiter engagieren; und Menschen, die etwas gegen Nackenschmerzen tun wollen.

Aktuell entwickeln die beiden einen neuen Prototypen. „Unser Ziel ist ein Produkt, das einem normalen T-Shirt vom Tragekomfort so nah wie möglich kommt“, erläutert Kühnbach. Herzstück des „smarten“ Kleidungsstücks ist eine drei mal vier Zentimeter große, flache Platine, die am Rücken unterhalb des Halsausschnitts sitzt und die Informationen von den Sensoren auf den Schulternähten aufnimmt. Aufgabe des Informatikers ist es, einen Algorithmus zu entwickeln und daraus einen Code für den Mikrocontroller zu schreiben.  Die Herausforderung: Die Einheit im T-Shirt ist klein und muss mit möglichst wenig Speicherplatz und Akkukapazität auskommen.

Textile Kabel im Einsatz

Die Jung-Unternehmer wollen, dass ihr intelligentes Hemd voll waschbar ist – inklusive der Elektronik. Sie verwenden textile Kabel. Diesch: „Der Träger soll keinen Mehraufwand haben, sondern das T-Shirt so normal wie möglich benutzen, ohne etwas hin- oder wegfummeln zu müssen.“ Das Hemd soll unter der normalen Kleidung getragen werden, deshalb haben sie sich für angenehme Mikrofaser entschieden. Zur Geschäftsidee gehören auch Übungsvideos, um Verspannungen vorzubeugen oder diese loszuwerden.

Wie soll das Hemd zu haben sein? Diesch und Kühnbach wollen ein „Miet-Modell“: Ein Satz mit zwei Shirts und Software soll im ersten halben Jahr 149 Euro kosten, und dann jeden weiteren Monat 14,99 Euro. Für einen Satz mit fünf Hemden liegen die Preise bei 299 Euro und 29,99 Euro. So weit steht der Business-Plan. „Viel professioneller können wir jetzt nicht werden ohne Geld“, sagt Constantin Diesch. Seit er sein Bachelor-Studium vor drei Monaten abgeschlossen hat, ist er deshalb dabei, finanzielle Unterstützer aufzutreiben. Hauptsächlich hoffen die beiden auf ein Gründerstipendium des Bundes. Eine Fördervereinbarung mit der Hochschule erlaubt bereits die Weiternutzung des Start-up-Büros, des Biomechatroniklabors und die fachliche Beratung auf dem oberen Eselsberg über die Studienzeit hinaus.

Wichtig ist für die beiden Tüftler auch die Zusammenarbeit mit Pilotkunden, „damit wir nicht etwas auf den Markt werfen, das niemand braucht“, sagt Diesch. Dennoch sind sich die Jung-Unternehmer sicher, dass ihre Idee ankommen wird. Lukas Kühnbach: „Nackenschmerzen sind ein Thema für viele Leute. Und anders als bei Rückenschmerzen gibt es dafür nicht viele Produkte. Das ist die Lücke, die wir nutzen wollen.“

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Hochschule Ulm unterstützt Start-ups

Definition Start-ups sind neu gegründete Unternehmen mit innovativen Geschäftsideen. Oft sind es Ausgründungen von wissenschaftlichen Instituten oder studentischen Arbeiten. Die Hochschule Ulm unterstützt Start-ups, indem sie für die Entwicklung ihrer Produkte Labore und Büros mitnutzen können und wissenschaftliche Beratung durch die Professoren haben. Die Hochschule hilft auch beim Beantragen des Exist-Gründerstipendiums, das die Bundesrepublik Deutschland vergibt und das die Finanzierung für ein Jahr sichert.

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