Bildung Integration erwünscht, aber hurtig

Wolfgang Erler, Vorsitzender des Ulmer Flüchtlingsrats, und Andrea Göpel-Traub, Vorsitzende des Ulmer Arbeitskreises Migration, beklagen den gekürzten Unterricht für Flüchtlinge.
Wolfgang Erler, Vorsitzender des Ulmer Flüchtlingsrats, und Andrea Göpel-Traub, Vorsitzende des Ulmer Arbeitskreises Migration, beklagen den gekürzten Unterricht für Flüchtlinge. © Foto: Oliver Schulz
Beate Rose 20.11.2017
An den Unterrichtsstunden für Flüchtlingskinder wird gespart, jedoch nicht offensichtlich. Vertreter des Ulmer Flüchtlingsrats sprechen von teils absurden Zuständen.

Letztlich geht es ums Geld. Das steht für Wolfgang Erler, Vorsitzender des Ulmer Flüchtlingsrates, fest, wenn er an die neue Verwaltungsvorschrift zum Schulbesuch von Flüchtlingskindern denkt. Ziel sei es Kinder aus den Vorbereitungsklassen (VKL), so der offizielle Name, möglichst hurtig in die Regelklassen zu integrieren. Womit letztlich Geld gespart wird, deutet Erler die Vorschrift, denn „Lehrerstellen sind Geld“. Bekanntlich fehlen Lehrer vor allem an Grundschulen und beruflichen Schulen. Ein Grund, auch den Unterricht der Flüchtlinge neu zu strukturieren, damit Lehrkräfte frei werden.

Für Andrea Göpel-Traub, Vorsitzende des Ulmer Arbeitskreis Migration und Lehrerin im Ruhestand, erschweren Änderungen in der Schulpolitik eine gute Integration. Ein Beispiel: An der Jörg-Syrlin-Schule gibt es seit Jahren eine Vorbereitungsklasse für Grundschüler. Das Schulamt hat jedoch zu einem Stichtag im Frühjahr die Klassengröße abgefragt. Zehn Kindern lernten damals dort, die Mindestgröße einer VKL-Klasse. Drei davon waren bereit für den Übergang in eine Regelklasse. Die Folge: Die VKL-Klasse wurde aufgelöst. Die seit Jahren eingearbeitete Lehrkraft, die nach Informationen unserer Zeitung von ihren Kollegen als äußerst empathisch im Umgang mit Flüchtlingskindern beschrieben wird, wurde an ihre Stammschule zurückversetzt.

Unterricht in VKL-Klassen sollen nur noch „Nichterfüller“ geben, also Leute, die weder fachlich noch pädagogisch die Voraussetzungen haben, um als Lehrer in den Genuss des Beamtenstatus zu kommen. „Die Aufgabe, mit den Kindern in einer Vorbereitungsklasse zu arbeiten, ist schwierig“, beschreibt Göpel-Traub. „Manche Kinder kommen mit großen seelischen Belastungen. Sie brauchen qualifizierte Lehrer.“ Der stellvertretende Schulamtsleiter Achim Schwarz bestätigt, dass mittlerweile ausschließlich Verträge mit „Nichterfüllern“ geschlossen werden. Lehrer würden in den Regelklassen gebraucht.

„Tragödie“: Von West nach Ost

In der Weststadt, dem Stadtteil mit den meisten Flüchtlinge, gibt es nun keine Grundschule mit VKL-Klassen mehr, bis auf eine Klasse in der privaten Waldorfschule Römerstraße. Doch die  Klasse ist mit 15 Kindern voll belegt. Für Göpel-Traub schlicht „eine Tragödie“. Grundschulkinder aus der Weststadt müssen in die Schaffner-Schule in der Oststadt oder zur Multscher-Schule auf den Eselsberg, wo es VKL-Klassen gibt. Schwarz spricht von einem „zumutbaren Schulweg“.

Ein weiterer Punkt, an dem Erler wie Göpel-Traub eine Verschlechterung festmachen: Die Stundenzahl an der Grund- wie Sekundarschule wurde für VKL-Klassen verändert. In der Grundschule gibt es statt der bisherigen 18 Stunden nun zehn Stunden Deutsch plus zwei Stunden Demokratiebildung. Plus sechs Zusatzstunden wie Mathe und Sport, die aber in der Regelklasse gegeben werden können. „Eine frühe stundenweise Integration in Regelklassen ist anzustreben“, steht in der Verwaltungsvorschrift. Fachleute, deren Namen der Redaktion bekannt sind, werten das als verdeckte Stundenkürzung. Schwarz hingegen spricht von „fließenden Übergängen“ in die Regelklasse, die gewollt ist.

Es fehlt der Platz

Fanni Toupheksis, Konrektorin der Berblinger-Gemeinschaftsschule am Kuhberg, lobt ausdrücklich das Staatliche Schulamt Biberach. Denn die Zusatzstunden werden zugewiesen, was in anderen Schulämtern im Land nicht mehr selbstverständlich ist. Die Konrektorin führt andere Punkte an, woran es an der Berblinger-Schule hapert: Dort gibt es zwei VKL-Klassen, eine mit 24, eine mit 12 Schüler, zwischen 11 und 16 Jahren alt. Auch wenn sich das nach wenig  anhört – „die Klassen sind voll“, weil der Platz fehlt. Im Unterrichtsraum „bekomme ich auch gestapelt nicht mehr als 12 Schüler rein“.

Zudem mussten an der Berblinger-Schule die VKL-Schüler in diesem Schuljahr vom Nachmittagsangebot ausgeschlossen werden, berichtet Toupheksis. Die Berblinger-Schule ist eine Gemeinschafts- und damit Ganztagsschule, für die Lehrerstunden vorgesehen sind.  In diesem Jahr drängten derart viele Schüler aus der Regelschule in die Betreuungsangebote, dass der Platz nicht mehr für die Flüchtlingskinder reicht. Deswegen hat sie nach Angeboten gesucht – und die  Beurer-Stiftung gefunden. Die finanziert nun zweimal wöchentlich Sprachförderung am Nachmittag. „Das ist für die Kinder Gold wert“, sagt Toupheksis.

Fachpraxis gestrichen

An den beruflichen Schulen, an denen Flüchtlinge im Alter von 15 bis 20 Jahren lernen, hat man die Stundenzahl bereits zum vergangenen Schuljahr gekürzt. In den Klassen mit dem sperrigen Namen Vorqualifizierung Arbeit/Beruf ohne Deutschkenntnisse (Vabo) ebenso wie in den Klassen Vorqualifizierung Arbeit/Beruf, wohin die Vabo-Schüler nach einem Jahr wechseln können. So beschreibt es Lorenz Schulte, Schulleiter der Ferdinand-von-Steinbeis-Schule. Die Stunden sind von 33 auf 22 gekürzt worden, „der fachpraktische Anteil ist gestrichen“. Was gerade die Stärke der gewerblichen Schule ausmacht, nämlich den Flüchtlingen zu ermöglichen, die Lehrwerkstätten von Bäcker, Fliesenleger wie Stukkateur zu besuchen. Weswegen Schulte sagt: „Die Beschulung könnte inzwischen an jeder anderen Schulart stattfinden.“

Schwarz vom Schulamt wiegelt diese Punkte nicht ab. Eine „gewisse Aufregung ist gerechtfertigt“, aber „es ist keine Katastrophe. Alle Schulen sind arbeitsfähig.“ Der Flüchtlingsrat-Vorsitzende Erler sieht’s anders: „Die Kinder haben eine besonders hohen Unterstützungsbedarf, wenn aus ihnen etwas werden soll.“

Anzahl der Flüchtlingskinder an Ulmer Schulen

Zahlen Derzeit lernen in den Klassen Vorqualifizierung Arbeit/Beruf ohne Deutschkenntnisse (Vabo) 136 Schüler in neun Klassen, sagt Lorenz Schulte, der geschäftsführende Schulleiter aller beruflichen Schulen in Ulm. Im vergangenen Jahr gab es 24 Vabo-Klassen. Die Abteilung für Bildung und Sport der Stadt gibt diese Zahlen für Vorbereitungsklassen (VKL) bekannt, in denen Grund- und Sekundarschüler lernen. In der Grundschule lernen aktuell 128 Schüler in neun VKL-Klassen, an den weiterführenden Schulen sind es 104 Schüler in sieben VKL-Klassen. Im Jahr 2015 gab es insgesamt 22 VKL-Klassen mit 340 Schülern, 2016 waren es 26 VKL-Klassen mit 321 Schülern.