Kulturerbe In Ulm Paris in den Blick genommen

Unter dem welthöchsten Kirchturm hat das vierte Arbeitstreffen der Dom- und Hüttenbaumeister stattgefunden zum Thema: Die Bewerbung zum  immateriellen Weltkulturerbe.
Unter dem welthöchsten Kirchturm hat das vierte Arbeitstreffen der Dom- und Hüttenbaumeister stattgefunden zum Thema: Die Bewerbung zum  immateriellen Weltkulturerbe. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Verena Schühly 10.07.2018

Ende März ist es offiziell geworden: Die Ulmer Münsterbauhütte trägt gemeinsam mit Freiburg und Köln die Auszeichnung „immaterielles Kulturerbe“ Deutschlands. Die nationale Unesco-Kommission hat die Hütten wegen ihrer Handwerkstechniken, die über die Jahrhunderte bewahrt wurden und nach wie vor weitergegeben werden und deren Ziel der Erhalt der historischen Großkirchen ist, ins Register der guten Praxisbeispiele aufgenommen.

Doch damit ist nicht genug: Ulm und andere Bauhütten sind schon auf dem Sprung zur nächsten Ebene, zum internationalen immateriellen Unesco-Kulturerbe. Deshalb sind gestern in Ulm Hüttenchefs und Vertreter aus 13 deutschen Hütten sowie aus Frankreich, Österreich und der Schweiz zusammengekommen, um ihre gemeinsame Bewerbung in Paris voranzubringen. Es war das vierte Arbeitstreffen diesbezüglich, organisiert hat es Münsterbaumeister Michael Hilbert.

Wie seine Freiburger Kollegin Yvonne Faller erläuterte, gibt es Interessensbekundungen aus zehn deutschen Städten, die ebenfalls Bauhütten haben, auch wenn diese nicht so groß und anders organisiert sind. Die „Aufsattler“ sind: Aachen, Bamberg, Dresden, Lübeck, Mainz, Passau, Regensburg, Schwäbisch, Gmünd, Soest und Xanten.  Die Entscheidung, wer aufgenommen wird, fällt  Mitte September.

Parallel dazu läuft das internationale Verfahren. „Bei dem sitzt Frankreich auf dem Fahrersitz“, sagte Faller. Das bedeutet: Deutschland, Österreich, Schweiz und Norwegen haben nur die Rolle von Beifahrern. Norwegen ist mit dem Nidarsdom in Trondheim mit von der Partie, auch wenn gestern in Ulm kein Vertreter zugegen war.

Der Zeitplan sieht vor, dass das internationale Dossier bis spätestens Ende März 2019 in Paris vorliegen muss. Es durchläuft erst eine formale Prüfung, dann entscheidet von Oktober 2019 an eine 24-köpfige Expertenrunde über den Inhalt der Bewerbung. Diese wird im Oktober/November 2020 bekannt gegeben.

Zusätzlich zum schriftlichen Dossier  wird es einen zwölfminütigen Film geben: eine „visuelle Bewerbung“, so Michael Hilbert. Er hat dafür den Ulmer Filmemacher Günter Merkle mit ins Boot genommen. Dieser hatte schon einen Film über die Ulmer Hütte gedreht. Den gestrigen Tag hat Merkle mit der Kamera genutzt, um bei den internationalen Teilnehmern O-Töne zu sammeln.

Sabine Bengel aus Straßburg erinnerte daran, dass im Mittelalter die  Steinmetz-Gesellen von einer Hütte zur anderen wanderten und so Wissen transportierten. Das länderübergreifende Netzwerk ist nach wie vor aktuell (siehe Info-Kasten). Johannes Schubert aus Xanten ergänzte: „Früher hat man die Kirchen gemeinsam gebaut, heute restaurieren wir sie gemeinsam.“ Wichtig ist auch der kollegiale Austausch, wie über Erfahrungen mit den Einsatz modernster Techniken. „Wir leisten Amtshilfe, das ist gut geübte Praxis unseres Miteinanders“, formulierte der Kölner Dombaumeister Peter Füssenich.

Als dritten Teil ihrer Bewerbung haben sich die Baumeister etwas Besonderes ausgedacht: eine Fiale aus 18 Teilen, in Anlehnung an eine gotische Turmspitze. Jede der beteiligten Bauhütten fertigt einen Stein aus einem  für sie typischen Material und in ihrer Formensprache. „So haben wir etwas Haptisches, in das sich alle einbringen“, erläuterte Uwe Zäh aus Freiburg und Initiator des Gemeinschaftswerks.

Der Zwinger als Exot unter den Kathedralen

Verein „Dombaumeister“ ist die europäische Vereinigung der Hütten- und Dombaumeister sowie der Hüttenmeister. 1975 trafen sich die Pioniere, unter ihnen der frühere Ulmer Münsterbaumeister Gerhard Lorenz, zum ersten Mal. Seither tun sie es jährlich. 1998 hat sich der Verband eine Satzung gegeben. Hauptidee ist der fachliche Austausch zu aktuellen baulichen und restauratorischen Fragen, wie sie wegen der Größe und Komplexität der Großkirchen an anderen Denkmalobjekten nicht vorkommen. Exot unter den Kollegen ist Karl Schöppner aus Dresden, der Chef der Bauhütte des Zwingers, der ja weder gotisch noch eine Kathedrale ist, sondern ein barocker Profanbau.

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