Ulm / Christine Liebhardt  Uhr
In einem bundesweiten Wettbewerb hat Ulm sich als einzige süddeutsche Stadt qualifiziert. Das Projekt Zukunftsstadt geht damit in die dritte Phase.

„Das Hauptproblem ist: Die meisten wissen immer noch nicht, was damit gemeint ist“, sagt Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch und meint die Digitalisierung und all ihre Auswirkungen. Das will er ändern, spätestens in den kommenden drei Jahren, in der dritten Phase des Projekts Zukunftsstadt, die im Mai 2019 startet. Eine Million Euro hat die Stadt im gleichnamigen Wettbewerb des Bundesforschungsministeriums dafür gewonnen, eine weitere Million steuert sie selbst bei.

Im Rennen um den bundesweiten Titel kämpft die Kommune um den Einzug ins Finale. OB Czisch will mit digitalen, nachhaltigen Ideen punkten.

Was also ist gemeint? Viele verschiedene Dinge, die letztlich alle einen Nutzen für die Menschen in der Stadt bringen sollen. Etwa ein Fahrradschloss, das es ermöglichen soll, sich in der Nachbarschaft ein Lastenrad zu teilen. Oder ein Sensor, der in der Wohnung älterer Menschen automatisch das Licht anschaltet, wenn sie nachts aufstehen. „Und zwar so anwendbar, dass man kein Technikfreak sein muss“, verspricht der OB.

Uni will Musterwohnung einrichten

Eines der Projekte ist deshalb eine Musterwohnung, die die Uni Ulm im neuen Trakt des Bethesda-Klinikums in der Oststadt einrichten will. „Dabei geht es weniger um Smart Home und mehr um Sicherheitsaspekte“, erläuterte Prof. Michael Denkinger am Montag im Rathaus.

Individuell zugeschnitten auf den Einzelnen soll all das sein und „wirklich helfen“. Zwar sind solche Assistenzsysteme schon auf dem Markt. Aber, sagt Sabine Meigel, Leiterin der Digitalen Agenda der Stadt: „Die sind im Unterhalt relativ teuer.“ Vieles, ist sie überzeugt, ginge mit dem Sensornetzwerk Lorawan (siehe Infokasten unten) genau so gut – und günstiger. Letztlich geht es Meigel und der Stadt um die Frage: „Wie geht man mit dem Internet der Dinge um? Diese Fähigkeit wollen wir in die Bevölkerung bringen.“

Die Stadtwerke erneuern ihren Fuhrpark mit fünf Hybridbussen. Machbarkeitsstudie zu reinen Elektro-Fahrzeugen läuft bereits.

Die Ideen, mit denen die Stadt sich jetzt im dreiphasigen Wettbewerb durchgesetzt hat, haben Teams aus Bürgern, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Verwaltung seit 2015 gemeinsam entwickelt. 180 Bewerbungen aus ganz Deutschland hatte es ursprünglich gegeben, sieben haben es letztlich in die letzte Phase geschafft. Ulm ist dabei die einzig verbliebene Stadt in Süddeutschland. Auch ihr Thema ist singulär: „Digitalisierung als Beitrag zur nachhaltigen Stadtentwicklung“. Keiner der anderen Gewinner beschäftigt sich mit Digitalisierung.

„Wir wollen quer denken und Neues entstehen lassen“

Vier Themenfelder gibt es, für die jetzt, in der Praxisphase, in der ganzen Stadt Innovationen getestet werden sollen: Bildung, Mobilität, Alter und Gesundheit sowie Verwaltung. Die Daten, die Sensoren im öffentlichen Raum liefern, sollen einerseits sicher verwahrt werden und andererseits auf einer offenen Plattform für private und öffentliche Akteure zugänglich sein.

Worum es laut Gunter Czisch nicht gehen soll: die Stadt auf den aktuellen Stand der Technik zu heben. Schließlich habe man einen Forschungswettbewerb gewonnen, und genau das soll in den kommenden Jahren passieren – Forschung und Innovation. „Wir wollen nicht auf vorhandene Produkte aufsetzen, sondern quer denken und Neues entstehen lassen.“

Vorreiter und Vorzeigestadt will Ulm sein, zusammen mit der Region, das sei der Anspruch. Weshalb Czisch den Zukunftsstadt-Sieg als „letzten großen Baustein“ sieht, im Zusammenspiel mit der Landesförderung als Zukunftskommune, dem Verschwörhaus, dem neuen Digital Hub und dem Quartiersprojekt am Alten Eselsberg. Und jetzt? „Jetzt wird was geschafft.“

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Was ist Lorawan?

Sensornetzwerk Lorawan heißt das Netzwerk, das seit ein paar Jahren im gesamten Stadtgebiet verfügbar ist. Darüber lassen sich nur sehr geringe Datenmengen verschicken, dafür aber über weite Strecken. Die Sensoren benötigen nur wenig Energie, um zu funktionieren. Sie können zum Beispiel zur Frequenzzählung in der Fußgängerzone oder an Haltestellen zum Einsatz kommen.