Draußen ist es unwirtlich. Ein trüber, nasskalter Sonntagvormittag. Alle Tische in der Tagesstätte des Übernachtungsheims sind besetzt. Der Fernseher läuft, einige Gäste lesen Zeitung. Der Bratenduft verrät: Bald wird das Mittagessen serviert. Gekocht haben Ehrenamtliche – wie jeden Sonntag seit 40 Jahren, seit es die „Wärmestube“ gibt.

Mitbegründerin Liselotte Bertsch (87) war schon dabei, als Ehrenamtliche 1978 an den Wochenenden Dienst machten an der Pforte. Dazu hatten sie sich entschlossen, nachdem ein Wohnungsloser in Ulm erfroren war. Denn damals war das Heim samstags und sonntags erst um 18 Uhr geöffnet worden. Anfang 1979 wurde jedoch ein Zivildienstleistender eingestellt, der ehrenamtliche Pfortendienst war nicht mehr nötig. Da kam im Team „die Idee auf, sonntags ein bürgerliches Essen zu kochen für die Obdachlosen“, erinnert sich Liselotte Bertsch.

Im Januar 1979 wurde zur ersten Mahlzeit geladen, und der Name „Wärmestube“ beibehalten. Weil es im Übernachtungsheim – anders als heute – noch keine geeignete Küche gab, wurden die Gerichte zu Hause zubereitet. Manche Köche halten es bis heute so und wärmen die Speisen vor Ort auf. Wie Renate Brugger, die seit vielen Jahren die Einsätze organisiert und koordiniert. Rund zehn Kilo Schweinehals haben sie und ihr Mann für jenen nasskalten Sonntag am heimischen Herd gebraten und eine schmackhafte Soße mit „vielen gelben Rüben“ vorbereitet. Renate Brugger weiß: „Das mögen die Gäste besonders, und viele sagen, es schmecke wie daheim.“ Das sei das höchste Lob für die Ehrenamtlichen, „wenn das Menschen sagen, die kein Zuhause haben“, bestätigt Liselotte Bertsch und betont: „Jeder hat seine Geschichte, und wir fragen nicht, woher oder warum jemand kommt.“

Alle Einsätze dokumentiert

Liselotte Bertsch ist immer noch für die Abrechnung zuständig. Von Anfang an finanziert sich die Wärmestube über Spenden, vor allem aus der Aktion 100 000. In fein säuberlicher Handschrift hat Renate Brugger all ihre Einsätze in Schulheften dokumentiert: Zutaten, Mengen, Kosten, Zahl der Gäste und auch Bemerkungen, wie die Speisen angekommen sind.

Beim Blick in ihre Aufzeichnungen stutzt Renate Brugger: Im Februar 1989 war sie zum ersten Mal an der Reihe. „Das sind ja auch schon 30 Jahre“, staunt sie. Für 49 Mark und 94 Pfennig hat sie damals sechseinhalb Kilo Leberkäse, Salatkartoffeln und Kaffee gekauft. „Heute geben wir um die 140 Euro aus pro Mahlzeit“, sagt sie. 29 Gäste verköstigte sie beim ersten Mal, und „es wurde alles aufgegessen“, hat sie notiert.

Die Zahl der Gäste nehme tendenziell eher zu als ab. Die Köche gehen daher heute stets von rund 40 Portionen aus – viel mehr lassen die Kapazitäten von Küche und Speiseraum auch  nicht zu. Aber es sei immer dafür gesorgt, dass jeder Gast satt wird und bei Bedarf auch einen Nachschlag bekommt. Die Erfahrung lehre, dass das Fleisch am wichtigsten ist. An zweiter Stelle steht ein süßer Nachtisch – oft ist das ein von den Ehrenamtlichen selbstgebackener Kuchen.

Viele Köche sind schon seit Jahren dabei, sie schaffen in festen Teams zusammen, nicht selten sind Ehepaare darunter. Derzeit sind etwa 30 Ehrenamtliche aktiv. Nachwuchs gibt es auch: Es haben sich wieder Interessierte gemeldet. Es spreche sich herum, dass die Aufgabe Freude macht. Einige Ehrenamtliche, darunter ein Ehepaar aus Weißenhorn, kochen auch während  der Woche im Übernachtungsheim – bei der Ulmer Tafel, die werktags am Abend fürs Menü zuständig ist. Ebenfalls aus Weißenhorn kommt das Team, das jedes Jahr am zweiten Weihnachtsfeiertag ein festliches Essen serviert. Das Rehfleisch dafür stiftet das Weißenhorner Forstamt.

Jede Gruppe bestimmt selbst, wann und wie viele Dienste sie übernimmt und was sie kocht. Wenn jemand krank oder verhindert ist, finde sich immer jemand, der einspringen kann, betont Renate Brugger. Wie sämtliche Mitstreiter legt sie darauf besonderen Wert: Alles wird mit Liebe zubereitet und mit guten Gedanken ausgegeben. „Denn Geben ist Empfangen“, nennt sie ihr Motto. Sie ist außerdem davon überzeugt: „Wer satt ist, ist friedlich.“

Kontaktdaten für interessierte Köche


Ehrenamt Neue Ehrenamtliche, die sich bei der „Wärmestube“ engagieren möchten, sind stets willkommen.
Interessierte können sich jederzeit an Liselotte Bertsch, Tel. (0731) 232 80 oder an Renate Brugger,
Tel. (07304) 37 60 wenden.