Die Dämmerung bricht früh herein in diesen Tagen. Die ersten richtig kalten Tage sind vorbei, viel wärmer aber ist es nicht mehr geworden. Dennoch findet eine Gruppe junger Männer an diesem Donnerstag offenbar keinen besseren Treffpunkt, als das mit einem Baum bepflanzte Rondell auf der oberen Bahnhofstraße direkt zwischen der Neuen Apotheke und Sport Sohn. Dick vermummt stehen fünf Gestalten beisammen, mal sind es sieben, dann wieder nur drei, später dann sogar mal acht. Was hier als Gruppe wahrgenommen wird, ist eine sich ständig verändernde Zahl überwiegend junger Männer und Frauen, die keinen richtigen Halt im Leben haben und scheinbar wenig mit der vielen arbeitslosen Zeit anzufangen wissen.

Einen Tag später drängen sich ein paar Meter weiter vier kräftige Männer in einer Seitengasse in den überdachten Eingangsbereich vor dem Personaleingang von Peek & Cloppenburg. Auf jeder der vier Glastüren prangen große Plakate, dass das Aufhalten an dieser Stelle untersagt ist und alles per Video überwacht wird. Die vier stehen dicht beieinander, rauchen, reden ein paar Minuten gedämpft miteinander und gehen daraufhin wieder weiter.

Ähnliche Szenen gibt es viele. Mit zunehmendem Alkoholpegel werden die Gespräche nicht nur undeutlicher, sondern auch lauter, Passanten werden schon mal um Geld angebettelt („Haste man ’nen Euro?“), und müssen sich ein undeutliches Nachgemaule anhören, wenn sie die Münzen stecken lassen. Dann laufen zwei Mitwanziger schweren Schrittes beiseite, während einer sagt, dass er seinen „25er“ aber behalten will. Ein „25er“ ist nicht etwa ein neuer Geldschein, sondern ein Drogenbriefchen im Wert von 25 Euro. Sie verschwinden in der Deutschhausgasse und kommen einige Minuten später entspannt zurück.

Das sind nur wenige Szenen aus der oberen Bahnhofstraße, die in den letzten Tagen ins Interesse der Öffentlichkeit geraten ist. Händler wie Christoph Holbein von Sport Sohn oder Ute Dieterich von Peek & Cloppenburg haben sich auf einer CDU-Veranstaltung bitter beschwert über die Zustände und als Beleg eine Videoaufnahme vorgelegt, auf der zwei Gruppen – offensichtlich Migranten – aufeinander einprügeln.

Die Szene stammt vom Sommer. Von 100 Beteiligten, wie es gerüchteweise immer wieder heißt, weiß die Polizei nichts. Sie räumt aber ein, dass Klagen über pöbelnde und betrunkene junge Menschen, über Ladendiebstahl und Belästigungen von Mitarbeitern, die nach Betriebsschluss die großen Kaufhäuser und Geschäfte verlassen, deutlich zugenommen haben.

Bei dem Thema prallen zwei Seiten aufeinander. Während die Händler über untragbare Zustände klagen und zugespitzt sogar davon sprechen, dass der Handel in der Innenstadt nicht mehr willkommen sei, widersprechen Stadtspitze und Polizei der geschilderten Dramatik. Dabei sind sich alle darin einig, dass durch die Großbaustelle vor dem Hauptbahnhof die früher dort angesiedelte Obdachlosenszene auf die Bahnhofstraße ausgewichen ist, wo zwischen Friedrich-Ebert-Straße und dem mitten in die Fußgängerzone platzierten McDonald eine Art Hinterhof entstanden ist.

Das Video von der Schlägerei hat auch der Leiter der mobilen Jugendarbeit bei der Stadt Ulm, Siegfried Sauter, gesehen. Er beschönigt nichts, die Szenen seien erschreckend und von einer Brutalität, wie sie selten zu sehen sei. Aber das sei ein Vorfall gewesen, eine Ausnahmesituation, wie Sauter sagt. Kulminiert sei die Lage über den Sommer wegen des Hinterhofcharakters, den dieser Abschnitt angenommen habe. „Wir haben dort eine sehr verdichtete Situation“, sagt er.

Nach Beobachtung der Streetworker treffen sich dort zwei völlig voneinander unabhängige Gruppen. Zum einen sind es die Trinker und Drogenabhängigen vom Bahnhof. Auch solche, die in der naheliegenden Schwerpunktpraxis und in einer Substitutionspraxis ihr Methadon bekommen. Auch hier verdichtet sich einiges in Ulm, weil es im Umland immer weniger Ärzte gibt, die den Ersatzstoff Methadon an Süchtige verabreichen. Eine Gefahr sieht der Streetworker von diesen Personen aber nicht ausgehen.

Kein Interesse an Hilfe

Etwas anders gelagert sei die zweiten Gruppe, die sich um den McDonalds herum und auf den Hinterhöfen der Mühlengasse und dem Heigeleshof treffen. So richtig zu fassen sind diese Personen für die Streetworker nicht. Viele Migranten seien darunter und Flüchtlinge, aber auch junge Deutsche, so Sauter. „Diese Gruppe ist schwierig einzuschätzen, sie ist nicht an Gesprächen mit uns interessiert“, berichtet er über die Schwierigkeiten der mobilen Jugendarbeit in Kontakt mit dieser Klientel zu kommen. Seiner Beobachtung nach kommen davon auch viele aus dem Alb-Donau-Kreis.

Der nahende Winter wird das Problem erst mal verlagern. Aber die Biografien bleiben, und auch wenn die Polizei und der kommunale Ordnungsdienst öfter Streife laufen, wird das Problem im Frühjahr wieder aufschlagen. Genug Zeit also, um sich Gedanken darüber zu machen, was man den randständigen Personen für Angebote machen kann. Sie einfach nur zu verjagen, verlagert das Problem nur.

Die umliegenden Händler skizzieren ein differenziertes Bild


Benetton Die Filiale an der Bahnhofstraße schließt. Der Entschluss, den Standort in die Pfauengasse zu verlegen, stehe schon seit etwa einem Jahr fest, sagt Inhaberin Doris Haug. Die aktuelle Situation auf der Bahnhofstraße habe sie darin bestärkt. „Mit der Baustelle am Bahnhof hat sich die Lage verschlechtert.“ Sie berichtet davon, das Kunden vor dem Eingang angepöbelt werden oder Betrunkene in den Laden kommen. Auch Diebstähle habe es gegeben. Seit dem Herbst schließt Haug ihre Filiale bereits eine Stunde früher. „Bei Dunkelheit ist es für unsere Mitarbeiter schwer.“ Die Situation hat sich ihrer Meinung nach schon verbessert, seit die Medien berichten. Trotzdem findet Haug, dass die Polizei öfter Präsenz zeige sollte. „Dann fühlen die sich nicht so sicher, auch wenn die Polizei nichts unternehmen kann.“

Neue Apotheke Alfred Rohmer von der Neuen Apotheke an der Bahnhofstraße erhofft sich eine verstärkte Polizeipräsenz und mehr Streetworker. „Aber die Maßnahmen sind ja erst beschlossen worden“, sagt er. Deswegen müsse man nun erst beobachten, ob sie Wirkung zeigen.

McDonalds „In der Bahnhofsgegend gab es schon immer irgendwelche Störenfriede“, sagt Gerhard Schmid, der seit 1976 Franchisenehmer von McDonalds in Ulm ist. Dass sich das Publikum vom Bahnhof in Richtung Hirschstraße verlegt habe, berichtet auch er. „In Ulm gibt es überall Plätze, an denen sich Trinker aufhalten und die verlagern sich eben.“ Doch Schmid kann nicht bestätigen, dass sich die Situation in letzter Zeit sehr verschlimmert hätte. „Aber wir bemerken generell eine zunehmende Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten oder der Polizei.“ Kritik an ihr will der Händler aber nicht üben. „Ich würde lügen, wenn ich sage, dass die Polizei zu wenig Präsenz zeigt. Sie ist ja auch in Zivil unterwegs.“

Galeria Kaufhof Die Chefin der Galeria Kaufhof in Ulm, Doris Lindhorst, wollte sich auf Anfrage nicht zur Situation äußern. rei