Soziales Immer mehr Meldungen an der Ulmer Kinderschutzstelle

Wie gut ist ein Kind bei seinen Eltern versorgt? Diese Abwägung ist nicht einfach und die Hauptaufgabe der Kinderschutzstelle, die es in Ulm seit gut zehn Jahren gibt.
Wie gut ist ein Kind bei seinen Eltern versorgt? Diese Abwägung ist nicht einfach und die Hauptaufgabe der Kinderschutzstelle, die es in Ulm seit gut zehn Jahren gibt. © Foto: Julian Stratenschulte, dpa
Ulm / Verena Schühly 14.03.2018
Weil die Fälle immer zahlreicher und komplexer werden, gibt es mehr Personal. Nicht immer ist ein Eingreifen nötig.

Es werden immer mehr: Im Jahr 2017  wurden der zentralen Kinderschutzstelle  (KSS) in Ulm 145 Fälle gemeldet – so viele hat es noch nie gegeben in den gut zehn Jahren ihres Bestehens. Das ist ein Anstieg von 34 Fällen im Vergleich zum Vorjahr. Meist sind es Einzelpersonen, die sich Sorgen um das Wohlergehen von Kindern machen, weil sie Gewalt  oder mangelnde Aufsicht fürchten. Andere Meldungen kommen von Kliniken, Ärzten oder Erziehern. Bei jeder Meldung setzt sich das Räderwerk standardmäßig in Bewegung: Erst ein unangekündigter Hausbesuch zweier Fachkräfte (Vier-Augen-Prinzip); dann Recherchen bei Kinderarzt, Kita oder anderen Institutionen im direkten Umfeld; anschließend machen die Expertinnen gemeinsam die Risikoeinschätzung.

Ist das Wohl des Kindes nach ihrer Ansicht gefährdet, schalten sie das Jugendamt ein mit dem Ziel, ein Hilfspaket von unterstützenden Leistungen für die Familie zu schnüren oder – wenn sich die Eltern verweigern – um weitergehende Maßnahmen in die Wege zu leiten.  In 44 Fällen gab es 2017 Interventionen (siehe Info-Kasten).  In den anderen 101 Fällen wurde deutlich, dass Eltern und Kinder allein klarkommen – damit wurden die Vorgänge abgeschlossen.

Fälle persönlich übergeben

Zum Konzept der KSS gehört auch: Wenn Familien, in denen eine Kindeswohlgefährdung im Raum steht, aus Ulm wegziehen, wird das künftig zuständige Jugendamt informiert und der Fall möglichst persönlich übergeben.

„Die Arbeit der KSS ist eine Gratwanderung zwischen der Autonomie der Familie und dem Kindeswohl“, machte Helmut Hartmann-Schmid deutlich, der Leiter der Abteilung Soziales der Stadt Ulm, als er im Jugendhilfeausschuss des Gemeinderats die Arbeit der KSS vorstellte. Der Bericht hatte einen handfesten Hintergrund: Weil erstens die Zahl der Fälle steigt und die Fälle zweitens komplexer werden, reichen die bisherigen 2,0 Personalstellen nicht mehr aus. Daher beantragte Hartmann-Schmid zum 1. Juli eine Erhöhung um 60 Prozent – auf 2,6 Stellen. Die KSS ist eng verzahnt mit dem kommunalen sozialen Dienst.

Die zunehmende Komplexität rührt daher, dass es die Mitarbeiter häufiger mit ausländischen Familien zu tun haben, die ein Dolmetschen nötig machen und die einen anderen kulturellen Hintergrund haben. Außerdem erhöht sich der Anteil von Menschen mit psychischen Krankheiten oder Suchtproblemen.

Über alle Fraktionsgrenzen hinweg lobten die Stadträte die Arbeit der KSS. Dr. Gisela Kochs (Freie Wähler): „Unsere Kinderschutzstelle ist ein gutes und effektiv arbeitendes Instrument.“ Ebenso einhellig war die Zustimmung zur Personalaufstockung: Die sei unerlässlich, um weiterhin sorgfältig zu arbeiten.

„Dass Kinder gut aufwachsen ist eine große Aufgabe der Gesellschaft“, sagte Hartmann-Schmid weiter. Deshalb sei es nötig, Menschen zu sensibilisieren. Ein Teil der höheren Personalkapazität soll in Fortbildungen fließen, insbesondere für Kita-Personal: „Damit die Mitarbeiter qualifiziert mit Eltern reden können.“

Im Bericht steht auch ein Fallbeispiel: Die Geburtsklinik meldete sich bei der KSS, nachdem eine junge Frau aus  Bulgarien vor der Entbindung keine Angaben über ihren Wohnort gemacht hatte. Daraufhin besuchten die Mitarbeiterinnen samt Dolmetscher die junge Mutter in der Klinik und erfuhren, dass die Frau bei Bekannten wohnt, aber nicht gemeldet ist. An der beschriebenen Adresse stellten die Mitarbeiter fest: Es ist ein Keller mit mehreren, anscheinend illegal vermieteten Wohnungen ohne fließendes Wasser, Heizung und Strom. Aber die Menschen, die dort lebten, hatten sich einigermaßen eingerichtet: Es war sauber, die Leute waren gepflegt. Sie hatten sich auch Möglichkeiten organisiert, um gelegentlich zu kochen und an Wasser zu kommen.

Trennung unverhältnismäßig

Fazit des KSS: Die Versorgung des Kindes war dort zunächst gesichert, weil die Mutter stillte. Die weitere Pflege war auch möglich und sollte über Besuche beim Kinderarzt überprüft werden. Die Bindung von Mutter und Kind wurde als gut bewertet, die Frau war liebevoll und sorgsam. Eine Trennung der beiden schien unverhältnismäßig.  Also wurden Mutter und Kind entlassen, die KSS kam zu Kontrollbesuchen.

Nach dem Beispiel zeigten sich die Stadträte betroffen, auch weil sie die Grenzen der Arbeit der KSS zeigte. „Menschen aus Osteuropa haben hier keine Bleibeperspektive, deshalb kann die Stadt keinen Wohnraum zur Verfügung stellen – höchstens das Geld für eine Rückfahrkarte“, erläuterte Siegfried Sauter von der Stadt auf Nachfrage.

Info Die Kinderschutzstelle Ulm ist erreichbar unter Tel. (0731) 161 61 61.

2017 gab es so viele Meldungen wie nie zuvor

Statistik Bei der Kinderschutzstelle (KSS) der Stadt Ulm gingen im vergangenen Jahr 145 Meldungen ein (Vorjahr: 111, 2007: 72), betroffen waren 223 Kinder. In 44 Fällen hat die KSS das Jugendamt oder andere Behörden eingeschaltet: Mit 8 Familien beschäftigte sich das Familiengericht; 12 Kinder wurden aus ihren Familien heraus und in Obhut genommen; in 2 Fällen wurde eine Familienhebamme eingesetzt; für 17 Familien hat das Jugendamt einen Hilfeplan aufgestellt; in 5 Fällen wurde ein bestehendes Maßnahmepaket verändert.

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