Schauspiel Im Theater Ulm, da sind die Räuber

Zwischen Männerfantasie und Selbstbestimmung: Marie Luisa Kerkhoff als Amalia.
Zwischen Männerfantasie und Selbstbestimmung: Marie Luisa Kerkhoff als Amalia. © Foto: Martin Kaufhold
Ulm / Magdi Aboul-Kheir 01.10.2018

Wenn die Mannen zur Räuber-Bande zusammenfinden, tragen sie Armbinden, die nichts anderes ziert als der neue Ulmer Theater-Spatz. Einer schwenkt sogar eine Fahne mit dem Spatzen. „Das ist doch kein Logo!“, ätzt der ruchlose Spiegelberg. Wär’ das Volksbühnen-Rad nicht viel besser?

Klar, da nimmt Regisseur Jasper Brandis in der Inszenierung der „Räuber“ die Debatte um das neue Signet des Theaters Ulm köstlich auf die Schippe. Aber die Szene zeigt mehr: Sein Schiller spielt auf dem Theater, sehr heutig und sehr hiesig. Für Brandis sind die ausgestellte Künstlichkeit und der Humor die Grundlage, um sich den dramaturgischen und psychologischen Problemen des Texts zu stellen – und dann zum alles andere als komischen Kern vorzustoßen.

Spiel und Spiel-im-Spiel

Zu acht stehen die Akteure zunächst vor dem Vorhang, zitieren aus der „Vorrede“. Doch auch im ersten Akt bleiben sie in dieser Aufstellung, sie nehmen ihre Rollen auf und fallen doch gleich wieder aus ihnen heraus. Und alles wird im Chor kommentiert: oh, ah, bäh, pfff, ha ha ha!

Im Publikum wird jemand gesucht, der für 30 Euro zwei Sätze Regieanweisung vortragen mag. Oder vielleicht tut’s jemand für 20? Für 15? Leider hat die Truppe nicht mal diese 15 Euro, das Geld muss also unter den Zuschauern zusammengebettelt werden

Es ist ein virtuoser Wechsel zwischen Spiel, Spiel-im-Spiel und Nicht-Spiel. Pause ist, wenn’s im Reclam-Heft steht. Oft entsteht Distanz zum Text, um dann wieder umso mehr Nähe zu finden. Ein stetes Changieren des Tons: Diese Inszenierung balanciert auf dem Grat zwischen geistreichem Witz und bitterem Ernst. Das mag nicht jedem gefallen, doch es geht auf.

Um eine Sache ironisch zu brechen, muss man sie auch wichtig nehmen, Brandis und dem Ensemble gelingt beides: sich augenzwinkernd zu distanzieren und wahrhaftige Töne zu finden. Das Lachhafte und der Ernst, sie nehmen einander nichts weg.

Schließlich geht es  in dieser Geschichte zweier angeblich so ungleicher Brüder nicht nur philosophisch um die Dialektik von Gut und Böse, Recht und Unrecht, Freiheit und Enge  – es geht konkret um die Entstehungsbedingungen von Gewalt, soziologisch und seelisch. Die Relevanz des Stücks muss Brandis gar nicht ausbuchstabieren, weder muss von AfD noch von besorgten Bürgern die Rede sein, um zu vermitteln, was gemeint ist. Es ist erschreckend, wie sich die Mannen im Wald rühmen, Mörder zu sein. Und man hört, wie Sprache Gewalt sein kann; manche Tat findet nur im Wort statt, und doch ist sie tödlich.

Die Inszenierung kommt mit wenigen Bildern (Bühne, Kostüme: Andreas Freichels) aus. Der Wald besteht aus Glitzergirlanden, das Schloss ist eine Hütte auf einer Drehbühne. Doch ihre spiegelnden Wände zeigen die Theatermaschinerie und betonen, wie die Figuren einander zur Projektionsfläche oder zu Doppelgängern werden. Hier gleichen sich viele, das zeigen auch die ähnlichen Anzüge; nur Weste, Fliege, Krawatte, offene Krägen verweisen auf Rollen-Unterschiede.

„So let’s get radical!“, singen die Gypsy-Punker Gogol Bordello, und ja, Radikale sind alle drei Hauptfiguren des Stücks: Franz ist der Radikale der Rache und der Macht. Karl ist der Radikale des Eiferns und des Revolutionären. Und Amalia? Ist die Radikale des Herzens und der Seele.

Famos ist die Szene, wie Marie Luisa Kerkhoff zur Amalia wird. Halb wird ihr der Anzug vom Körper gerissen, halb strippt sie, das Kleid wird ihr übergestreift: sichtbar hineingestoßen in diese Schillersche Frauenrolle, eine Männerfantasie bedienend. Doch findet diese Amalia zu eigenem Bewusstsein: keine kleine schauspielerische Leistung.

Franz ist bei Benedikt Paulun ein Kraftwerk negativer Energie, von seinen Defiziten angetrieben; oft hitzig narzisstisch, manchmal aber überraschend leise. Kein eindimensionaler Schuft, Paulun spielt das alles auch in seiner Körperlichkeit wunderbar aus: zwischen massiger Härte und vibrierender Durchlässigkeit. Wenn Amalia ihn auf seine brutales Werben hin ohrfeigt, lässt er nur ein kindisch verwundertes „Boah“ hören – um gleich wieder chauvinistisch loszupoltern.

Schwärmerei und Selbstekel

Und Karl? All den Schwankungen seines Gemüts muss man folgen können: zwischen Schwärmerei und Selbstekel, Rausch und Kater. Ein Mann zwischen Rasen und Räsonnieren: Maurizio Micksch gelingt es durch seine Intensität in Haltung, Mimik und Stimme, Glaubwürdigkeiten des Moments herzustellen. Stark.

Gunther Nickles spielt den alten Moor zwischen Opa Hoppenstedt und Lear-Parodie (urkomisch, wie er mal mit Echo-Effekt spricht), doch ist er auch ein verzweifelter Greis. Fabian Grövers Spiegelberg ist markant geltungssüchtig, machtgierig, blutdürstig. Das ganze Ensemble hat seine Momente, oft in mehrfachen Rollen: so Lukas Schreck als Schweizer, Stephan Clemens als Hermann, Jakob Egger als Kosinsky.

Ein reflektierter, kurzweiliger Abend, ein sehenswerter Saisonauftakt des Schauspiels.

Noch zwölf Aufführungen

Jasper Brandis’ Inszenierung von Friedrich Schillers „Die Räuber“ steht noch zwölf Mal auf dem Spielplan. Die nächsten Termine im Großen Haus: 3., 5. 13., 20., 23. und 25. Oktober. Karten: 0731/161 44 44.

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