Ulm Im Test: Neue Kino-App für Blinde und Gehörlose

Ulm / OLGA POSSEWNIN 03.06.2014
Was haben Blinde und Gehörlose davon, ins Kino zu gehen? Seit Anfang des Jahres viel mehr: Eine Berliner Agentur hat zwei Apps entwickelt, die diesen Menschen den Besuch im Filmtheater möglich machen.

Ein dunkler Saal mit riesiger Leinwand, der Duft von frischem Popcorn, Menschen, die ein Erlebnis teilen - kurz: Kino. Wer geht schon nicht gerne ins Lichtspielhaus, um den neuesten Hollywoodstreifen oder den vielversprechenden Independentfilm zu sehen und sich im Anschluss mit anderen darüber auszutauschen? Kino ist Kultur - und die verbindet. Doch was ist mit denjenigen, denen diese Erfahrung vorenthalten bleibt, weil sie anders sind? Anders im Sinne von gehandicapt, so wie der blinde Achim Kustermann und das gehörlose Ehepaar Tannja und Markus Frank.

Die meisten Kinos in Deutschland sind nicht wirklich barrierefrei. Sie sind höchstens rollstuhlgerecht. Aber Blinde und Gehörlose blieben bislang außen vor. Die Berliner Agentur Debese Filmverleih will das ändern, sie hat zwei Apps entwickelt: "Greta" für Blinde und "Starks" für Gehörlose. Wie sie funktionieren, haben Achim Kustermann und die Franks für unsere Zeitung getestet.

Ausprobiert wurden die Apps im Film "Grand Budapest Hotel" im Ulmer Kino Obscura. Protagonist ist Monsieur Gustave, ein Concierge, der im noblen Hotel Grand Budapest in der fiktiven Republik Zubrowka arbeitet. Er hat eine Affinität zu älteren Damen, und so kommt es eines Tages, dass ihm eine gewisse Madame D. nach ihrem Ableben ein wertvolles Gemälde vermacht. Der Familie der Verstorbenen - insbesondere dem Sohn - missfällt das jedoch, weshalb er einen Auftragskiller engagiert, der Gustave und auch dessen Schützling, den Lobby-Boy Zéro, töten soll. Eine Hetzjagd beginnt. Regisseur Wes Anderson erzählt seine verschachtelte Geschichte mit enormem visuellen Reichtum.

Vor dem Kinobesuch haben sich Achim und sein Vater zu Hause "Greta" heruntergeladen. Einzige Voraussetzung, um das Programm zu nutzen: ein Smartphone. Die App ist bei Google Play oder in anderen App-Stores erhältlich - kostenlos. Sobald die Vorstellung im Kino beginnt, wird "Greta" gestartet. Die App erkennt den Film automatisch und spielt die Audio-Deskriptionen synchron ab. Achim hat In-Ear-Kopfhörer dabei, von denen er sich einen ins Ohr steckt. Mit dem freien Ohr hört er - genau wie andere Kinobesucher - Dialoge und Musik über die Lautsprecher im Saal. Was er hört, sind Beschreibungen: unter anderem darüber, wie die Menschen und Orte auf der Leinwand aussehen - Kino im Kopf eben.

Sein Fazit nach dem Film: "Es ist begrüßenswert, dass so eine App entwickelt wurde. Allerdings weist sie noch ein paar Mängel auf." So hat den 16-Jährigen, der von Geburt an blind ist, gestört, dass die Beschreibungen zu schnell gesprochen wurden und er somit Schwierigkeiten hatte, alle Informationen zu verarbeiten. Auch so manches Detail - etwa, welche Nummer eine Tür hat - sei überflüssig gewesen, weil es für den weiteren Verlauf des Films keine Rolle spielte. Besonders ärgerlich findet Achim, dass es "Greta" nur für Handys mit Touchscreen gibt, was für Blinde nicht unbedingt nutzerfreundlich sei. "Vielleicht könnte man auch für Tastenhandys etwas Ähnliches auf den Markt bringen", regt der Gymnasiast an.

"Starks", das Äquivalent für Gehörlose, funktioniert ähnlich wie "Greta". Nur eben nicht via Kopfhörer, denn "Starks" zeigt erweiterte, so genannte "Hard of Hearing"-Infos auf dem Smartphone an: Untertitel für Hörgeschädigte. Das wollen Tannja und Markus Frank testen. Doch schon bevor der Film beginnt, realisiert das Ehepaar, dass es unkomfortabel sein wird, das Handy während der gesamten Vorstellung in der Hand zu halten. Not macht erfinderisch, also werden kurzerhand zwei Barhocker vor die Sessel der Franks platziert, auf welche die beiden ihre Telefone aufrecht hinstellen. Nicht ideal, aber besser als vorher. Auf ihrer Internetseite schreiben die Entwickler, dass sie an besseren Lösungen wie einer Halterung und einer Datenbrille arbeiten.

Wie beurteilt nun das Ehepaar die Apps der Berliner Agentur? "Es war anstrengend, zwischen der Leinwand und dem Handy hin- und herzuwechseln", gebärdet die 44-jährige Tannja Frank, und eine Freundin übersetzt. Markus Frank hat außerdem gestört, dass die Untertitel keine unterschiedlichen Farben hatten, so dass nicht verständlich war, wer im Film gerade spricht.

"Greta" und "Starks" sind also eine lobenswerte Idee. Allerdings befinden sie sich im Anfangsstadium und sind noch optimierungsbedürftig. Ein Schritt in Richtung Inklusion, auch im Kino, ist damit aber allemal getan.

Bisher begrenztes Angebot an Kinofilmen

Auswahl Die Apps "Greta" und "Starks" gibt es bisher nur für eine begrenzte Auswahl an Kinofilmen. In den vergangenen Monaten waren das "Imagine", "Der Medicus", "Buddy", "Bibi und Tina", "Petersson und Findus", "Monuments Men", "Grand Budapest Hotel", "Die Bücherdiebin" sowie "Irre sind männlich".

Mehr Informationen gibt es unter www.gretaundstarks.de

SWP

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