Geschichte Friedrich Röcker saß im KZ Oberer Kuhberg ein

Ulm / Von Rudi Kübler 12.07.2018
Friedrich Röcker wurde als Kommunist verfolgt, er saß im KZ Oberer Kuhberg ein und starb im April 1945.

Wie schwer sich die junge Bundesrepublik mit der Aufarbeitung der NS-Zeit im Allgemeinen tat, wissen wir. Mit der Wiedergutmachung für die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur im Speziellen verhielt es sich nicht anders. Der Aktenvermerk, den Josef Naßl, Archivar des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg, im Staatsarchiv Ludwigsburg gefunden hat, legt davon beredt Zeugnis ab. Angelegt hat den Vermerk ein promovierter Jurist, nennen wir ihn Dr. H. Er macht darin deutlich, dass er als Vertreter des Landes beantragt hat, die bei der Wiedergutmachungskammer anhängige Klage der Ulmerin Martha Röcker abzuweisen. Die Witwe hatte auf Rente im Rahmen der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts geklagt.

Dr. H. wähnte sich zwar rechtlich auf der sicheren Seite – Friedrich Röcker war in Jugoslawien gefallen –, moralisch gesehen aber hegte er selbst größte Zweifel an seiner eigenen Entscheidung. Tage später schrieb er besagten Vermerk: Er wolle anregen, dass Frau Röcker eine finanzielle Unterstützung erhalte. „Es steht fest, dass der verstorbene Ehemann wegen seiner politischen Betätigung zur Division 999 gekommen ist ... Zweifellos ist sie die Ehefrau eines politisch Verfolgten und man sollte ihr irgendetwas zukommen lassen“, zitiert Naßl aus den Akten.

„Irgendetwas“ solle man der Witwe Röcker zukommen lassen. Aus Dr. H. spricht die pure Hilflosigkeit. Warum konnte der Jurist nicht einfach dem Recht Geltung verschaffen – schließlich hatte er im Aktenvermerk doch „zweifellos“ festgestellt, dass Friedrich Röcker politisch Verfolgter war?

In Gruorn geboren

Es lohnt also, den „Fall Röcker“ unter die Lupe zu nehmen, zumal der Ulmer auch im KZ Oberer Kuhberg einsaß. Geboren 1910 in Gruorn, dem von den Nazis umgesiedelten Dorf bei Münsingen, hatte Fritz Röcker früh das elterliche Haus verlassen. Sieben Geschwister waren es daheim, er, der älteste, fing mit 14 eine Lehre als Bauschlosser in Metzingen an, erzählt Naßl, der sich für die Stolperstein-Verlegung mit dem ehemaligen KZ-Häftling befasst hat. Wo Röcker gearbeitet hat? Das ließ sich nicht eruieren. Dass es aber schwierig gewesen sein dürfte, eine Stelle zu finden, gilt vor dem Hintergrund der aufkommenden Weltwirtschaftskrise als ausgemacht.

Im Januar 1932 wird Röcker aktenkundig: Er, der inzwischen bei der KPD Mitglied ist, wird in Stuttgart gemeinsam mit mehreren Genossen zu drei Jahren Zuchthaus wegen Hochverrats verurteilt. Was genau hinter dem Anklagepunkt steckt, muss der DZOK-Archivar erst noch recherchieren; eines aber scheint bereits jetzt klar zu sein: „Röcker war kein KPD-Funktionär, sondern eher ein kleiner Fisch.“

Was die Nazis aber nicht davon abhielt, ihn, den „unbelehrbaren Überzeugungskommunisten“ (NS-Jargon), nach Verbüßung der Haft sofort auf den Oberen Kuhberg zu bringen. Nach Auflösung des KZ im Juli 1935 wird Röcker entlassen; er bleibt in Ulm, wohl auch, weil sein Bruder Erich bei Kässbohrer arbeitet. Er arbeitet zunächst bei der Pflugfabrik Eberhardt, später dann bei Kässbohrer und wohnt zur Untermiete in der Schwilmengasse 35, wo er seine spätere Frau Martha, die Tochter seines Vermieters, kennenlernt und 1936 heiratet.

Anfang 1943 wird Fritz Röcker zwangsrekrutiert zum so genannten Bewährungsbataillon 999, das sich aus Nazi-Sicht aus „Wehrunwürdigen“ zusammensetzte. Als „wehrunwürdig“ galt im Prinzip jeder, der zu einer Zuchthausstrafe verurteilt und nicht im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte war. Den Männern,  Nazigegnern und Kriminellen, wurde in Aussicht gestellt, ihre Wehrwürdigkeit wiederzuerlangen, im Grunde genommen waren sie aber nur Menschenmaterial – eingezogen, um verheizt zu werden. Röcker ist auf der griechischen Insel Zakynthos stationiert, dann wird das Bataillon nach Jugoslawien verlegt, um den Rückzug regulärer Einheiten zu decken. Dort fällt er am 12. März 1945 – wie viele seiner Kameraden.

Die Wiedergutmachungskammer weist übrigens die Klage Martha Röckers ab mit der Begründung, der Tod ihres Mannes habe sich „in keiner Weise von dem Tod anderer Soldaten in regulären Wehrmachtseinheiten“ unterschieden. Der Tod war „typisches Soldatenschicksal“.

Wo die Betonquader in die Gehwege eingelassen werden

Zeitplan Freitag, 8.45 Uhr, Grimmelfingen, Kirchstr. 3 (nicht auf der Karte verzeichnet): Stein für Maria Hausser. Abfahrt Bus 8.15 Uhr an der Steinernen Brücke. Rückkehr des Busses zum Busparkplatz Steinerne Brücke. 9.30 Uhr, Neue Straße 42 (2), Stein für Friedrich Röcker. 9.55 Uhr Schwörhausgasse 15 (3): Stolperstein für Max Moritz Strauss. 10.20 Uhr, Marktplatz 9 (4), Steine für Familie Klappholz. 10.45 Uhr, Schuhhausgasse 9 (5), Steine für Familie Neuburger. 11.10 Uhr, Hafengasse 10 (6): Steine für Familie Krippel. 11.35 Uhr Frauengraben 47 (7): Stein für Lina Girr. 11.55 Uhr, Am Zundeltor 2 (8): Stein für Else Dölzer.

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