Musiktherapie Im Spielraum hörbarer Beziehungen

Ulm / Claudia Reicherter 24.08.2018

Ich kann hören. Ich kann zuhören. Ich kann gehört werden. Ich kann dafür sorgen, dass ich gehört werde. Ich kann auch übertönt werden. Etwa, wenn ich mich unter den rund 50 Instrumenten im Musiktherapieraum des Neubaus auf dem Uni-Gelände am Oberen Eselsberg für die harfenartige Kantele entscheide. Statt für eine der großen Trommeln oder das Klavier. Will ich heute mal die erste Geige spielen oder lieber auf die Pauke hauen? Oder gar jemandem gehörig den Marsch blasen? Ich entscheide nicht nur darüber, dass ich gehört werde, sondern auch darüber, was von mir gehört wird.

All das sind „ganz wichtige Erfahrungen und spannende Erkenntnisse“, findet Nicola Scheytt. Die Psychologische Psychotherapeutin im Team der Ulmer Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie ließ sich in Wien an der Musikuniversität zur Musiktherapeutin ausbilden. Das Wort „Musik“ lässt sie Patienten gegenüber aber oft weg. Sie spricht von Klängen, Harmonien, Melodien, Tönen, Geräuschen. Denn ums Musizieren im von unserer Leistungsgesellschaft geprägten Sinn geht es hier nicht. Deshalb nennt Nicola Scheytt den Musiktherapieraum lieber „Spielraum“.

Für ihre Ausbildung sollte sie zwar zwei bis drei Instrumente beherrschen, singen können und über theoretische Kenntnisse in Bezug auf Musik verfügen, aber einer „kalten Virtuosin“ wurde bei der Aufnahmeprüfung dennoch eine junge Frau vorgezogen, die ihre Instrumente nicht perfekt beherrschte. Stattdessen jedoch „über Musik eine Beziehung herstellen“ konnte. Darum geht es nun in Scheytts Beruf: „Die Musik, die wir hier machen, ist eine hörbar gewordene Beziehung.“

Durchs Erzeugen von Klängen erfahren die Therapeuten viel über ihre Patienten. Und: „Über die Musiktherapie lernt man sich selbst besser kennen“, sagt ein 45-jähriger Patient. Sie habe bei sich beobachtet, „dass sehr viele Gefühle aufkommen“, meint seine 18-jährige Mitpatientin. Musik transportiere nonverbal Gefühle, für die sie noch keine Worte finde, erklärt eine 57-Jährige.

Nicola Scheytt legt in diesem Raum Wert aufs (Wieder-)Entdecken, durchaus auch im kindlichen Sinn, aufs Ausprobieren, aufs Erfahren. Und aufs Zusammenwirken. „Es gibt Gruppen- und Einzelmusiktherapie“, erläutert sie, „aber hier wie dort geht es immer um ein Miteinander.“ Musik ziehe stets „in die Beziehung rein. Ich kann die Augen zumachen, aber nicht die Ohren. Klang ist auf gute Weise unausweichlich. Meistens jedenfalls.“

Die Ausstattung des von ihr und ihrer Kollegin Manuela Delhey genutzten Musik­therapieraums umfasst deshalb „Instrumente, die so beschaffen sind, dass jeder sie spielen kann“. Blechblasinstrumente gehören nicht dazu, dafür Schlaginstrumente, ein Cello, einzelne Orgelpfeifen, Regenmacher, Ocean Drum, eine südamerikanische Cabasa und auch eine Zither, deren Saiten absichtlich nicht gestimmt sind. „Manchmal ist Verstimmung genau das passende.“

Zum einen erzeugen die Therapeutinnen und ihre Patienten in der zweimal pro Woche in Einheiten von jeweils 75 bis 90 Minuten angebotenen Musiktherapie also aktiv Musik. In der gemeinsamen Improvisation, die vielen Menschen schwerfalle. „Weil es keinen Plan gibt“, sagt Scheytt. Und Planung einem in Zeiten und Situationen, da die ängstlichen, gehemmten Seiten besonders ausgeprägt sind, vermeintlich Sicherheit gibt. „Zu uns kommen ja Menschen, bei denen aufgrund unsicherer Bindungserfahrungen etwas aus der Balance geraten ist.“ Schwer artikulierbaren Emotionen Ausdruck verleihen können die Patienten auch, indem sie der Gruppe komponierte Musik vorstellen, die sie besonders berührt. „Mit Liedern können Erinnerungen geweckt werden“, sagt die 18-Jährige. „Musik kann einem auch Kraft geben.“ Etwa, um sich von einer geliebten Person zu verabschieden.

Von Klassik bis Techno

So unterschiedlich die Alters-, Bildungs- und sozialen Schichten, denen Patienten der Klinik angehören, so weitgestreut die Auswahl ihrer mitgebrachten Musik. „Da habe ich schon alles zu hören bekommen“, erzählt die Musiktherapeutin: vom Renaissancelied bis Heavy Metal; Rap, Rock, Reggae, Techno bis hin zu Soundtracks. Interessanterweise hören junge Leute auch wieder die Musik ihrer Eltern, Lieder aus den 70er und 80er Jahren, Leonard Cohen oder die Beatles. „Vielleicht wie so ein kleines familiäres Erbe?“ Am wenigsten scheinen sich Scheytts Patienten aus deutschem Schlager zu machen.

Wobei wiederholt auf ihrer inzwischen langen Liste von Musikstücken ein „gar nicht besonders hochgestellter Titel von Andreas Gabalier“ steht: „Einmal seh’n wir uns wieder“. Gefolgt von Linkin Park, einer Rockband, deren Sänger sich 2017 das Leben nahm. Ein Hilferuf? Warnsignal? „Vor allem ist das ein Hinweis darauf, dass den Patienten oder die Patientin gerade die Themen Tod, Freitod, Abschied beschäftigen.“ Aber auch Überlegungen wie: „Dass jemand so erfolgreich sein kann und trotzdem in seinem Leben nicht mehr weiter weiß . . .“ Das könne zur Frage führen: „Was brauche ich selbst, um ein zufriedenstellendes Leben zu führen?“

Ob eine Gruppe funktioniert, lässt sich auch daran ablesen, inwieweit deren Mitglieder Songs von Mitpatienten, die sie sonst nicht anhören, etwas abgewinnen können, sie tolerieren.

„Nicht nur die Töne, die wir selbst erzeugen, auch die von anderen machen ja etwas mit mir“, sagt Scheytt. Auspowern und Katharsis sind durchaus möglich. „Unsere Trommeln halten richtig viel aus.“ Aber bei den Zuhörern können die Klänge außer zu Euphorie auch zu Herzklopfen oder Magenschmerzen führen. Sich seiner Grenzen bewusst zu werden, gehört zu den weiteren grundlegenden Erfahrungen, die man hier machen kann. Deshalb steht in den Regalen des Musik­therapieraums auch ein hölzernes rotes „Stop“-Schild. Das kann bei Bedarf jeder hochhalten, ob Therapeut oder Patient.

Grundsätzlich gehe es um regulative Prozesse. Darum, Gefühle „in adäquater Form mitzuteilen“. Dass die Gesellschaft erwartet, dass wir Wut oder Kränkung nicht zeigen, „dass Trauer etwa nur als inneres Schweigen erlebt werden kann“, das habe die Menschen vielleicht gerade krank gemacht.  Dann hilft die Big Bom, eine Schlitztrommel, die Djembe oder das Xylophon, zu denen Patienten gern greifen. Seltener nehmen sie die indische Shruti-Box aus dem Regal, obgleich diese Kreuzung aus Klavier und Akkordeon in Form einer handlichen Holzbox schön klingt. „Vielleicht, weil sie nicht selbsterklärend ist?“, überlegt Scheytt. Gelegentlich kommt das Monochord zum Einsatz. Wenn sie die sämtlich gleichgestimmten Saiten anschlägt, empfänden manche Patienten das als „angenehm einhüllend“. Aber auch mal als aggressiv und angstmachend.

Sie fühle sich beim Musizieren „authentisch einfach aus mir raus, ohne Angst“ und sei „oft überwältigt“, fasst eine 54-jährige Patientin ihre Erfahrungen zusammen. „Weil Menschen Musik ganz individuell, immer wieder anders erleben“, schließt Musiktherapeutin Nicola Scheytt, „bleibt das so spannend.“

Harmonien, Melodien, Töne und Geräusche

Unsere Sommerserie Wohin wir auch gehen, wo wir auch sind, fast überall klingt irgendetwas. Noch nie gab es so viel zu hören wie heute – aber oft ist das alles nur Begleitmusik im wahrsten Sinne. Das Kulturgut Musik ist eben auch ein Gebrauchsartikel. Wir hören jetzt mal genauer hin und spitzen die Ohren: „Was man hört“ heißt unsere Sommerserie. Darin fragen wir uns und unsere Gesprächspartner, welche Musik etwa im Tanzkurs oder im Supermarkt, in der Warteschleife am Telefon oder zu Beerdigungen gespielt wird? Wie beeinflusst die Musik unsere Wahrnehmung, wenn wir mit Kopfhörern durch die Welt gehen? Heute: Was kommt eigentlich in der Musiktherapie zum Klingen?

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