Im Sperrfeuer der Pointen

"Da sagt der Grünwald Stop": Zweieinhalb Stunden gibt der Kabarettist Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat. Foto: Maria Müssig
"Da sagt der Grünwald Stop": Zweieinhalb Stunden gibt der Kabarettist Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat. Foto: Maria Müssig
CHRISTA KANAND 06.08.2012
Bajuwarischer Grantler und toller Pantomime: Bei Günter Grünwald kamen die 400 Fans im Vöhringer Kulturzentrum mit dem Lachen kaum nach.

Welches Bühnenbild? Der Prenzlauer Berg? Dann lieber der Münchner Flughafen, natürlich 1:1 nachgebaut - mit Tower, wenn Grünwald ("Günter ohne h") sieben Stunden über der Bühne kreist und deswegen den Fluglotsen als "Arschloch" abkanzelt. Klar, der bajuwarische Kabarettist auf der nackten Bühne vorm schwarzen Vorhang nimmt bei deftig-derben Schimpfwörterkaskaden kein Blatt vor den Mund. Im Zuge der Phantastereien des Dampfplauderers bekommt Vöhringen auch eine U-Bahn-Station. Da fließen im fast vollen Eychmüller-Haus schon die ersten, aber nicht die letzten Lachtränen.

Im Comedy-Geschäft sind Inhalte sowieso zweitrangig. Entscheidend ist nicht das Was, sondern das Wie. Und darauf versteht sich der Mittfuffziger mit dem erdigen Namen seit bald 20 Jahren. Bei seinem neuen Programm (aber in alter Rechtschreibung: "Da sagt der Grünwald Stop") kam die rund 400-köpfige Fangemeinde mit dem Lachen kaum nach.

Stopp sagte der sympathische Ingolstädter bei einem ärztlichen Magenspiegelungs-Inferno. Weil die Minisonde kaputt war, wurde "im Umfang eines C-Rohrs der Feuerwehr" die Arzthelferin mit Polaroid-Kamera eingeführt.

Unberechenbar und immer für eine Überraschung gut, wechselte der vielfach preisgekrönte Kabarett-Star, zu dessen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad diverse Radio- und Fernsehsendungen beitragen, Themen und Typen. Zweieinhalb Stunden gab er Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat. Geschickt verknüpfte der Grantler im Ingolstädter Heimatdialekt Nummern, bei denen er in diverse Charaktere schlüpft, 1-a-Parodien und Stand-Ups. Wobei er mit dem Lächeln geizt, nicht aber mit Pointen.

Nach- und Hinterdreindenken? Keine Zeit. Bibelgeschichten, Weltuntergang, neue Männerrolle, Burn-out, Promis (Pippas Po bei der englischen Thronfolger-Hochzeit), Tier-Kult (von Knut bis zu Beini, dem einbeinigen Tausendfüßler), Fernseh-Müll und "Doku-Kacke" wurden im Sperrfeuer auf das Zwerchfell abgearbeitet.

Irrwitzig die Horrorszenarien des Alltags, die jeder schon ähnlich erlebt hat. Überall Deppen - "I bin oan Deppen-Magnet". Ob hinter einem unentschlossenen Deppen bei McDonalds oder im Supermarkt, wo ein "zahnloser, nach Alkohol stinkender Hornochse mit seinen Dreckpratzen" alle Pfirisiche untersucht.

Filmreif sind auch die Erlebnisse bei Bundesbahn-Fahrten. Alle zehn Sekunden wippt ein dicker Ami-Depp "seinen Haxen mit Pilzbefall und meterdicker Hornhaut" auf Grünwalds Gesichtshöhe, Montagearbeiter mit doppeltem Zwiebel-Döner stinken "als wenn ein Nilpferd direkt in den Schoß reihert". Mal nerven zwei Madl zwischen Wein- und Schreikrampf mit der Aschenbecherklappe, während die Mutter mit dem Handy zugange ist, mal frönt ein Ehepaar seinem Freßzwang. Wer immer dabei ist? Ein sächselnder Schaffner.

Eine Pressestimme möchte Grünwald, der Riesenapplaus mit zwei Zugaben belohnte, auf keinen Fall vorenthalten: "Wer dieses Programm nicht gesehen hat, der kennt es nicht." Stimmt. Und der hätte nicht gesehen, wie der Pantomime mit aufgeblähten Backen das schielende Opossum Heidi imitierte oder als Onkel Erwin das Glasauge herausnimmt und seine fünfjährigen Neffen erschrickt - umwerfend, eine Mordsgaudi.