Findet man hier jemals wieder raus? Diese Frage drängt sich jedem auf, der sich im Schein der Taschenlampe durch das Labyrinth des Rotochsen-Kellers bewegt. Das ist einer der rund 30 Bierkeller, die – meist von der Höhe eines Eisenbahntunnels –  die gesamte Südseite des unteren Michelsbergs durchziehen. Dieser faszinierende und vergessene Teil des unterirdischen Ulm ist das jüngste Großprojekt von pro ulma, der Bürgergemeinschaft zur Erhaltung und Erneuerung des alten Ulm.

Nach rund einer Stunde in besagtem Labyrinth sind der pro-ulma-Präsident, OB Gunter Czisch, nebst weiteren Vertretern der Bürgergemeinschaft und des Fördervereins Bundesfestung Ulm im Hinterhof des Restaurants Boccaccio wohlbehalten der Unterwelt entstiegen. Dass sie sich bei ihrer von Taschenlampen illuminierten Expedition über halsbrecherische Treppen und tückische Schuttberge nicht verirrt haben, lag an der sachkundigen Führung von Ülger Suriano. Die Hausmeisterin des Boccaccio kennt jeden Winkel dieses Systems, das aus zwölf gewaltigen, teils versetzt, teils parallel gebauten Gewölben besteht.

Vom Boccaccio aus erstrecken sich diese Keller unter der Michelsbergstraße hindurch bis unters Elisabethenhaus. Aus einem der Keller, deren Ziegel-Gewölbe bis zu sieben Meter hoch sind, führt eine Wendeltreppe in einen schmalen schier endlosen Gang, der ebenfalls unter der Michelsbergstraße hindurch unter die Vinothek in der Mühlsteige 4 führt. Dort sind weitere vier kreuzförmig angelegte tunnelhohe Bierkeller angelegt. An der Wand des langen schmalen Ganges verlaufen zwei gläserne Bierleitungen von etwa sieben Zentimetern Durchmesser, durch die einst Gerstensaft floss.

44 Brauereien im Jahr 1828

Sie erinnern an die Zeiten, als der Michelsberg noch frei war von Wohnhäusern. An deren Stelle luden seit der Biedermeierzeit Ausflugsgaststätten die Ulmer zum Genuss der Produkte ihrer zahlreichen Brauereien ein. Bereits im Jahr 1836, also schon vor dem Bau der Bundesfestung, war „der Hauptsitz der Bierbrauerei Oberschwaben, namentlich aber Ulm“, so meldet Württembergs statistisches Jahrbuch 1839. Die Zahl der Brauereien stieg von 17 im Jahr 1828 auf 44 anno 1870, während die Produktion um etwa 1000 Prozent zunahm. 1865 stellten die Stuttgarter Brauereien nur halb so viel Bier her wie die Ulmer, die allerdings ein Viertel davon exportierten.

Die restlichen drei Viertel wurden in Ulm dringend benötigt. Denn nicht nur die Eingeborenen lechzten danach: Der Bau der Bundesfestung, der 1842 begonnen hatte, beschäftigte über 6000 Festungsarbeiter. Kurz darauf kam noch der Bau der Eisenbahn hinzu, der bis zu 2000 Arbeiter an die Stadt band. Schließlich zählte die Ulmer Garnison noch über 2000 Soldaten. Sie alle einte der Durst nach Bier.

Dieses aber musste irgendwo gelagert werden. Und dafür bot sich der stadtnahe untere Michelsberg an, wo man nicht so schnell auf Grundwasser stieß. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde er zu diesem Zweck durchlöchert wie ein Schweizer Käse. So viel war bislang bekannt. Aber wie viele dieser Keller gab es? Welche existieren heute noch? In welchem Zustand befinden sie sich?

Um diese Fragen, deren Antwort nicht einmal die Stadtverwaltung kennt, kümmert sich seit einigen Jahren pro ulma. Um sie zu lösen, hat die Bürgergemeinschaft den Bauhistoriker Christoph Kleiber beauftragt, in einem ersten Schritt herauszufinden, wo sich diese Keller befanden und/oder noch befinden. Kleiber hat sich durch die Bauakten des Stadtarchivs gefressen und dabei weit mehr herausgefunden, als von ihm verlangt war: ein wahrhaft berauschendes Stück Ulmer Kulturgeschichte.

Da die Bauakten erst seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts erhalten sind, fand Kleiber die ersten Hinweise in den Adressbüchern. Dessen Ausgabe 1842 verzeichnet unter den neuen „Sommerbierschenken“ außerhalb der Stadttore zwei „Felsenkeller“, einen in „Wößner’s Garten“ hinter der später errichteten Kienlesbergkaserne und den anderen in „Dreikönigswirths Garten“, jenseits der Mühlsteige, Ecke Zeppelinstraße. Simon Wößner war der Besitzer der Brauerei zur Alten Post, Kronengasse 14. Die Konzession, in seinem Garten am Michelsberg Bier auszuschenken, hatte er 1834 erhalten.

Die beiden Felsenkeller gerieten schnell zur Attraktion, die Einzug fand in die Sammel-Ansichten mit Ulms interessantesten Sehenswürdigkeiten. Eine weitere wurde „Rieckerts Keller“, der nachmalige Rotochsen-Keller. Den Plan dafür, den Rotochsen-Wirt Andreas Rieckert eingereicht hatte, fand Kleiber in den Bauakten. Er stammt aus dem Jahr 1845 und ist der älteste erhaltene eines Ulmer Bierkellers am Michelsberg. Vorgesehen war ein Lagerbier-Keller und darüber ein „Oeconomie und Wirthschafts- Gebäude“.

Verzwickte Eigentumsverhältnisse

Der Michelsberg war damals so gut wie unbebaut. Die heutige Michelsbergstraße gab es noch nicht. Daher hat die heutige Parzellierung mit der damaligen herzlich wenig zu tun. Und deswegen ziehen sich die in der Folge ständig erweiterten und neu hinzugekommenen Keller mitunter kreuz und quer unter den heutigen Grundstücken und den darauf errichteten Gebäuden hindurch. Entsprechend verzwickt sind die Eigentumsverhältnisse.

Nicht nur der Rotochsen-Keller wucherte in den folgenden Jahren weiter. Der Stadtplan von 1877 zeigt acht verschiedene Stellen vom Kienlesberg bis zum Westhang des Safranbergs, an denen jeweils mehrere Bier- und Felsenkeller ausgewiesen sind. Im Untergrund entstanden ständig weitere Lagerstätten und Eiskeller, die durch Aufzüge mit den Fässern bestückt wurden. Und über den Bierkellern wuchsen Wirtschaftsgebäude, Biergärten, Kegelbahnen, wie Kleiber anhand der Bauakten nachweisen kann.

Was die Bauweise betrifft, hat er herausgefunden, dass ein Teil der Bierkeller ausgehoben, mit Mauern und Gewölbe versehen und danach mit Erde bedeckt wurden. Von anderer Qualität sind die „Felsenkeller“: Sie wurden bergmännisch in den Felsen getrieben wie der Dreikönigs- und Postwirts-Keller oder weitere Felsenkeller in der unteren Frauensteige.

Keller als Notunterkunft

Mit der Entwicklung der Kühltechnik wurden viele der Keller im Lauf der Zeit für die Brauereien entbehrlich. Dafür entwickelte der Luftschutz Interesse an ihnen, den die Nationalsozialisten von ihrer Machtübernahme an forcierten. Der Rotochsen-Keller wurde 1941 als Notunterkunft für Menschen ausgewiesen, die durch Fliegerangriffe obdachlos werden könnten. Für den Luftschutz nur mäßig ausgebaut, hielt er der Bombe nicht stand, die am 19. April 1945, wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner, eines der Gewölbe durchschlug. 85 Menschen fanden den Tod.

Nach dem Krieg gerieten die Bierkeller in Vergessenheit bis auf jene, die noch genutzt werden, etwa von der Brauerei Gold Ochsen im Veitsbrunnenweg. Einige sind bereits zerstört, darunter der des Postwirts Wößner, der zu den beiden ältesten gehörte, wenn es nicht gar der älteste war. Sein hangparallel laufender Gang wurde 2002 beim Bau der neuen Gebäude hinter der Kienlesbergkaserne weggebaggert; der in den Hang führende Stollen wurde mit Beton verfüllt.

Nachdem Bauforscher Kleiber nun anhand der Akten die Lage der Bier- und Felsenkeller eruiert hat, soll in einem nächsten Schritt geprüft werden, welche Keller noch existieren und in welchem Zustand sie sind.

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Zusätzliche Stollen für den Luftschutz


Forschung Schon die alten Römer wussten: Quod non est in actis, non est in mundo: Was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt. Die Ulmer Bierkeller sind in der Welt, auch wenn sie keiner sieht, der nicht hinabsteigt, und folglich gibt es auch Akten darüber. Die muss man aber erst finden und lesen können. Das ist eine Wissenschaft für sich. Einer der sie beherrscht, ist der Bauforscher Christoph Kleiber (53). Deswegen hat ihn die pro-ulma-Stiftung im April 2017 beauftragt, die Keller-Akten ausfindig zu machen und zu analysieren. Bis Kleiber seinen Gesamtbericht vorlegen konnte, hat er rund 125 Akten mit über 350 Plänen durchforstet. Da es bei dieser Untergrunds-Erkundung letztlich auch um Sicherheitsfragen geht – man stelle sich vor, das Gewölbe eines der Bierkeller unter der Michelsbergstraße gäbe plötzlich nach – hat Kleiber sich zudem um die weiteren Unterhöhlungen des Michelsbergs, z.B. die Luftschutzanlagen, gekümmert. Sieben der Bierkeller wurden für den Luftschutz genutzt. Darüber hinaus wurden mindestens fünf neue Luftschutzstollen unter dem Michelsberg geplant. pn