„Wir machen den Pixel fühlbar!“ An Raoul Kaufer ist ein Marketing-Experte verlorengegangen. Bevor man sich’s versieht, hält er einem schon ein Täfelchen mit bunten Quadraten darauf unter die Nase und fährt fort: „Aus Konkretem machen wir Abstraktes und umgekehrt!“ Und wer jetzt nicht schwach wird, der bekommt noch so einen Satz: „Wir bewegen uns auf der Schnittstelle zwischen virtueller und realer Welt!“

Der Mann führt ein „Artperium“, da muss man schon ein bisschen trommeln. Und außerdem macht Sprücheklopferei erst richtig Spaß, wenn sie nicht ganz ernst gemeint ist. Raoul Kaufer ist nämlich kein Verkäufer, sondern Künstler, und sein Internet-Imperium ist in Wahrheit eine „Parabel auf den Kunstmarkt“, wie er sagt. Entworfen von Kaufer und seinem Kollegen Peter Nowotny, wird das Projekt jetzt im Museum Ulm präsentiert. „Eine totale Uraufführung“, sagt Chefin Stefanie Dathe.

Sie hat sich gern als institutioneller Partner für das Unternehmen der zwei Künstler aus Regensburg hergegeben, denn beim „Artperium“ handelt es sich zwar um eine Reflexion auf die Marktmechanismen im Kunstbetrieb, aber auch um echtes Fundraising fürs Museum. Wie das zusammengeht, verbildlicht das acht Meter hohe Werk, das die Künstler im Lichthof montiert haben.

Wer’s weiß, erkennt es vielleicht: Es handelt sich um Fragmente der „Erhebung der Heiligen Maria Magdalena“ von Hans Schüchlin. Die Frau mit dem Fell, 1480 gemalt und eines des Hauptwerke der Sammlung, erscheint auf den Metallplatten in verpixelte Quadrate aufgelöst. Die kann man kaufen: Im Museum als reale Alu-Dibond-Kacheln, die wie kleine, abstrakte Kunstwerke in bester HfG-Tradition aussehen und allesamt nummerierte Unikate sind. Oder im Internet, wo Kaufer und Nowotny das Spiel mit dem Warencharakter der Kunst  auf die Spitze treiben.

Nicht nur kann man sich dort einzelne Pixel-Kacheln heraussuchen und bestellen. Man kann als „Artionär“ auch rein virtuelle Anteile erwerben – sogenannte „Merce“  –, um dann damit zu spekulieren. Den Gewinn aus den Verkäufen teilen sich Museum und Künstler, womit das Ganze den „Spagat zwischen Ironie und Fundraising“ hält, wie Dathe sagt. Sie will das Geld  in Medienguides investieren. Wer kauft, unterstützt also das heimische Museum – und wer es nicht so mit der pelzigen Maria Magdalena hat, der kann sich auf „Artperium“ alternativ etwa ein Stückchen von Botticellis Venus holen. Rechtefrei sei das Foto, „und wenn die Uffizien auf uns zukommen, dann können wir gern einen Deal machen“,  meint Peter Nowotny schmunzelnd.

Statt eines Stilllebens „male“ man den Kunstmarkt selber nach, erklären die beiden. Und zwar bis in die letzte Konsequenz: Je mehr Pixel eines Bildes verkauft sind, desto mehr Weißräume wird das virtuelle Bild aufweisen. Wenn alle Anteile abverkauft sind, verschwindet auch das Kunstwerk. Jeder hält dann nur ein Teilchen. Um das große Ganze sichtbar zu machen, müssten alle Artionäre zusammenlegen. Utopisch – doch erst dann wohl wäre das Spiel für alle gewonnen.

Unikate erstehen oder spekulieren


Das Projekt „Kunst.Wert.Schätzung“ hängt als materielles Bild – beziehungsweise als 250 Täfelchen eines Artperium-Werks – im Museum Ulm bis 15. Oktober. Die Seite www.artperium.com läuft weiter. Dort kann man seine „Merce“ zu je 2.50 Euro erstehen. Die Alu-Dibond-Täfelchen werden auf 20 mal 20 Zentimeter gefertigt und kosten 20 Euro zuzüglich Gebühren und Versandkosten.