Interview Ich habe einen goldenen Beruf

Ulm / Ulrike Schleicher 01.09.2018

Er gehört zu einer aussterbenden Art, obwohl sein Beruf im Trend liegt, weil er nachhaltig ist: Georg Jitaru ist Schuhmachermeister und fertigt auch Schuhe nach Maß an. „Ich habe Schuhdesign gelernt“, sagt er. Nur die Reparatur der eigenen Schuhe vergisst er bei seiner Arbeit: Als sich der 85-Jährige hinter die Nähmaschine setzt, sieht man, dass sich die Sohle vom rechten Schuh löst. Er sieht aus wie ein Karpfenmaul.

„Ihr Schuh ist kaputt.“ „Nein, wo?“. Er beugt sich hinunter: „Das habe ich gar nicht bemerkt“, sagt er, zieht ihn aus und klebt das Maul zusammen. Jitaru hat vor 40 Jahren seine erste Werkstatt in Ulm, im Frauengraben, aufgemacht. Weil das Gebiet saniert wurde, musste er weg. Seit 1980 arbeitet er in Räumen im Bleicher Hag 54.

Feiern Sie denn das Betriebsjubiläum?

Georg Jitaru: Ja, am 14. September gibt es einen Sektempfang und Häppchen für meine Kunden, direkt hier in der Werkstatt. Von 8 bis 17 Uhr.

Sekt von 8 bis 17 Uhr. Das ist sportlich. Irgendwann werden Sie hier singen . . .

Nein, ich halte das Glas bloß so zum Anstoßen.

Sie haben ja bereits in Rumänien gearbeitet, erst bei Ihrem Vater gelernt und später in einer Fabrik – reicht es Ihnen nicht langsam?

Niemals. Ich habe mir vorgenommen, noch 15 Jahre zu arbeiten. Mit 100 gehe ich dann in Rente.

Dann lieben Sie Ihren Beruf.

Mein Beruf ist golden. Ich bin Schuhmachermeister und ich bin Schuhdesigner – ich kann Schuhe nach Maß anfertigen. Das habe ich in Rumänien gelernt. In der Fabrik war ich einer von vier.

Welche Art Schuhe haben Sie gemacht?

Arbeitsschuhe mit Stahlkappen. Der Stahl war aus Schweden, der war klasse. So stabil, dass ein Lkw drüber fahren konnte.

Bei Arbeitsschuhen muss man aber nicht viel designen, oder?

Wir haben auch andere Schuhe gemacht. Kinderschuhe etwa. Um uns inspirieren zu lassen, sind wir an den Flughafen nach Bukarest gefahren und haben die Schuhe von Touristen angeschaut. Da sah man, was gerade Trend war.

Die übliche Frage: Wieso und wann sind Sie nach Deutschland gekommen?

Meine Frau Maria war Deutsche. Ihr Vater war während des Kriegs aus Oberschlesien nach Rumänien gekommen. Er meinte damals – das war 1977 –, wir sollten nach Deutschland gehen. Mit meinem Beruf wäre ich ein gemachter Mann hier. Das hat mich überzeugt.

Dann sind Sie hergekommen . . .

Ja, und dann bin ich zur Handelskammer, und sie haben mich natürlich nach meinen Papieren gefragt – von meiner Ausbildung. Ich war vorbereitet, denn es war klar, dass sie danach fragen. Auf die Bestätigung aus Bukarest mussten sie sechs Wochen warten. Dann hatte ich wieder ein Gespräch bei einer Tasse Kaffee, und ich hätte 300 000 D-Mark Darlehen für ein Schuhgeschäft haben können. Aber meine Frau hat abgelehnt.

So ist eine Schusterwerkstatt daraus geworden, das ist doch auch gut.

Ja, meine Kunden sind sehr zufrieden. Pfusch kann ich nicht leiden.

Meistens brauchen die Leute doch nur Absätze und Sohlen . . .

Das muss man auch gut machen. Außerdem habe noch einiges andere zu tun: Bei einem Wanderschuh habe ich die Schaumeinlage entfernt und ihn komplett neu aufgebaut. Neulich wollte ein Mann andere Sohlen auf seine Motorradstiefel. Die waren irgendwie rund und er eierte darauf herum. Ich hab alles neu gemacht und noch zweieinhalb Zentimeter hohe Absätze dran. Er war klein.

Eine Kundin ist da. Sie fragt, ob Jitaru ihr den Riemen einer Tasche nähen kann. Kein Problem. Sie sagt, dass der 85-Jährige sehr gut arbeitet und will sich auch den Tag des Sektempfangs vormerken.

Sie reparieren alles? Auch Billigschuhe? Hier liegen zum Beispiel Flipflops. Das sind ja eigentlich keine Schuhe . . .

Doch, das sind Badeschuhe. Bei ihnen war der Stift zwischen den Zehen ausgerissen. Kein Problem. Ich repariere alles, auch Billigschuhe. Warum? Weil es arme Leute gibt. Die kommen und zeigen mir ihre Schuhe, ob ich da noch was machen kann. Das kann ich immer. Ich habe aber auch Kunden mit teuren Schuhen, warten Sie . . .

Er verschwindet hinter einem Regal, einige Sekunden später taucht er wieder auf.

Hier sehen Sie Schuhe, die sind aus Schlangenleder. Ich habe eine neue Sohle aus Leder und Absätze gemacht. Neulich kam ein Mann, Vorstand von einer Bank hier. Der sagte, er habe gehört, dass ich Schuhsohlen mit Holznägeln befestigen könne. Klar, das kann ich. Ich habe glücklicherweise noch Holznägel aus Rumänien.

Holznägel stellt niemand mehr her?

Nein, niemand. In Rumänien haben wir Schuhe nur genäht und genagelt, nicht geklebt.

Haben Sie Vorbilder? So was wie den Hof-Schuhmacher der englischen Königin?

Nein, überall auf der Welt gibt es gute und schlechte Schuhmacher. Etwa in der Türkei, da habe ich mal einen beobachtet. Der hat schon was geschafft, aber – ehrlich – er hatte keine Ahnung. Früher bin ich auch in Schuhgeschäfte hier gegangen und habe mich nach guten Schuhen umgesehen. Jetzt gibt es fast nur noch Billigschuhe. Schlecht.

Sind billige Schuhe schlecht für die Füße?

Der Kunststoff brennt, man schwitzt. Auch die Mode ist zum Teil unsinnig. Die machen Schuhe, die können nicht bequem sein.

Meinen Sie Schuhe mit hohen Absätzen?

Auch, schauen Sie, wie die Frauen wackeln. Manche können schon damit gehen, aber diejenigen, die ein bisschen dick sind ... Das sieht schief aus.

Sind Sie froh, hierher gekommen zu sein?

Nicht froh. Sehr froh.

Ihm kullern Tränen aus den Augen.

Ich habe geträumt, mein Schwiegervater steht mit dem Rücken zu mir, meine Frau daneben. Sie sagt: Was wolltest du zu Papa  sagen? Und ich sage: Ich danke dir für deinen Ratschlag, du bist mein Glück gewesen. Er hat sich zu mir umgedreht und ist verschwunden. Das war der Traum. Ich bin stolz auf das, was ich geschafft habe.

Reiselustiger Bayernfan

Zur Person Georghe Jitaru ist 1933 in Chernivtsi (heute Ukraine, früher Rumänien) geboren. 1965 hat er seine Frau Maria geheiratet, die vor 16 Jahren gestorben ist. Sie haben einen Sohn. In Rumänien hat er Biathlon betrieben. Er unternimmt viele Reisen und ist ein eingefleischter Bayernfan. 

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel