Türkei Hoffen und Bangen vor dem Prozess gegen Mesale Tolu

Seit Mai forderten Unterstützer Woche für Woche die Freilassung von  Mesale Tolu.
Seit Mai forderten Unterstützer Woche für Woche die Freilassung von Mesale Tolu. © Foto: Stefan Puchner/dpa
Christoph Mayer 17.12.2017
Am Montag entscheidet sich, ob die Journalistin frei kommt. Die Familie ist optimistisch. Diplomaten und Prominente verfolgen die Verhandlung im Istanbuler Justizpalast.

Es ist eine stattliche Delegation, die sich am Montag um 10 Uhr Ortszeit (in Ulm ist es dann 8 Uhr) vor dem Istanbuler Justizpalast trifft: Familie und Freunde der seit sieben­einhalb Monaten in der Türkei inhaftierten Ulmer Journalistin Mesale Tolu erhalten prominenten Beistand. Der Journalist Günter Wallraff wird die Verhandlung verfolgen, ebenso die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Heike Hänsel, dazu Tolus deutsche Anwälte – und auch der deutsche  Botschafter in der Türkei, Martin Erdmann, hat sich laut einer Mitteilung des Solidaritätskreises angekündigt.

Schützenhilfe aus Berlin

Schützenhilfe kommt zudem aus Berlin. Die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Bärbel Kofler, teilt auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE mit, dass sich die Regierung mit großem Nachdruck gegenüber den türkischen Behörden für ein zügiges und faires Verfahren für die 33-Jährige einsetze, die „aus politischen Gründen“ im Gefängnis sitze. „Ich hoffe sehr, dass der bevorstehende Gerichtstermin unseren Erwartungen entspricht. Es muss nun vorangehen, damit sie möglichst schnell aus der Haft entlassen wird und zu ihrer Familie zurückkehren kann.“

Die deutsche Staatsbürgerin Mesale Tolu ist angeklagt, „Mitglied in einer terroristischen Vereinigung“ zu sein. Dies ist in der Türkei mittlerweile zum Standardvorwurf gegen kritische Geister – speziell Journalisten – geworden. Die Anklage stützt sich allein darauf, dass Tolu in Istanbul als Beobachterin an einer Beerdigung zweier getöteter Kurdinnen teilgenommen hatte, die von der türkischen Regierung als „Terroristinnen“ bezeichnet werden. Außerdem will die Polizei bei einer Durchsuchung ihrer Istanbuler Wohnung „verbotene Schriften“ gefunden haben.

Beim ersten Prozesstag Mitte Oktober hatte die junge Frau die Vorwürfe zurückgewiesen und einen Freispruch gefordert. Während mehrere mit ihr Angeklagte damals tatsächlich auf freien Fuß kamen, blieb sie in Haft, was Beobachter so kommentiert hatten, dass Tolu Präsident Erdogan als politisches Druckmittel gegen Deutschland diene.

Mittlerweile stehen die Zeichen aber ein klein wenig auf Entspannung. Ein Beispiel dafür ist die Freilassung des deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner im November. Auch Tolus türkischer Ehemann Suat Corlu, ebenfalls wegen Terrorismusunterstützung angeklagter Journalist und monatelang in Haft, war vor wenigen Wochen frei gekommen. Bei einer der jüngsten Solidaritätskundgebungen in Ulm gab sich Mesales Vater Ali Riza Tolu optimistisch, seine Tochter heute abholen zu können. „Ich bin mir zu 90 Prozent sicher, dass sie frei kommt.“

Mit ihrem kleinen Sohn in einer Zelle

Neun Deutsche Mesale Tolu ist eine von  neun Deutschen, die aus politischen Gründen in der Türkei inhaftiert sind und deren Freilassung die Bundesregierung fordert. Namentlich bekannt ist neben ihr nur „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel, der seit Februar ohne Anklage in U-Haft sitzt.

Übersetzerin Die Ulmerin arbeitete seit vergangenem Jahr in Istanbul als Texterin und Übersetzerin für die kleine linke Nachrichtenagentur Etha. Nach ihrer Inhaftierung hatte sie ihren inzwischen dreijährigen Sohn Serkan mehrere Monate bei sich im Gefängnis. Mittlerweile kümmert sich die Familie um den 2014 in Neu-Ulm geborenen Buben.

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