Müll Höhere Müllgebühr droht

Die EBU-Mitarbeiter kontrollieren künftig, dass wie hier nur Ulmer ihren Müll zum Recyclinghof bringen.
Die EBU-Mitarbeiter kontrollieren künftig, dass wie hier nur Ulmer ihren Müll zum Recyclinghof bringen. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / CAROLIN STÜWE 22.04.2016
Marken für die Sperrmüllanlieferung, reduzierte Öffnungszeiten der Recyclinghöfe, Biomüll im Sommer stinken lassen: Die EBU wollen sparen. Reicht dies nicht aus, müssen die Müllgebühren erhöht werden. <i>Mit einem Kommentar von Carolin Stüwe: Nicht die Falschen bestrafen.</i>

1. Weiter kostenlos Sperrmüll und Bauschutt abzuliefern, könnte künftig über eine Marke abgewickelt werden. Zwei bis drei Marken erhielte der Ulmer Müllkunde jährlich mit seinem Abfallgebührenbescheid. Damit soll „Fremdnutzern“ ein Riegel vorgeschoben werden.

2. Die personal- und kostenintensive Sperrmüllabholung auf Bestellung wird wohl bald etwas kosten.

3. Die Öffnungszeiten der sieben Recyclinghöfe sollen an die Besucherfrequenz angepasst werden.

Der Beschluss folgt zwar erst am 6. Juli, aber dennoch wurde schon kräftig im Abfallkonzept gewühlt, um dort nach Sparmöglichkeiten zu suchen. Die Mehrheit der Stadträte im Betriebsausschuss Entsorgung konnte sich aber schnell anfreunden mit den oben genannten ersten drei „ Konsolidierungsschritten“.

„Danach müssen wir sehen, ob wir überhaupt noch eine Müllgebührenerhöhung von 5 Euro pro Jahr und Haushalt brauchen“, sagte Baubürgermeister Tim von Winning. Das wäre frühestens 2018 der Fall. Hintergrund: Ab 2017 fehlen pro Jahr 300.000 Euro bei der Müllgebührenkalkulation, weil es dann das Sparschwein „Kostenüberdeckung der Vorjahre“ nicht mehr gibt. Zudem habe man bei jahrelang gleichbleibenden Müllgebühren das Entsorgungsangebot und die Recyclinghöfe ausgebaut, sagte EBU-Betriebsleiter Michael Potthast. Und derzeit sinken, außer beim Papier, die Wertstoffpreise. Die EBU selbst hätten bereits in der Verwaltung und auf den Gartenabfallplätzen Personal reduziert.

Dass gespart werden muss, war allen Rathausfraktionen klar. Auch Gerhard Bühler (FWG) befürwortete eine Müllgebührenerhöhung für alle Bürger. Aber man müsse etwas gegen „Fremdnutzer“ aus den beiden Landkreisen tun. Denn im Umland werden schon länger Gebühren etwa für Sperrmüll und Gartenabfälle erhoben. Die EBU sollen nun prüfen, welches die beste Abwehrmethode wäre: Marken oder Karten oder Autoaufkleber. Auf jeden Fall werde künftig mehr kontrolliert, wer da vorfährt.

Die stolze Anzahl der Recyclinghöfe zu reduzieren – Ulm hat sieben, München zwölf – , lehnten alle Stadträte ab. „Ja, das ist Luxus, aber er tut gut“, sagte Brigitte Dahlbender (SPD). Außerdem dürfte das derzeit bundes- und landesweit diskutierte neue Wertstoffgesetz dazu führen, dass der Müll künftig noch diffiziler getrennt werden muss, sagte sie. Potthast: „Dann müssen wir die Recyclinghöfe vergrößern.“

Die eventuelle mittelfristige Müllgebührenerhöhung um 5 Euro fand Erwin Böck (FWG) angemessen. „Das sind pro Haushalt und Jahr weniger als eine Schachtel Zigaretten.“ CDU-Stadtrat Winfried Walter gab zu bedenken, ob dass Einsparziel von 300.000 Euro jährlich überhaupt ausreiche, angesichts der aktuellen Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst. Potthast rechnete: Ein Prozent mehr Lohn wären allein im Abfallbereich 40.000 Euro mehr an Personalkosten pro Jahr.

Falls alle Stricke reißen, müssten die EBU noch mehr sparen. Mittelfristig sei dann zu überprüfen, ob man alle 22 Häckselplätze schließt, das entspräche einer Einsparung von jährlich 100.000 Euro. Denn dort werde immer noch so viel anderer Müll abgeladen, dass der beauftragte Verwerter stets nur einen Teil energetisch voll nutzen kann.

Denkbar wäre auch, dass schon für kleine Sperrmüllmengen eine Gebühr erhoben wird, um nur die Verursacher zu belangen. Oder längerfristig wäre sogar die Abgabe von Gartenabfällen nicht mehr kostenlos. Oder die EBU verzichten auf die wöchentliche Biomüllabfuhr in den warmen Sommermonaten. Denn seit der Umstellung der Behälterjahresgebühren auf Leerungsgebühren stellen laut EBU nur noch 40 Prozent der Ulmer ihre braune Tonne im Sommer wöchentlich raus.

Wie auch immer entschieden wird: Die CDU und die Grünen haben eigene nicht repräsentative Umfragen gestartet und befragen die Bürger nach Einsparmöglichkeiten.

Tauschbörse im Internet: Pelzmütze für Schokolade

Jetzt online Wiederverwenden statt wegwerfen hilft auch, Entsorgungskosten zu sparen. Seit Freitag bieten die Entsorgungsbetriebe der Stadt Ulm (EBU) auf ihrer Internet-Seite einen regionalen und kostenlosen „Tausch- und Verschenkmarkt“ an: Pelzmütze für Schokolade.

So funktioniert’s Auf www.ebu-ulm.de den Button myEBU und dann „Tausch- und Verschenkmarkt“ anklicken. Schon erscheinen die Inserate zum Verschenken, Tauschen oder Suchen. Zur Schaltung eines Inserats wählt man „Inserat aufgeben“ und gibt die erforderlichen Daten ein. Die Anzeige kann mit einem Foto ergänzt werden. Über ein selbst gewähltes Passwort kann die Eingabe jederzeit wieder gelöscht werden. Besteht Interesse etwa an einem Möbelstück, nimmt der Interessent mit einem vorgefertigten Formular direkt Kontakt mit dem Anbieter auf.

Ein Kommentar von Carolin Stüwe: Nicht die Falschen bestrafen

Müll ist immer ein Reizthema. So hatten sich die Stadträte in Form einer „Müllkommission“ besonders gründlich auf die Sitzung des Betriebsausschusses Entsorgung vorbereitet. Tenor: Sparen ja, aber bloß nicht am Bürgerservice.

Überall steigen die Kosten, selbst bei der Grüngutkompostierung, für die wiederum die Entsorgungsbetriebe (EBU) den Verwerter bezahlen müssen. In anderen Branchen werden Kostensteigerungen kurzerhand an den Kunden weitergegeben. Das machen die EBU nicht. Vielmehr wollen sie gemeinsam mit den vom Bürger gewählten Stadträten Lösungen finden, wo man sparen könnte, damit die Müllgebühren möglichst konstant bleiben und nur zur Not angepasst werden.

Was sind schon 300.000 Euro an Einsparungen oder Mehrkosten pro Jahr, wenn man bedenkt, wie ausgeklügelt und komfortabel das Müllentsorgungskonzept in Ulm inzwischen ist – mit Häckselplätzen für Holziges, Gartenabfallplätzen für Rasenschnitt, mit Elektroschrott aller Art und diversen Tonnen vor fast jeder Haustür.

Am Bürgerservice im großen Stadtgebiet zu sparen und etwa kleine Recyclinghöfe komplett zu schließen, wäre verkehrt. Damit würden die Falschen bestraft. Künftig gilt, die Anlieferer stärker zu kontrollieren, auch wenn dies wieder Personal bindet.

Die Grundgebühr von 67 auf 72 Euro pro Haushalt und Jahr zu erhöhen, ist moderat. Aber vielleicht ist das ja gar nicht nötig.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel