Ulm / Beate Rose  Uhr

Entlang der neuen Strecke vom Kuhberg bis zur Wissenschaftsstadt sind manche Läden schwer erreichbar. Kunden bleiben weg. Drei Ladenbetreiber erzählen wie sie kämpfen.

„Ich warte jeden Tag auf Kundschaft“

Aquarienkeller heißt der Laden von Arkadi Jadanovski (64) an der Ecke Neutorstraße/Zeitblomstraße. Es ist das einzige Fachgeschäft in Ulm, das sich auf Aquaristik und Zubehör spezialisiert hat. Bis zu 300 verschiedene Zierfischarten schwimmen in den Aquarien munter herum. Jadanovski kennt alle ihre Eigenarten.

Doch seit Juli 2016 ist der Laden wie von der Bildfläche verschwunden. Denn die Neutorstraße ist seither zu einer wahnwitzigen Baustelle geworden. Ein Werbeschild des Aquarienkellers steht noch – von Bauzäunen umzingelt. Die Hoffnungen der Frau des Inhabers, Irina Jadanovski (60), hängen daran. Dabei hatten Bauarbeiter, als sie im Juli anrückten, erst mal das Schild zerstört. „Eine Katastrophe“, sagt sie. Ebenso verschwand der große Parkplatz des gegenüberliegenden Autohauses, den Kunden des Aquaristikgeschäfts ebenfalls nutzten. Das Geschäft ist noch von Richtung Karlsplatz aus über die Zeitblomstraße erreichbar, eine Ecke, die Autofahrer eher meiden, weil es dort eng zugeht. Fußgänger kommen dort gut durch, aber die Kunden der Jadanovskis kamen bis aus Günzburg, Illertissen, Biberach – und das mit dem Auto.

Im Laden herrscht jetzt meist Ruhe. Er beschreibt es so: „Früher kamen am Tag mindestens 10 bis 15 Leute, heute kommen ein bis zwei Leute.“ An eine Geschäftsaufgabe wollen sie nicht denken. Anfang der 1990er Jahre sind sie von der Ukraine nach Deutschland ausgewandert, haben 1996 das Geschäft in Ulm eröffnet. „Wir müssen arbeiten“, beschreibt sie ihre finanzielle Situation. Um Kosten zu sparen, bleibt das Licht im Geschäft jetzt oft aus. Außerdem hat Arkadi Jadanovski die Öffnungszeiten verlängert, samstags etwa bis 17 Uhr. „Ich warte auf Kundschaft. Ich muss warten. Ich warte immer.“

Auf die Stadt wollen sie nicht schimpfen, denn ihnen wurde die Gebühr von knapp 300 Euro fürs Aufstellen des Schildes im vergangenem Jahr erlassen. Doch sie wollten mit ihren Nachbarn einen Brief an die Stadtverwaltung aufsetzen und ihre Sorgen schildern. Nur: Die Nachbarn wollten nicht unterschreiben, teils aus Angst vor Repressalien.

Die Jadanovskis hoffen, dass die Straßenbahn tatsächlich, wie angekündigt, Ende 2018 fährt. Geplant ist eine Haltestelle in der Neutorstraße. Irina Jadanovski: „Dann wird es für uns besser als früher. Wir müssen nur durchhalten.“

Haltestelle verlegt, Leute weg

Sonjas Shop ist eingezwängt zwischen einer Apotheke und einem Döner-Laden. Alle drei Geschäfte sind schwer erreichbar, sie liegen an der Ecke Stifterweg/Mähringer Weg hinter Bauzäunen. Wie „Sonjas Shop“ damit klarkommt, dazu gibt der Aufsteller vor dem Geschäft Auskunft: „Liebe Kunden, aufgrund der Baustelle und des daraus entstandenen Kundenrückgangs müssen wir leider unsere Öffnungszeiten reduzieren.“

Dabei war Richard Zwick (50) frohen Mutes, als er im Oktober 2013 den Kiosk mit Postfiliale übernommen hatte. Denn das vorherigen Betreiberpaar bestritt davon seinen Lebensunterhalt. Benannt ist der Laden nach Zwicks Ehefrau Sonja (50), sie half von Anfang an mit. Am Anfang liefen die Geschäfte, erzählt sie. „Wir konnten gut davon leben.“ Und das, obwohl den Zwicks die Miete erhöht wurde und sie einen Kredit aufnehmen mussten, den sie noch zurückzahlen. Der Laden brummte, das Paar konnte zwei Teilzeitkräfte beschäftigen.

Das änderte sich, als im Januar 2016 „die Baustelle losging“, wie Sonja Zwick sagt. Zunächst wurde der Mähringer Weg halbseitig gesperrt. Doch als im Sommer die Bushaltestelle vor dem Laden abgebaut wurde, ebenso Parkplätze und „Sonjas Shop“ hinterm Bauzaun verschwand, haben die Zwicks viel Publikum verloren. Kaum noch Schüler von der benachbarten Grundschule kommen in den Pausen, um Süßes zu holen. Kunden, die vor oder nach der Busfahrt im Kiosk eingekauft haben, sind mit der Haltestelle verschwunden. Die wurde ans andere Ende des Stifterwegs verlegt. „Seitdem sind wir abgehängt.“

Bei den Zwicks sind die Umsätze zurückgegangen. „Jeden Monat reicht uns das Geld nicht“, sagt sie. Eine der Teilzeitkräfte mussten sie entlassen. Um über die Runden zu kommen, hat Richard Zwick seit März eine andere Vollzeitstelle angenommen – und steht nach Dienstschluss wieder im Kiosk. Den Traum von der Selbstständigkeit wollen die Zwicks noch nicht aufgeben.

Der Stadt wollen sie keine Vorwurf machen. Richard Zwick: „Wir sehen ja, dass auf der Baustelle zügig gearbeitet wird.“ Eine Kundin, die im Laden einen Brief aufgeben will, hat dazu eine andere Meinung: „Die Baustelle geht schon viel zu lang. Für uns Anwohner wäre es blöd, wenn der Laden schließen müsste.“

Richard Zwicks große Hoffnung heißt Linie 2. Wenn die Ende 2018 rollt, „wird es für uns richtig gut“. Eine Haltestelle werde genau vor seiner Ladentür liegen. Er blickt dennoch mit Sorge in die Zukunft: „Wenn es uns bis dahin noch gibt.“

Dialog mit Säbelrasseln

Irgendwann im Jahr 2011 sind Männer in Warnwesten auf der Römerstraße „rumgesprungen und haben etwas gemessen. Ich hab’ gefragt: ,Was macht ihr da?’“, erzählt Michael Holzschuh (46), Floristmeister und Inhaber der Gärtnerei Holzschuh. Die Antwort der Bauleute: Sie planten eine Straßenbahn. Darauf Holzschuh: „Seid ihr noch ganz dicht?“ Drei Tage lang sei er in Schockstarre gewesen, dann habe er überlegt. Wie er sparen könne. Gewächshäuser habe er nicht mehr saniert, das Geld zurückgehalten. Jetzt liegen 1000 Quadratmeter Gewächshausfläche still.

Er habe an alle, die mit der Straßenbahn zu tun haben, Visitenkarten verteilt, war bei Infoabenden dabei, lud Stadträte zu sich ein. „Ich kämpfe für meinen Laden. Ich will das hier noch in 20 Jahren machen“, sagt er über das Geschäft, das sein Urgroßvater gegründet hat.

Holzschuhs Devise: „Serviert bekommt man nichts, ich muss mich kümmern.“ Deswegen sei er von Anfang an im Dialog gewesen. Daraus geworden ist ein „Dialog mit Säbelrasseln“. Denn: „Man muss nicht alles akzeptieren.“ Sachlich bleibe er zwar in Gesprächen mit Vertretern der Stadt, weist aber auch auf den Juristen des Gärtnereiverbandes hin, in dem er organisiert ist. So habe er erwirkt, dass sein Geschäft eine neue Zufahrt bekommt, wenn die andere Fahrspur auf der Römerstraße zur Baustelle wird. Erwirkt hat er auch, dass im Sommer städtische Kehrmaschinen anrückten, um den Dreck vom Gelände der Gärtnerei zu putzen, den Baufirmen verursacht hatten. Sein Dauer-Problem: Für anliefernde Lastwagen ist die Einfahrt zur Gärtnerei wegen der Baustelle zu eng. Die Lastwagen bestellt er oft oberhalb der Römerstraße, Baufirmen machen sogar Platz. Dort fährt er mit seinem Transporter hin, lädt seine Ware ein, was ihn alles mehr Zeit kostet.

Eineinhalb Jahre mit der Baustelle liegen hinter ihm. Die härteste Zeit sei zwischen November 2015 bis März 2016 gewesen. Kunden haben gedacht, sein Laden sei nicht erreichbar – aber er hatte immer geöffnet. „In der Zeit hätte ich fast die Reißleine gezogen.“ Holzschuh hat durchgehalten. Auch, weil er sein Geschäft umstrukturiert hat und Grabpflege übernimmt, die andere Geschäfte aufgegeben hatten. „Ich habe Glück gehabt.“ Für die nächsten eineinhalb Jahre mit der Baustelle gibt er sich optimistisch: „Die stehen wir durch.“