Ulm Hilfe, wenn Papa im Knast sitzt

Kinder inhaftierter Eltern brauchen ein spezielles Hilfsangebot. Dazu gehört beispielsweise auch ein besonders vorbereiteter und einigermaßen kindgerecht gestalteter  Gefängnisbesuch. Der Verein „Projekt Chance“ bietet Hilfe.
Kinder inhaftierter Eltern brauchen ein spezielles Hilfsangebot. Dazu gehört beispielsweise auch ein besonders vorbereiteter und einigermaßen kindgerecht gestalteter  Gefängnisbesuch. Der Verein „Projekt Chance“ bietet Hilfe. © Foto: dpa
Ulm / CHRISTOPH MAYER 13.07.2016
Sie sind psychisch stark belastet: Kinder, deren Väter (oder Mütter) im Gefängnis sitzen. Das Eltern-Kind-Projekt „Chance“ hilft ihnen. Auch in Ulm.

Als Frau E.’s Ehemann vor dreieinhalb Jahren wegen einer schweren Straftat zu einer Haftstrafe von sieben Jahren und drei Monaten verurteilt wurde, entzog es der Mutter zweier kleiner Kinder den Boden unter den Füßen. „Ich hatte nichts geahnt, meine Welt brach zusammen.“ Plötzlich auf sich alleine gestellt zu sein, war schlimm genug. Hinzu kam das Problem: Wie sag’ ich’s meinen Kindern? Vielleicht so: „Papa muss ganz viel arbeiten.“

Am Anfang behalf sie sich tatsächlich mit Notlügen, „ich hab’ ja noch gehofft, dass alles ein Irrtum ist und er bald aus der Untersuchungshaft entlassen wird“, erzählt die in Ulm lebende Frau. Doch kurz nach der Verurteilung entschloss sie sich, die Wahrheit zu sagen, freilich ohne ins Detail zu gehen. „Euer Vater hat einen großen Fehler gemacht.“

Die beiden Kinder, heute sieben und neun Jahre alt, hatten schwer daran zu kauen, erinnert sich E. Zu Ängsten gesellte sich Scham. Auch bei ihr selbst. Bei Vorsprachen im Jugendamt oder Job-Center seien Mitarbeiter „in Schockstarre gefallen“, sobald sie gehört hätten, dass der Vater ein Häftling ist – so war zumindest E.s Eindruck.

Dass sie und ihre Kinder ihr Leben heute gut im Griff haben, die Bindung zum Vater stabil ist, verdanke sie vor allem dem Eltern-Kind-Projekt „Chance“, sagt Frau E. Seit 2011 unterstützt der Verein „Chance“ Kinder mit einem inhaftierten Elternteil. Konkret heißt das etwa: Die Mitarbeiter begleiten Kinder regelmäßig zu besonders vorbereiteten und über das normale Besuchskontingent hinausgehenden Haftbesuchen. Sie nehmen dafür mitunter lange Wege in Kauf – im Fall der Familie E. sitzt der Vater in der Justizvollzugsanstalt im nordbadischen Heimsheim. Sie sorgen für kinderfreundliche Besuchsräume, organisieren, wenn möglich, sogar gemeinsame Ausgänge. Vor allem aber hören sie den Kindern (und Müttern) zu und lassen sie mit ihren Angst- und Schamgefühlen nicht alleine. „Das sind Menschen, das ist keine Behörde“, sagt Frau E.

Ihre Erfahrungen mit „Chance“ mögen subjektiv sein. Doch die Evaluation des Projektes durch die Ulmer Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie fällt nicht minder positiv aus. Zwischen Juli 2011 und Juni 2016 haben die mit der Durchführung der Studie betrauten Mitarbeiter 299 ähnlich geartete Fälle in Baden-Württemberg dokumentiert, insgesamt waren 422 Kinder betroffen. „Die Inhaftierung eines Elternteils stellt für Kinder eine enorme psychische Belastung dar und macht sie zu einer Hochrisikogruppe für seelische Störungen“, sagt der Ärztliche Direktor der Ulmer Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie, Prof. Jörg Fegert. So habe fast die Hälfte der Kinder auffälliges Verhalten wie Hyperaktivität oder emotionale Verschlossenheit gezeigt. Erfreulich seien erste Hinweise auf eine Verringerung der Symptomatik im Verlauf der Betreuung durch das Projekt „Chance“, ergänzt Prof. Ute Ziegenhain, die die Evaluation federführend betreute und in der Uni-Klinik die Sektion Pädagogik, Jugendhilfe und Bindungsforschung leitet. Insgesamt seien alle befragten Familien mit der Betreuung sehr zufrieden gewesen. „Mit dem Projekt ist ein wichtiges Angebot geschaffen worden, das eine Versorgungslücke für Kinder inhaftierter Eltern schließen kann“, fasst Ziegenhain die Ergebnisse der Evaluation zusammen. Das gilt explizit auch für Ulm und den benachbarten Alb-Donau-Kreis. Dort wurden in den vergangenen fünf Jahren 47 inhaftierte Väter, 35 Mütter und 51 Kinder betreut.

Umso mehr unterstreicht Fegert die Notwendigkeit einer Fortsetzung des Projekts, dessen Finanzierung noch nicht gesichert ist (siehe Infokasten). Rückendeckung erhält er unter anderem von Christoph Dahl, dem Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung. „Wir hoffen, dass es der Politik gelingt, das Projekt weiterzuführen.“

Bundesweit einmaliges Angebot

Stiftung Das Eltern-Kind-Projekt des Vereins „Projekt Chance“ für Kinder eines inhaftierten Elternteils ist bundesweit einmalig. Seit 2011 wurden in Baden-Württemberg 418 Familien mit 502 Kindern betreut. Das Projekt wird von der Baden-Württemberg Stiftung seither mit insgesamt 1,2 Millionen Euro gefördert. Diese Förderung läuft jedoch Ende 2016 aus, da die Stiftung zwar Projekte anschiebt, in der Regel aber keine Dauerfinanzierung  gewährleistet.

Personal Das Personal für das Betreuungs- und Hilfsangebot stellen die Mitgliedsvereine des Netzwerks Straffälligenhilfe Baden-Württemberg.

Zusage Justizminister Guido Wolf (CDU) hat zugesagt, sich für eine weitere Finanzierung des Projekts einzusetzen. Von den jährlich anfallenden Kosten in Höhe von 350 000 Euro würde das Minsterium demnach 100 000 Euro schultern. Für die restliche Summe müssten die 44 Stadt- und Landkreise aufkommen. Zusagen gibt es noch nicht. Pro Betreuung einer Familie und Jahr fallen insgesamt Kosten von rund 1500 Euro an.

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