Wer sich als Rote in den schwarzen Landstrich wagt, muss einstecken können. Vor 15 Jahren hat in Schmiechen ein wildgewordener Bauer ein paar Schaufeln Ackerboden durchs offene Seitenfenster ihres roten Wahlkampf-Käfers geworfen. Hilde Mattheis nahm’s gelassen. Lachte. Putzte den Dreck weg. Und machte weiter Wahlkampf. Das war damals ihre erste Tour als Bundestagskandidatin; mittlerweile hetzt sie zum fünften Mal durch den Wahlkreis, „im Bestreben, jeden zu erreichen“. Von Asselfingen nach Westerheim, von Amstetten nach Oberstadion.

10.30 Uhr, Gerhausen: eine SPD-Enklave im durchweg schwarzen Gebiet, 2013 erreichte Hilde Mattheis rund 35 Prozent. Zwei altgediente Genossen des Ortsvereins stehen vor dem Firmengebäude von Heinkel Modulbau. Unterstützung? Nein, die hat Hilde Mattheis nicht nötig. Sie weiß sogar mit Charme-Offensiven umzugehen. „Sie sehen ja tatsächlich so gut aus wie auf den Wahlplakaten“, flötet Thomas Ziegler zur Begrüßung. Der Geschäftsführer, einer der hemdsärmeligen Art, einer, der die Krawatte wieder abnimmt, wenn die Bundestagsabgeordnete zur Tür raus ist, trifft freilich den Ton. Zunächst blickt sie etwas baff, dann schüttet sie sich aus vor Lachen und verspricht, von nun an jeden Morgen im Gerhausener Industriegebiet aufzuschlagen, „bei so einer Begrüßung“.

Genug der Nettigkeiten. Ziegler erläutert, was das zwischen Blau und B 28 gelegene Unternehmen mit rund 100 Mitarbeitern produziert: Container. Hört sich banal nach Blechdingern an. Dem ist aber nicht so. 700 Raummodule verlassen pro Jahr die Hallen, Raumsysteme in Modulbauweise für verschiedenste Einsatzgebiete: Kindergärten, Schulen und Kliniken. Selbst Reinräume für BASF in Malaysia stellt die Firma her. Und Unterkünfte für Flüchtlinge. So war Mattheis auf das Gerhausener Unternehmen aufmerksam geworden.

Was die 62-Jährige zu hören bekommt – und sie hört gut zu – war verblüffend. Klar, der Fachkräftemangel ist ein Thema, „aber das sind ja alte Kamellen“, sagt Ziegler. Jeder wolle nur noch hinterm PC sitzen, gute Schreiner, Trockenbauer und Schweißer zu bekommen falle immer schwerer, „da entsteht eine Lücke, die wir nicht schließen können. Keiner wolle ins Handwerk.“ Das weiß auch Mattheis, die den SPD-Grundsatz, dass jeder den Zugang zu bester Bildung haben soll, verteidigt, aber auch erkennt: „Wir produzieren Akademiker für Zeit- und Leiharbeit. Wir brauchen Antworten auf die gesellschaftliche Entwicklung.“

Eine von Mattheis’ Antworten: Handwerk hat Zukunft. Eine andere: Zuwanderung. Bei Heinkel ist diese Zuwanderung zu besichtigen. Hier der junge Marrokaner, ein Flüchtling, „freundlich, gewissenhaft, der beste Auszubildende“, wie Ziegler sagt. Dort Maximiano Pelenda, den in Blaubeuren alle nur als Max kennen. Der gebürtige Angolaner gehört zum Heinkel-Inventar, er arbeitet hier seit 27 Jahren. Wer ihm zuhört, fragt sich wie Mattheis: Warum ist Integration überhaupt ein Problem? „Ich kenne Sie von den Plakaten“, sagt er zu ihr. Er, der dunkelhäutige Schwabe. Sie, die blonde Sauerländerin. „Ich habe heute extra ein rotes T-Shirt an.“ Max Pelenda lacht. Jetzt weiß man, warum der Geschäftsführer seine Mannschaft über den Schellenkönig lobt: „Alles Kerle, die würd’ ma am liebsta umarma.“

Was Mattheis noch auf den Weg mitnimmt: „Mindestlohn von 8,50 Euro ist schäbig. Wer das zahlt, sollte sich schämen“, sagt Ziegler und rennt bei ihr offene Türen ein. Heinkel zahle einen Mittellohn von 19,10 Euro. Wenn es ihr gelingen sollte, den Mindestlohn auf 12 Euro zu schrauben, „dann bekommen Sie ein Dankesschreiben von mir“.

Vom Lohn leben, eine Familie unterhalten zu können, im Alter nicht unter die Armutsgrenze zu fallen – das Motto „Zeit für mehr Gerechtigkeit“ prangt auf den Wahlplakaten der SPD. Aber, im Wahlkampf verfängt das Thema nicht. Warum? Das kann sie sich nicht erklären. Politik sei eben nicht einfach und – Seitenhieb auf die Twitterkönige – auch nicht in 140 Zeichen zu erklären. Vielleicht müsse die SPD die Inhalte besser kommunizieren. Vielleicht, so mutmaßt sie, sei es auch einfach das Schicksal des kleineren Koalitionspartners, der mit seinen Gesetzesinitiativen nicht wahrgenommen wird.

„Tatsache ist, dass die Schere in der Gesellschaft immer weiter auseinandergeht.“ Auf der einen Seite werden jährlich 400 Milliarden Euro vererbt, auf der anderen Seite nehmen Menschen zwei, drei Jobs an, um sich über Wasser zu halten. Ohne jetzt auf negativ zu machen, sagt sie, „es geht nicht allen gut“. Genau das müsse aber das Ziel sein, das Ziel eines starken, offenen Staates, der für Schwächere sorgt. „Der Wohlstand muss bei allen ankommen.“

An die 500 Termine wird Hilde Mattheis bis zum Wahlsonntag absolviert haben: Wochenmärkte, Firmenbesuche, Podiumsdiskussionen. Obwohl sie mit Listenplatz 5 sicher in den nächsten Bundestag einziehen wird, schont sie sich nicht. Zurücklehnen ist nicht ihr Ding. Sie kämpft für die sozialen Belange, nicht zuletzt deshalb ist Hilde Mattheis 1986 in die SPD eingetreten. Die Reform der Erbschaftssteuer, die paritätische Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung als erster Schritt hin zur Bürgerversicherung, die Lebensstandardsichernde Rente, Abschaffung der Kita-Gebühren und Aufwertung sozialer Berufe, das sind Eckpfeiler, für die sie in vielen Gesprächen geworben hat.

Hilde Mattheis ist mittlerweile Politikprofi genug, nicht alles an sich heranzulassen. Das Einzige, wovor ihr richtig graust: die AfD im Parlament.

Zur Person


Lebenslauf Hilde Mattheis ist 1954 in Finnentrop (Sauerland) geboren, verheiratet, Mutter von zwei erwachsenen Kindern und Großmutter von zwei Enkeln. Die Hauptschullehrerin ist seit 2002 Bundestagsabgeordnete, sie trat 1986 in die SPD ein, war unter anderem Ortsvereinsvorsitzende, Kreisvorsitzende, Landesvorsitzende des Arbeitskreises sozialdemokratischer Frauen Baden-Württemberg und Mitglied im SPD-Parteivorstand. Sie ist Mitglied im Bundestagsausschuss Gesundheit, Sprecherin der Arbeitsgruppe Gesundheit der SPD-Bundestagsfraktion und Vorsitzende des Forums Demokratische Linke 21.

Letztes Wort „Wir sind eines der reichsten Länder der Welt. Aber die Verteilung muss stimmen, der Wohlstand muss bei allen ankommen.“