Was bleibt von der legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung, die vor 50 Jahren den Lehrbetrieb einstellte? Auf jeden Fall, unverrück- und erlebbar, der vom Schweizer Architekten und Gründungsrektor Max Bill entworfene Gebäudekomplex: das 1953-1955 gebaute Manifest der HfG-Philosophie in Sichtbeton, eine Ikone der Nachkriegsmoderne, die gleichwohl Schaden genommen hat.

Oder wie der Architekt und Stadtplaner Daniel P. Meister und die Journalistin Dagmar Meister-Klaiber schwärmen: „Trotz aller Veränderung ist noch immer eine enorme Kraft und Ausstrahlung spürbar, die von diesem zeitlosen Bau mit seiner klaren Schönheit ausgeht.“ Trotz? Die beiden Absolventen der HfG in den Abteilungen Bauen und Filmgestaltung, die selbst in einem der Dozentenhäuser wohnen, haben seit 2013 so leidenschaftsvoll wie akribisch und durchdacht an einer Baumonografie der HfG gearbeitet, um eine verbindliche Grundlage zu schaffen für eine nötige denkmalgerechte Sanierung, ja Rekonstruktion des Bauerbes der HfG.

Jetzt erscheint das opulente, fein gestaltete, verständlich formulierte, höchst eindrucksvolle Werk unter dem Titel „einfach komplex“ im Zürcher Verlag Scheidegger & Spiess. Morgen kommt Kunststaatssekretärin Petra Olschowski zur Buchvernissage in die Aula der HfG. Das Museum Ulm und das HfG-Archiv listen die Veranstaltung aber nicht in ihrem Terminkalender auf. Den Leser des Buches wundert das freilich nicht,  äußern die Autoren doch, vorsichtig ausgedrückt, erhebliche Zweifel, dass die Bedeutung der Bill-Bauten als internationales Kulturgut in der Stadt angemessen bekannt sei.

Die Meisters leisten – belegt mit zahllosen Plänen, Skizzen und Fotos – sehr viel: eine Entwurfs- und Baugeschichte; auch vom Lichtschalter und den Außenwandventilatoren bis zum Barhocker an der Mensatheke ist alles dokumentiert. In der Entwurfsanalyse zeigen die Autoren nicht zuletzt auf, dass der Architekt Max Bill komponierte wie ein Musiker, ausgehend von einem mathematisch gestützten Harmoniebegriff. Sie breiten minutiös die Vor- und Nachgeschichte aus und würdigen das Baudenkmal. Zahlreiche Interviews führten sie – so haben sie auch ein Buch über die HfG aus dem Geiste der Architektur und über den Künstler Max Bill geschrieben.

Und es ist ein Politikum. Denn die Autoren werden nicht müde zu betonen, dass die nach der Schließung der HfG im Zuge von Umbauten und Sanierungen vorgenommenen Änderungen „oftmals in eklatanter Weise“ den von Bill realisierten Gebäuden und den zugrundeliegenden Gestaltungsprinzipien zuwiderlaufen. Und das, obwohl die Gebäude seit 1979 und die Gesamtanlage seit 1983 unter Denkmalschutz stehen.

Schon im Prolog erhebt der renommierte Schweizer Denkmalpfleger Bernhard Furrer eine herbe Anklage. Die Meisters gehen dann ins Detail, fotografische Vorher-Nacher-Vergleiche springen direkt ins Auge, wie beim „blauen Wunder von Ulm“ – so kommentierte die überregionale Presse 2011/2012 die neue Verglasung sarkastisch. Die Architektur der Nachkriegsmoderne, erklären die Meisters, zeichnete sich durch Licht, Luft und Transparenz aus: Das Klarglas in den Fenstern von 1955 ermöglichte Ein-, Aus- und Durchblicke. Diese Transparenz demonstrierte Offenheit „und steht als Symbol für den Aufbruch in eine neue Zeit“. Aber was passierte bei der letzten Generalsanierung? Blaues, stark reflektierendes Sonnenschutzglas wurde eingezogen, das jeden Durchblick verhindert. Und dann auch noch senfgelbe Fensterrahmen . . .

Dieses Fassadenbild habe nichts mehr zu tun mit der gebauten HfG-Philosophie. Es sei, so die Meisters, ein „Fremdkörper in der harmonischen Komposition“, eine  erhebliche „Wesensveränderung“. In ihrem Fazit der HfG-Nachgeschichte erheben sie einen Katalog an Vorwürfen. Ja, sie konstatieren, dass die Chance, die HfG-Bauten als Weltkulturerbe zertifizieren zu lassen – analog zu den Bauhaus-Bauten – durch Unvermögen oder Interesselosigkeit der Verantwortlichen und Zuständigen auf Jahrzehnte oder möglicherweise für immer verloren sei. „Bestand braucht Haltung“: Das bedeute auch, dass damit die private Stiftung HfG Ulm allein überfordert sei.

Dieses Buch schreit geradezu nach einer Ausstellung mit dem vom Ehepaar Meister recherchierten Material im Jubiläums-­Jahr „100 Jahre Bauhaus“ 2019. Wie sagte dessen Gründer Walter Gropius bei der Eröffnung der HfG: „Die im Bauhaus einst begonnene Arbeit und seine Grundidee haben hier in Ulm eine neue Heimat und ihre organische Weiterentwicklung gefunden!“

Präsentation mit Staatssekretärin


Buchvernissage Die Autoren Daniel P. Meister und Dagmar Meister-Klaiber sowie der Club off Ulm laden morgen, Freitag, 13.30 Uhr, zur Buchvernissage in die Aula der HfG auf dem Hochsträss ein. Ein Grußwort werden Petra Olschowski, Staatssekretärin im Kunstministerium, und Christoph Dahl, Geschäftsführer der Baden-Württemberg-Stiftung, sprechen – das Land hat das Projekt mit 100 000 Euro bezuschusst. Die Baumonografie „einfach komplex – Max Bill und die Architektur der HfG Ulm“ erscheint im Zürcher Verlag Scheidegger & Spiess: 650 Seiten, Querformat, 800 Abbildungen und Pläne, 140 Euro. Auf der Vernissage ist der Band zum Subskriptionspreis von 110 Euro erhältlich.