Ulmer Münster Heruntergefallenes Dorothea-Fenster erfolgreich restauriert

Ulm / Verena Schühly 08.12.2018
Es war ein Puzzle aus tausenden Teilen: Die 600 Jahre alten Scheiben sind jetzt aus der Nähe zu betrachten.

Den Glasfenstern im Münster kommt man selten nahe, weil sie so weit oben sind. Doch jetzt gibt es die Gelegenheit, wenigstens einen kleinen Teil auf Augenhöhe zu betrachten: Die zweiteilige Dorothea-Darstellung hängt im nördlichen Seitenschiff, eingebettet in eine Ausstellung ihrer Restaurierung.

Die beiden Scheiben waren vor zehn Jahren aus dem Fenster über dem Haupteingang herabgestützt. Die Ursache war, dass sich die Halterungssplinte des Rahmens gelöst hatten. Wie das geschehen konnte, ist bis heute unklar. Vermutungen, dass Erschütterungen durch Bauarbeiten oder Konzerte am Münsterplatz Schuld gewesen sein könnten, ließen sich nicht erhärten. So prangt seit 2008 in der Reihe der vier heiligen Jungfrauen eine Lücke.

Die Fallhöhe betrug zehn Meter. Die beiden Scheiben „waren komplett deformiert“, beschreibt Münsterbaumeister Michael Hilbert den Schaden. Die Glasteile waren zersprungen: „Das war ein Puzzle mit tausenden Teilen.“ Die Münsterbauhütte sicherte sorgfältig sämtliche Stückchen. Aber dann lagerte das Material im Depot, weil die Bauhütte weder die Kapazität noch das Geld für die aufwändige Restaurierung des 600 Jahre alten Fensterbilds hatte. Es stammt von Hans Acker, der die Reihe zwischen 1415 und 1420 fertigte.

Puzzle aus Glasbruchsteinen

Dann meldete sich 2015 Klaus Laumayer aus Hamburg beim Münsterbauamt, dessen Familie früher am Münsterplatz ein Haushaltswarengeschäft betrieben hat. Das Vermächtnis seiner Mutter sehe vor, etwas fürs Münster zu tun. Und so übernahm Laumayer die Kosten für die Wiederherstellung der Dorothea.

Beauftragt wurde die Glaswerkstatt Rothkegel aus Würzburg, die im Münster auch die Fenster der Bessererkapelle restauriert hat. Das Dorothea-Projekt hat Wiebke Schneppel im Rahmen einer Masterarbeit erledigt und mehr als 1000 Arbeitsstunden hineingesteckt.

Aus der Nähe lässt sich gut nachvollziehen, wie aufwändig es war, die Fragmente wieder zusammenzusetzen. Schneppel hat zunächst die Glasbruchstücke farblich sortiert und anschließend wie Puzzleteile zusammengesetzt. Manchmal konnte sie sich dabei an gemalten Linien orientieren, manchmal an Spuren früherer Konservierungen – doch häufig halfen nur Augenmaß und detektivischer Spürsinn weiter.

Die Bruchstücke hat die Restauratorin mittels Epoxidharz verbunden. Kleinere Fehlstellen hat sie mit eingefärbtem Harz ausgefüllt. Größere Lücken wurden mit Glas ergänzt, das retuschiert und nachgedunkelt werden musste, damit es sich ins Original einfügt. Die 600 Jahre alten Scheiben haben eine so genannte Wettersteinkruste angesetzt. Das sind Ablagerungen, die sich nicht entfernen lassen und die das Glas verdunkeln.

Das Bleinetz, das die einzelnen Glasfelder hält, war durch den Aufprall stark verbogen. Weil mittelalterliches Blei heutzutage sehr selten geworden ist, hatte dessen Erhalt Priorität. Wo es ging, hat Wiebke Schneppel es zurechtgeklopft und wiederverwendet. Nur wo es nicht anders ging, hat sie neu verlötet. Diese Stellen glänzen derzeit noch silbern, wie aus der Nähe gut zu sehen ist.

Moderne Material bei Restaurierung

Auch moderne Materialien kamen bei der Restaurierung zum Einsatz: Die neuen Dichtungen sind aus Teflon, weil es wasserdicht, flexibel und resistent gegen Säuren und Basen ist. Teflon sondert auch keine Stoffe ab, härtet nicht aus und lässt sich rückstandsfrei wieder entfernen.

Bis zum Frühjahr bleiben die beiden Scheiben im nördlichen Seitenschiff ausgestellt, kündigt der Münsterbaumeister an. Die obere zeigt das Gesicht und den Heiligenschein der Dorothea und darüber ein gotisches Spitzgewölbe – Hans Acker hat für die Darstellung der vier heiligen Jungfrauen eine Art Sakralraum gewählt. Auf der unteren Scheibe ist Dorotheas Gewand und der charakteristische Korb abgebildet, aus dem zwei weiße Blüten ragen. Michael Hilbert hofft, dass sich noch Spender finden, die den Wiedereinbau an ihren ursprünglichen Platz im Fenster über dem Haupteingang unterstützen.

„Am Anfang dachte ich, dass das Fenster für immer verloren ist“, sagt der Münsterbaumeister, als er die Dorothea auf Augenhöhe betrachtet. „Jetzt bin ich sehr froh, dass es gelungen ist. Bei dieser Restaurierung wurde Einmaliges geleistet.“

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Die Legende der Heiligen Dorothea

Überlieferung Dorothea ist eine Märtyrerin. Geboren um das Jahr 280 in Caesarea (Kleinasien), gelobte die Christin, um des Himmelreichs willen Jungfrau zu bleiben. Als der heidnische Statthalter Apricius um ihre Hand anhielt, wies sie ihn deshalb zurück. Verärgert darüber ließ er sie foltern und verurteilte sie zu Tode. Vor ihrer Hinrichtung forderte der heidnische Jurist Theophilus Dorothea spöttisch auf, ihm aus dem Garten ihres himmlischen Bräutigams Jesus Rosen und Äpfel zu schicken. Als sie tot war, erschien – mitten im Winter – ein Engel mit einem Korb Rosen und Äpfel. Theophilus wurde dadurch bekehrt und wurde später selbst zum Märtyrer. In der Ikonographie wird Dorothea meist mit einem Blumenkorb dargestellt.

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