Brücke Herdbrücke: Sanierung für 790.000 Euro verlängert Lebensdauer um 25 Jahre

Die Herdbrücke ist die älteste Brücke über die Donau und muss für knapp 800.000 Euro saniert werden, um für weitere 25 Jahre verkehrstüchtig zu bleiben.
Die Herdbrücke ist die älteste Brücke über die Donau und muss für knapp 800.000 Euro saniert werden, um für weitere 25 Jahre verkehrstüchtig zu bleiben. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / HANS-ULI THIERER 07.02.2016
Gebaut 1948/49, ist sie die älteste Brücke über die Donau. Um sie weitere 25 Jahre verkehrstüchtig zu erhalten, muss die Herdbrücke um 790.000 Euro saniert werden. Dies passiert im zweiten Halbjahr 2016. Mit einem Kommentar von Hans-Uli Thierer: Es kann einem schwindelig werden.
Sie jetzt um 790.000 Euro sanieren und ihre Lebensdauer damit nach Erkenntnissen der Abteilung Verkehrsinfrastruktur der Stadt Ulm „um mindestens 25 Jahre verlängern“ (Abteilungsleiter Gerhard Fraidel)? Oder gleich eine neue Brücke bauen, wie es im Gemeinderat Hans-Walter Roth (CDU) „aus längerfristiger Sicht“ oder auch Brigitte Dahlbender (SPD) durchaus für überlegenswert halten? Ein solcher Neubau der 60 Meter langen und 15 Meter breiten Brücke würde laut Fraidel 4,4 Millionen Euro kosten. Mindestens.

Als am Ende im zuständigen Fachausschuss des Gemeinderats der Baubeschluss zu fassen war, gaben Roth und Dahlbender selber die Antwort: Auch sie stimmten für eine Sanierung des Brückenbauwerks, das 1948/49 als erstes über die Donau wieder aufgebaut worden war. „Weil im Moment angesichts anderer Aufgaben nicht die Zeit für einen Neubau ist“, wie Dahlbender selber sagte, nachdem zuvor schon Gerhard Bühler (FWG) erklärt hatte: „Dafür haben wir derzeit kein Geld.“ Annette Weinreich (Grüne) hält eine Erneuerung für angemessen, weil die einst auf 40 Tonnen ausgelegte Tragkraft der Herdbrücke zwar auf 24 Tonnen begrenzt worden ist, damit aber immer noch eine Straßenbahn drüberfahren könnte – die freilich in der Neu-Ulmer Verkehrsplanung kein Thema mehr ist. Auch Baubürgermeister Tim von Winning hält die Sanierung für eine angemessene Lösung. Ein Neubau mit neuen Brückenwiderlagern griffe zu sehr ein in die Donaustraße und in die Neu-Ulmer Uferlandschaft.

Der Sanierung unter Ulmer Bauleitung hat der Neu-Ulmer Stadtrat bereits vor einigen Monaten zugestimmt. Die Brücke gehört zur Hälfte Neu-Ulm, weswegen die Kosten geteilt werden (siehe Info-Kasten). Nach den Worten Fraidels sollen die Bauarbeiten am Tag nach Schwörmontag – er ist dieses Jahr am 18. Juli – aufgenommen werden. Fraidel, bei der Stadt Ulm der Experte für Brücken- und Spezialverkehrsbauwerke, rechnet mit einer sechsmonatigen Bauzeit. Während ihr müssen sich die Ulmer, Neu-Ulmer und ihre Besucher auf erhebliche Verkehrsbehinderungen gefasst machen, obwohl der Verkehr weiter immer auf einer Seite laufen wird, per Ampel geregelt. Einen Vorgeschmack, wie der Verkehr während der Bauzeit abgewickelt werden soll, lieferte die Zeit, während der das Brückenhaus der Sparkasse Neu-Ulm entstanden ist. So ähnlich, sagt Fraidel, werde die Regelung auch aussehen, wenn die Herdbrücke saniert wird.

Ihr machen vor allem mangelhafte Abdichtungen und Risse zu schaffen, in denen sich Feuchtigkeit festsetzt; außerdem sind die Brückengeländer kaputt. Etwas aus der Ferne betrachtet ist an dunkel gefärbten Streifen zu sehen, wo das Regenwasser immer abläuft und in die Donau rinnt. Auch Hohlstellen und Abplatzungen setzen der Brücke zu, deren Spannstahl vermutlich von einer im Krieg zerstörten Hängebrücke in Köln-Rodenkirchen stammt. Ein Hinweis darauf, mit welchen Mitteln der Wiederaufbau erfolgte.

Unter zwei Varianten wurde die etwas aufwändigere und teurere ausgewählt. Sie geht über eine reine Betonsanierung hinaus. Nun wird der so genannte Kragarm abgebrochen und neu gebaut. Vorteile laut Fraidel: dauerhaftere Abdichtung und 20 Zentimeter Gewinn an Breiten auf beiden Gehwegseiten.

Gigantischer Sanierungsbedarf

236 Brücken Die bald 60 Jahre alte Herdbrücke zählt zu den ältesten drei Spannbetonbrücken in Deutschland. Täglich passieren sie knapp 11.000 Fahrzeuge, darunter mehr als 600 Linienbusse in beiden Richtungen. In einer Notenskala von 1,0 („sehr guter Bauwerkszustand“) bis 4,0 („ungenügend“) erreicht die Herdbrücke die Note 2,8 („ausreichend“). Sie hätte ohne Sanierung noch gut zehn Jahre gehalten und ist deshalb buchhalterisch und finanztechnisch mit einer Lebensdauer bis 2028 aufgeführt. Durch die jetzt beschlossene präventive Erneuerung verlängert sich ihre Lebensdauer um 12 Jahre bis 2040. Weil die Landesgrenze mitten durch die Donau führt, gehört die Herdbrücke je zur Hälfte beiden Städten. Sie teilen sich die Kosten von 790.000 Euro in diesem Fall schwesterlich, während sonst der Aufwand für gemeinsame Projekte – nach Größe der Städte – immer zwei Drittel (Ulm) zu einem Drittel (Neu-Ulm) aufgeteilt wird.

Zustandsbericht Spannbetonbrücken erreichen nach 60 bis 70 Jahren ihr kritisches Alter, heißt es in einem Brückenzustandsbericht, den die Ulmer Bauverwaltung im Mai 2015 vorgelegt hat und in dem alle 236 großen und kleinen Brücken und Überführungsbauwerke im Stadtgebiet untersucht, benotet und in einer Datenbank erfasst worden sind. Ernüchterndes Ergebnis: Ulm steckt in einem gigantischen Sanierungsstau. Der Zustand von 27 Brücken ist 3,0 oder schlechter („nicht ausreichend“). Der von 7 Brücken ist schlechter als 3,5 („ungenügend“), was heißt, dass dringender Handlungsbedarf besteht; darunter sind die Beringer Brücke aus dem Jahr 1908 und die Wallstraßenbrücke (1972). Der Finanzaufwand für die Erneuerung der 34 Brücken mit der Note 3,0 oder schlechter wird auf 60 Millionen Euro geschätzt.

Ein Kommentar von Hans-Uli Thierer: Es kann einem schwindelig werden

Systemrelevante Bauwerke (z.B. Adenauerbrücke) tragen die Hauptlast der Verkehrsströme. Eine Störung oder ein Ausfall hat gravierende und großflächige Auswirkungen auf die gesamte Infrastruktur des Stadtgebiets.“ Was im Brückenzustandsbericht der Ulmer Bauverwaltung wie eine gestelzte Binsenweisheit klingt, birgt Brisanz in sich. Dahinter steckt eine Aufgabenfülle, bei deren Betrachtung es einem schwindelig wird.

Viele der Verkehrsbauwerke aus den 60er- bis 80er Jahren sind erheblich baufällig. Der Sanierungsbedarf schreibt sich von. Er ist abzuarbeiten, damit das städtische Verkehrsgefüge nicht eines schönen Tages kollabiert – und weil die Sicherheit zu gewährleisten ist. Nur eine Zahl: Allein bei Brücken und Überführungen besteht akuter Erneuerungsbedarf für 60 Millionen Euro.

Ulm und Neu-Ulm geht es derzeit glänzend. Das ist aber kein Anlass, weiter in die Vollen zu gehen wie zuletzt. Auch wenn mit einer Brückensanierung weniger Meriten zu verdienen sind als mit schönen neuen Kultur-, Sozial- oder Sportprojekten: Die Lokalpolitik ist gefordert, vorrangig die bestehende Infrastruktur zu sichern.

Auf manches Verkehrsbauwerk, wie die unlängst abgerissene Radlerbrücke am Alten Fritz, kann getrost verzichtet werden. Abreißen und sich teuren Unterhalt sparen, wird es im Einzelfall heißen müssen. Auch wenn dies unkommod ist und Umwege nach sich zieht – für Fußgänger, Radler, Autofahrer.

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