Neu-Ulm Hendricks diskutiert mit Bauern über Glyphosat

Ulm / Christine Liebhardt 31.08.2018
Die frühere Umweltministerin Barbara Hendricks diskutiert mit Bauern und Naturschützern über Glyphosat und Insektensterben.

Zweieinhalb Milliarden Euro: So viel ist die Bestäuberarbeit wert, die Bienen jedes Jahr für uns verrichten. „Genau genommen ist die Biene das wichtigste Nutztier, das wir haben“, findet deshalb Barbara Hendricks. Die SPD-Bundestagsabgeordnete war von 2013 bis zum März dieses Jahres Umweltministerin und hat sich in ihrer Amtszeit gegen eine Verlängerung der Zulassung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat ausgesprochen (siehe Infokasten). Auf Einladung des Neu-Ulmer SPD-Landtagskandidaten Daniel Fürst hat sie am Mittwoch in der Jakobsruhe mit Bauern und Naturschützern über den Einsatz von Herbiziden und das Insektensterben gesprochen.

Beides Themen, die offensichtlich viele Menschen umtreiben: Um die 70 Gäste waren gekommen. Eigentlich, sagte Hendricks, sei es ja ein gutes Insektenjahr. Vor allem die vielen Wespen und Hornissen seien Nahrung für Vögel. „Das hilft aber nichts bei der Bestäubung“ – denn die leisten nun mal nur Bienen. Am Insektensterben seien allerdings nicht nur Glyphosat und andere Pflanzenschutzmittel schuld, sondern auch „die Art und Weise, wie wir Landwirtschaft betreiben und unsere eigenen Gärten gestalten“.

Wobei Hendricks den Bauern keinen Vorwurf machen wollte. Sie stünden im Wettbewerb und müssten so produzieren. Es müsse aber ein Umdenken einsetzen – und Raum bleiben für Blühstreifen. Auch die Kommunen nahm Hendricks in die Pflicht. Das Baurecht ermögliche Vorgaben zur Bepflanzung in Neubaugebieten. Vor allem die Kiesgärten müssten verschwinden. „Wenn man bereit ist, etwas Unordnung zu akzeptieren, ist es keine Arbeit.“

„Die Dosis macht das Gift“

Differenziert sieht der Pfaffenhofener Landwirt Andreas Wöhrle die Lage. Er beschreibt seinen Betrieb als konventionell, aber ökologisch ausgerichtet. Glyphosat wolle er nicht verteidigen, aber: „Die Dosis macht das Gift.“ Das Herbizid solle in Ausnahmefällen weiter genutzt werden dürfen, findet Wöhrle. Alternative Möglichkeiten zur Bodenverbesserung müsse er sich meist selbst erarbeiten: „Wissenschaftliche Untersuchungen, die keinen Umsatz bringen, werden oft nicht veröffentlicht“, kritisierte er.

Dabei müsse man die Landwirtschaft gar nicht neu erfinden, findet Biobauer Hubert Krimbacher. Die sei eigentlich bis nach dem Zweiten Weltkrieg immer ökologisch gewesen. Und heute? „Wir erzielen Höchsterträge, um sie nachher wegzuschmeißen.“ Lange sei man ohne Glyphosat ausgekommen. „Das wird eingesetzt, weil es propagiert wurde und weil es einfach ist.“

Mit fatalen Folgen für die Natur. Sabine Brandt vom Nabu ist im Hauptberuf Biologin und sammelt seit 30 Jahren Insekten. „Es sind immer weniger.“ Sie ist froh, dass das Thema Insektensterben langsam im Bewusstsein der Bevölkerung ankommt. Brandt machte aber auch Hoffnung: „Insekten können sich unheimlich schnell vermehren. Wir haben noch eine Chance, wenn wir ihnen wieder Lebensräume bieten.“

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Zulassung um fünf Jahre verlängert

Eklat Im November vergangenen Jahres hat es wegen des Verhaltens von Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) ordentlich in der Koalition gekracht. Schmidt hatte in einem Ausschuss der EU-Kommission entgegen aller Absprachen für die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat um fünf Jahre gestimmt. Barbara Hendricks (SPD), damals noch Umweltministerin, kritisierte das als Vertrauensbruch: Sie war gegen die Verlängerung. In den vorangegangenen, gescheiterten Abstimmungen hatte Schmidt sich noch enthalten. Letztlich stimmten 18 der 28 EU-Länder für die Zulassungsverlängerung. Deutschlands Stimme war entscheidend.

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