Hellmut Hattler feiert im Roxy musikalisch fünffach

MAGDI ABOUL-KHEIR 14.04.2012
Da will einer den Sechzigsten feiern und muss dann selbst am härtesten arbeiten: Hellmut Hattler ließ auf seiner Geburtstagsparty im Roxy sein musikalisches Leben Revue passieren - mit fast allen Weggefährten.

Fünf nach Mitternacht, eigentlich ist Hellmut Hattlers Geburtstag just vorbei. Doch dieser Anblick, dieser Klang im Roxy ist ein großes Präsent: "Whatchagonnado", die alte Tab-Two-Nummer, bewegt alle. Gespielt tatsächlich von Tab Two, also von Hattler und Joo Kraus, die zum ersten Mal nach 13 Jahren Funkstille wieder gemeinsam musizieren! Aber auch die neuere Band "Hattler" ist auch der Bühne dabei, ebenso seine Freundin Siyou - welch stimmiges Treffen von gleich drei Hattler-Projekten.

Ja, whatchagonnado? Was soll man machen, wenn man als Musikergröße 60 wird? "Rollo runter und ab unters Sofa" oder die "Flucht nach vorn antreten", also feiern und spielen? Letzteres natürlich.

In Sachen Hattler ist freilich die Frage noch naheliegender: Wer ist er - und wenn ja, wie viele? Die beantwortete der Jubilar im Roxy lässig mit "fünf". Denn der Bass-Meister hatte gerufen, und die Bands seines musikalischen Lebens waren gekommen - keine Selbstverständlichkeit in einer Karriere, die durch Wandel so stark geprägt wurde wie durch Beständigkeit. Das Wiederaufleben von Tab Two ist dabei geradezu eine Sensation.

Aber der Reihe nach. Hattler wollte auch feiern, dass er in einer Zeit lebt, "in der man machen kann, was man will". In der er mit 19 anfing, professionell zu musizieren. Und in der man "mit 60 noch so Sachen machen kann". Solche Sachen: wie erstmal ein virtuoses Solo zu zelebrieren - oder doch eher ein Duett mit sich selbst.

Danach echte Zweisamkeit: mit Siyou. Von "Motherless Child" über "Baby Love" bis "Come Together" nur Stimme und Bass, aber was heißt schon "nur". Siyou n Hell liefern Soul n Groove, mal sanft, mal wuchtig. Früher hatte Hattler nie was mit Cover-Songs am Hut, aber wie sagt der sechsfache Vater zu seinen Kindern? "Du musst erst etwas probieren, bevor du sagen kannst, dass es nicht schmeckt."

Es schmeckt ihm, es schmeckt den Zuhörern - Lohn musikalischer Offenheit. Aber für einen Jazzrocker der 70er war einst auch der Flirt mit der Elektronik nicht naheliegend gewesen. Und spielte der Ulmer Hattler nicht schon Weltmusik, als es dieses Wort noch gar nicht gab? An diesem speziellen Abend im Roxy lief alles zusammen - und wurde bei aller Vielfalt von Saiten-Irrwisch Hattler miteinander verknüpft.

Hattlers Freundin Siyou geht ab, und danach muss er seinen Mann stehen. Zunächst mit Kraan, den Wolbrandt-Brüdern Peter (Gitarre) und Jan Fride (Schlagzeug), mit denen 1971 alles so richtig begann. Jazz-Artrock-Songs aus alten Zeiten wie "Nam Nam" und "Dinner for Two" bis zu "Club 20" und "The Schuh" von 2006: vertrackte Riffs, komplexe Rhythmen, zerpflückte Melodien, viel Drive. Das Publikum jubelt, Hattler ist "geplättet" von der Resonanz auf die "Hells Party". 900 Zuhörer sind ins Roxy gekommen, auch aus Köln, Hannover, Stockholm, "sogar aus Augsburg".

Dann Tab Two. Euphorie empfängt das Duo, das von 1987 bis 1999 mit seinem Acid Jazz die Musikwelt eroberte. Eine Handvoll Songs gibts bei diesem Comeback, das man nicht so nennen darf. Was menschlich eine vorsichtiges Herantasten ist, findet musikalisch auf festem Gelände statt. "Get Rid", "Belle Affaire", mal Ambient, mal Latin, mal chillig, mal virtuos. Joo Kraus rappt, verzaubert mit der Trompete. Dazu Hattlers Bass-Licks, eines der wenigen Male, dass er mit den Fingern spielt - ansonsten hat er das ganze Spektrum im Plektrum. Ein Zwischenrufer fordert "Kraan Arabia", dem kommen sie schalkhaft für drei Sekunden nach, hauen lieber ein neues starkes Stück raus: "The Patient".

Die Band "Hattler" (2000 gegründet) kommt hinzu, übernimmt dann, spielt ein komplettes Konzert-Set. Mit "C 64" gehts los, dem Einstieg ins Computerzeitalter, aber auf Hattlers T-Shirt steht "C-60", ach ja, Audiocassetten: ein Mann zwischen analog und digital.

"Hattler" bringt mit dem grandiosen Drummer und Elektronik-Frickler Oli Rubow, dem famosen Gitarristen Torsten de Winkel und der feinen Sängerin Fola Dada ausgefeilten Breitwand-Pop. Grandios fließt der "Nachtstrom" dahin, mit "Delhi News" wird das Roxy zum Dancefloor. Schließlich stoßen Kraus und Siyou dazu: "Whatchagonnado". Hattler strahlt: "Der geilste Geburtstag meines Lebens!"

Der ganz offensichtlich gar nicht so alte Mann und das Mehr: Gut vier Stunden auf der Bühne und drei Dutzend Songs reichen noch nicht! Mit der Deep Dive Corp., also mit DJ Peter Musebrink sowie Jürgen Schlachter (und auch Oli Rubow) an den Drums, wird bis halb drei gespielt, gegroovt, getanzt.

Wer ist er - und wenn ja, wie viele? Doch nur einer, und was für einer: Hattler. Weder eitel noch egoman kommt dieses Geburtstags-Megakonzert rüber, und die wahren Beschenkten, das sind die Zuhörer.

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