Theatersommer Hélène Lindqvist singt Aida

Ulm / Jürgen Kanold 01.06.2017
Das Theater Ulm hat die Titelpartie der Verdi-Oper auf der Wilhelmsburg doppelt besetzt: Eine Aida kennen die Ulmer: Hélène Lindqvist. Sie feiert ein Comeback im dramatischen Fach.

Es fühle sich an, als ob sie wieder nach Hause gekommen sei. Auch beim Einkaufen im Supermarkt habe man sie erkannt und angesprochen, sagt Hélène Lindqvist fröhlich beim Interview in der Theaterkantine. Drei Jahre lang, bis 2009, gehörte die Sopranistin dem Ulmer Ensemble an, sie hatte als Konstanze in der „Entführung aus dem Serail“ debütiert, sang Alcina, Eurydike oder die „Figaro“-Gräfin und später unvergesslich auch die Maria im Musical „Jesus Christ Superstar“. Jetzt ist die Schwedin zurück: als Aida.

Aber Moment mal: Die Titelpartie der Verdi-Oper ist doch ein ganz anderes Kaliber, zählt zum schweren dramatischen Fach? Was ist mit der Stimme passiert?

Gewissermaßen ist Hélène Lindqvist die Heldin einer Seifenoper – ganz wörtlich zu verstehen. Eine kuriose Geschichte, und die 1968 in Stockholm geborene Mutter zweier Kinder erzählt sie freudestrahlend.

Nach ihrem Ulmer Abschied also habe sie nur noch kurz als freie Sängerin gastiert und dann einfach aufgehört: um nach einer intensiven Karriere etwas anderes zu machen, „eine neue Herausforderung zu suchen“. Die Idee? Eine Seifenmanufaktur gründen und aufbauen. Kosmetik statt Koloraturen. Fettsäuren und Natriumhydroxid mischen statt Klangfarben. So blieb der Gesang nur ein Hobby: Mit ihrem Ehemann Philipp Vogler, einem Pianisten, Dirigenten und  Professor für musikalische Einstudierung und Rollenstudium in München, entdeckt und sammelt sie bis heute unbekannte, vergessene Kunstlieder: „The Art Song Project“ heißt ihre viel beachtete Internetplattform.

Seife statt Koloraturen

Wobei sie nebenbei dann doch noch „die ganz großen Knaller“ des Opernrepertoires schmetterte. Salome, Brünnhilde und so, stundenlang. Sie sang die von ihr geliebten hochdramatischen Strauss- und Wagnerpartien aber nicht unter der Dusche, sondern in der Seifenküche im Keller beim Rühren. „Mit der Stimme auf die Tube drücken – großartig!“ Man weiß jetzt nicht, wie euphorisch die Familie darauf reagierte, aber irgendwann kam die Sopranistin zur Erkenntnis: „Mensch, ich kann das ja, ich werde überhaupt nicht heiser!“ Und damit war die Seifenproduktion passé.

Hélène Lindqvist nahm sich einen Gesangslehrer, sie übt mit einen erfahrenen  Wagner-Korrepetitor der Bayerischen Staatsoper, und weil sie nicht gerade die große Statur einer Heroine besitzt, macht sie viel Krafttraining und Pilates, um den Körper zu stärken.

Jetzt ist sie bereit für den Neustart. Dankbar ist die Sopranistin dem Theater Ulm, dass sie bei einem Vorsingen vor eineinhalb Jahren als Aida engagiert worden ist für das Open Air auf der Wilhelmsburg. Neues Fach heißt ja auch: Eine Künstlerin muss neu auf sich aufmerksam machen, sich neu für Agenturen und Engagements empfehlen. Und so brennt sie auf ihr Comeback: Die lyrischen Partien gehören der Vergangenheit an, „ich habe jetzt das Gefühl, dass ich mit Vollpower singe und mit der nötigen Tiefe“, sagt sie lachend.

Verdis Oper „Aida“, die am Nil spielt, vor den Pyramiden, passt ja sehr gut für eine Schwedin mit einem ägyptischen Vater.  Na ja, entgegnet Hélène Lindqvist selbstverständlich: Amneris sei ja die ägyptische Königstochter, aber Aida, die Rivalin in der Liebe zum ägyptischen Feldherrn Radamés, eine äthiopische Sklavin. Und Amneris ist ein dunkler Mezzosopran – also so weit ist die Stimm-Mutation nicht gegangen.

Was kommt nach der Aida? Wagners Isolde, zumindest möchte Hélène Lindqvist diese Wagner-Partie im Sommerurlaub in Schweden einstudieren. Und dann hofft sie, dass ihre zweite Karriere so richtig beginnt, als dramatische Sopranistin mit „nordischer Kampfstimme“.

Morgen Premiere auf der Wilhelmsburg

Open Air Giuseppe Verdis Oper „Aida“ feiert morgen, Freitag, 20 Uhr, auf der Wilhelmsburg in der Regie von Matthias Kaiser Premiere. Generalmusikdirektor Timo Handschuh hat die musikalische Leitung. Neben dem Theaterchor wirkt der Motettenchor der Münsterkantorei mit. Das Theater Ulm hat fast alle großen Partien doppelt besetzt. In der Premiere singen Wooram Lim (König von Ägypten), Anna Danik (Amneris, seine Tochter), Eric Laporte (Radamès, ägyptischer Feldherr), Valda Wilson (Aida, äthiopische Königstochter) und Kwang-Keun Lee (Amonasro, König von Äthiopien). Hélène Lindqvist debütiert als Aida am Pfingstsonntag. Weitere 17 Aufführungen bis 15. Juli.

Aufführungsdauer: Rund drei Stunden dauert die „Aida“. Eine Kritik der Premiere steht etwa eine Stunde nach Aufführungsende online unter swp.de

Anfahrt Es gibt keine Parkplätze an der Wilhelmsburg auf dem Michelsberg. Shuttlebusse fahren aber ab zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn zur Wilhelmsburg: vom Parkplatz der Firma Müller in Jungingen (Buchbrunnenweg) aus. Der Transfer ist mit Theaterticket kostenfrei. Öffentlicher Nahverkehr: Bus Linie 7,  Haltestelle Kliniken Michelsberg, dann steiler Fußweg hinauf zur Wilhelmsburg etwa 350 Meter entlang der Prittwitzstraße. Weitere Infos unter www.theater-ulm.de

Theatersommer Wibu Event betreibt nicht nur die Gastronomie auf der Wilhelmsburg, sondern veranstaltet ein Extraprogramm. So gastiert etwa das Improvisationstheater „Rezeptfrei e. V.“ am Samstag, 20.30 Uhr, und am 6. Juli.

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