Ulm / Helmut Pusch  Uhr
Zehn Jahre nach dem Ende der Kinderzimmer Productions meldet sich Henrik von Holtum mit einer englischsprachigen Platte zurück.

Weniger geht eigentlich kaum: zwei Stimmen, ein Bass, eine Gitarre. Und das alles live eingespielt. Textor & Renz nennt sich das Duo.

Textor? Da klingeln Ulmer Musikliebhabern die Ohren. Nannte sich doch der rappende Teil der Kinderzimmer Productions, kurz Kizis, der vermutlich intelligentesten deutschen Hip-Hop-Combo, die sich 2007 auflöste, MC Textor. Und ja, auch hinter diesem Textor und seinem Partner Holger Renz steckt der Ulmer Henrik von Holtum. Der wohnt mittlerweile in Berlin, ist diplomierter Kontrabassist, fertigt für die ARD Radio-Features, doziert in Bochum an der Folkwang-Universität über Text und Musik – und ist eben die eine Hälfte des Duos Textor & Renz.

Seit neun Jahren arbeitet der mittlerweile 43-Jährige mit dem Gitarristen Holger Renz zusammen. Und die beiden haben diese Zeit formidabel genutzt, eine unglaublich ineinanderfließende Form des Zusammenspiels entwickelt, die wie ein Organismus klingt.

Unter Konzertbedingungen

Das belegt auch das aktuelle Album „The Days are never coming back and never getting nowhere“. Denn das ist live aufgenommen. Nicht bei einem Konzert, aber unter Konzertbedingungen. „Je ein Mikro für die Stimmen, eins für den Bass, eins für die Gitarre. Und dann haben wir solange gespielt, bis alles passte“, erzählt Textor. „Meist war das beim dritten Anlauf der Fall.“ Das war’s. Auf der Scheibe gibt es keine zusätzlichen Stimmen oder weitere Gitarrenspuren. Eins zu eins Textor & Renz.

Aufgenommen haben die beiden auch nicht in einem Studio, sondern bei Freunden in der Bibliothek eines abgelegenen Forsthauses in der Nähe des nordhessischen Wildeck. Wildeck? „Ja, da kommen die Wildecker Herzbuben her“, erzählt Textor.

„The Days are never coming back and never getting nowhere“ ist das erste reguläre Album der beiden. „Eigentlich wollten wir gar kein Album machen“, sagt Textor. Man erinnere sich: Der Wandel des Musikgeschäfts war vor exakt zehn Jahren der Grund gewesen, der Textor und seinen Partner Sascha Klammt am 23. November 2007 einen Brief an ihre Fans verfassen ließ. Darin erklärten sie, dass die Einnahmen aus den sinkenden Plattenverkäufen nicht mehr reichten, um die Qualität der eigenen Arbeit sicherzustellen.

Und jetzt doch wieder ein Album? „Wir haben festgestellt, dass es ohne einfach nicht geht“, sagt Textor. Ohne eigene CD winke jeder Veranstalter ab. Das aktuelle Album wird von Trikont vertrieben: „Wir haben diesmal das volle Programm gewählt: Album, Label, Vertrieb und die dazugehörige Werbung. Alles andere bringt nichts.“ Und zum vollen Programm zählt auch die Version auf Vinyl. „Ich bin einfach ein Riesen-Vinyl-Fan, das war das Leitmedium meiner Jugend. Und Vinyl altert mit einem mit. Jeder Knackser ist eine gemeinsame Geschichte.“

Stilistisch ist das Album Americana pur: Johnny Cash und Neil Young standen irgendwie Pate. Alex Chiltons  „Thirteen“ und Lowell Georges „Willin’“ haben die beiden gecovert. Und doch ist das Album keine amerikanische Produktion. Keine Rhythmusgruppe, keine Chöre, keine zusätzlichen Musiker. Trotzdem klingt das Ganze nicht wie ein Songwriter-Duo. Dazu verweigern sich die beiden zu sehr den Klischees, etwa einer Rhythmusgitarre.

Americana pur

Da spielen zwei Musiker ihre Instrumente so, als wären noch ein Schlagzeuger und wahlweise ein zweiter Gitarrist oder ein Pianist mit dabei. Irgendwie freischwebend und dennoch auf den Punkt genau. Musik, die fesselt und ihren ganz eigenen Atem entwickelt. Großartig. Vielleicht trifft es Textors eigene Umschreibung ganz gut: Exil-Country.

Im Frühjahr soll’s auf Tournee gehen. Und der Wahlberliner Henrik von Holtum ist sicher, dass es auch einen Abstecher nach U-Stadt geben wird, wie die Kizis ihre Heimat nannten.

Intelligenter deutscher Hip-Hop aus Ulm

Kinderzimmer Productions Henrik von Holtum wurde 1974 in Ulm geboren. Zusammen mit Sascha Klammt gründete er das Hip-Hop-Duo Kinderzimmer Productions. Das letzte Konzert gaben die beiden 2012, fünf Jahre nach dem offiziellen Ende, im Theater Ulm mit dem Philharmonischen Orchester im Rahmen des Donaufestes.