Ulm / Ulrike Schleicher  Uhr
Auch am Kuhberg geraten Händler und Geschäftstreibende unter Druck wegen der Baustelle.

Ein Haus mit Swimmingpool in bester Lage. So umschreibt Andreas Holy seine Verluste in den vergangenen zweieinhalb Jahren. Der 40-jährige selbstständige Kaufmann betreibt den Rewe-Supermarkt in der Römerstraße am oberen Kuhberg und ist einer der Händler und Geschäftstreibenden im Wohngebiet, die den Bau der Linie 2 direkt in der Kasse spüren: „Ohne das Unternehmen im Rücken würde ich schlecht dastehen.“

Die Situation am Kuhberg ist vergleichbar mit der am Eselsberg. Hier wie wie dort bleiben Kunden weg. Vor allem wegen Umleitungen, erschwerter oder fehlender Zufahrten und Laufwege. „Der Durchgangsverkehr fehlt“, sagt Holy. Vor allem von der Innenstadt her. „Die Leute sparen sich den Umweg und kaufen beim Discounter in der Elisabethenstraße ein.“ Er könne das verstehen.

Entlassungen um jeden Preis vermeiden

Für ihn steht  aber nicht nur seine Existenz auf dem Spiel, sondern auch die seiner Mitarbeiter. Er habe Entlassungen um jeden Preis verhindern wollen, sagt der 40-Jährige. Aber seit Baubeginn sei der Wareneinsatz im Grunde ein Vabanque-Spiel. So müsse er trotz Kundenrückgangs das gesamte Angebot aufrechterhalten, weil „der einzelne Kunde ja immer die gleichen Ansprüche an seinen Supermarkt stellt“.

Schwierig sei in dieser Situation auch der Personaleinsatz. Beispielsweise an den Kassen. So was plane man drei Wochen im Voraus, schließlich hätten seine Mitarbeiter Familie. „Was machen Sie dann, wenn immer wieder vier Leute eingeteilt sind, aber nur zwei gebraucht werden?“

In der Nachbarschaft des Supermarktes habe bereits eine Apotheke geschlossen – „bei ihm ging der Umsatz um die Hälfte zurück“, weiß Holy. Der Drogeriemarkt klage ebenfalls.

Auch Michael Holzschuh, der weiter unten in der Römerstraße eine Gärtnerei in der dritten Generation betreibt, strampelt sich ab. 30 Prozent Umsatzeinbußen habe er seit Beginn der Baustelle. „Mir fehlen Laufkundschaft und Leute, die schnell mal angehalten haben.“ Im Gegenzug seien Personal- und Materialkosten gestiegen. „Meine Mitarbeiter brauchen länger, um von hier zum Kunden zu kommen.“ Und die Umwege kosteten Benzin.

Umwege zum Ausladen von Ware

Kompliziert sei auch die Anlieferung seiner Ware. „Die Lkw halten momentan auf dem Rewe-Parkplatz. „Ich fahre die ganze Umleitung zum Parkplatz und bringe die Paletten portionsweise ins Geschäft.“ Holzschuh findet, dass die Kommunikation zwischen den Projektverantwortlichen der Stadt und den Händlern besser laufen könnte. „Man kommt morgens ins Geschäft, und wieder ist alles anders – der Zufahrtsbereich, die Fußwege und so weiter.“ Auch seien Pflanzen auf seinem Grundstück gerodet worden, ohne dass man ihm vorher Bescheid gesagt hätte.

Verbindliche Aussagen gebe es nicht, sagt Holzschuh. „Der eine sagt das, der andere das.“ Er kommuniziere nur noch per Mail, damit er Aussagen schriftlich habe. Er nennt ein Beispiel: Laut einer Absprache vom Jahr 2011 zwischen ihm und den Projektverantwortlichen sollten seine Lkw künftig über den Robert-Dick-Weg zu seinem Grundstück fahren. Dann sei plötzlich nicht nur ein Ampelmasten an dieser Stelle eingezeichnet worden – „man hat mir auch gesagt, dass herausnehmbare Poller angebracht werden, damit dort niemand parkt“.

Missverständnisse sorgen für Ärger

Das sei unzumutbar für ihn. „Ich weiß nicht genau, wann ein Lkw kommt und müsste für die Poller jedesmal Personal vorhalten.“ Der Gärtner, der sich juristisch von seinem Verband vertreten lässt, schrieb einen Brief an die Fraktionen und die Verwaltung. „Nun gab es ein Gespräch: Die Poller kommen nicht.“ Die seien auch keineswegs geplant gewesen, stellt Linie-2-Projektkleiter Torsten Fisch klar. „Ich habe sie Herrn Holzschuh lediglich vorgeschlagen.“ Das Ganze sei ein Missverständnis gewesen.

Dass die Büsche gerodet wurden und Holzschuh recht kurzfristig informiert worden sei, bedauert er. „Das war wohl etwas Holterdipolter.“ Trotzdem: Die Kommunikation zwischen Bürgern und den Projektverantwortlichen laufe gut. Aber: „Wir sind darauf angewiesen, dass Leute auf uns zukommen.“ Und Fisch erwartet auch, dass sich Anwohner informieren. „Alles können wir nicht wissen und auch nicht machen, so wie es der Bürger will.“

Holy und Holzschuh werden die Bauphase überstehen. Holy allerdings nur, weil er einen Kredit bei seinem Konzern aufgenommen hat. Er freut sich auf die Straßenbahn, aber „ich verstehe nicht, warum die Stadt die Händler nicht unterstützt.“ Ansonsten beschwere man sich ja auch über Online-Handel und verwaiste Innenstädte.

Neben der Apotheke hat nach elf Jahren auch die Dreikönigs­bäckerei die Reißleine gezogen: „Wir haben uns von Monat zu Monat gehangelt – in der Hoffnung, es wird besser“, sagt Seniorchefin Edeltraud Mayer. Aber das Geschäft habe sich nicht mehr gelohnt. Der Wegfall der Bushaltestelle an der Haßlerstraße und nun die Einbahnstraßenregelung habe der kleinen Filial-Bäckerei die Lebensader abgeschnitten. Kontakt zur Stadt oder den Projektmanagern der Linie 2 hätten sie nicht aufgenommen, sagt sie: „Wir glauben auch nicht, dass es etwas bewirkt hätte.“

Warum es keine finanzielle Unterstützung gibt

Vorbild Die Stadt Mannheim hat Händlern Entschädigungen gezahlt, weil sie aufgrund eines Bauprojekts Umsatzeinbußen erlitten. Baubürgermeister Tim von Winning erläuterte auf Anfrage, warum Ulm das nicht macht. Über Entschädigungen sei bei jeder größeren Baumaßnahme (Neue Straße, Frauenstraße, Karlstraße, Bahnhofplatz) gesprochen worden, sagt er. Das Gesetz sage jedoch, dass Grundstückseigentümer diese Arbeiten akzeptieren müssten. Zudem besserten sich die Verhältnisse nach der Baumaßnahme deutlich und zögen wirtschaftliche Profite nach sich. Die Stadt wolle auch keine Präzedenzfälle schaffen: „Sie ist aber aufgrund des Gleichbehandlungsgrundsatzes verpflichtet, eine solche Regelung dann bei allen Baumaßnahmen einzuführen.“ Die Kosten seien dafür erheblich.