Neu-Ulm / CHIRIN KOLB Günstige Mietwohnungen fehlen, dabei stehen tausende leer. Überall wird gebaut, dennoch wird der Mangel größer. Ein Problem, viele Facetten – eine Diskussionsrunde mit sehr unterschiedlichen Protagonisten.

Sie ist 36 Jahre alt, hat einen Job, aber keine Wohnung. Seit Januar lebt die Frau im Neu-Ulmer Obdachlosenheim. Sie hatte sich von ihrem Freund getrennt und war erstmal in eine Pension gezogen. „Ich hätte nie gedacht, dass es so schwierig ist, eine Wohnung zu finden“, sagt sie. Als das Geld knapp wurde, blieb nur das Nuißl-Heim.

An ihrer Arbeitsstelle weiß niemand, dass sie dort wohnt. „Wenn mich mal ein Kollege nach der Arbeit heimfährt, lasse ich mich woanders absetzen und laufe den Rest.“

Beim Vermietertag der ökumenischen Wohnungslosenhilfe erzählte die 36-Jährige offen von ihrer Lage. Die Einrichtung von Diakonie und Caritas macht Sozialarbeit in den Obdachlosenheimen Neu-Ulm und Senden und betreibt die Präventionsstelle für Wohnraumerhaltung, die helfen soll, damit Mietschuldner ihre Wohnung gar nicht erst verlieren. Diakonie und Caritas suchen sozial engagierte Vermieter, denn gerade für Menschen mit geringem Einkommen ist die Wohnungssituation sehr angespannt.

Was sind die Ursachen? Wie lässt sich das Problem lösen? Darüber diskutierten im Johanneshaus Vertreter unterschiedlicher Interessensgruppen. Sie trennt vieles, in manchem sind sie sich aber einig.

Der Bauträger Die Firma Munk Immobilien schafft als Bauträger Wohnungen und sucht als Makler Mieter oder Käufer. Es stimmt, sagt Davor Osswald, es werden zu wenig Wohnungen gebaut. Die Hauptverantwortung sieht er in der Politik. Bauland fehlt, bis zur Umsetzung dauert es lang, Anreize für Investoren wie Eigenheimzulage oder Abschreibungsmöglichkeiten wurden beschnitten, das Mietrecht verhindere zum Teil Vermietung. Viele Eigentümer fragten sich: „Bringe ich den Mieter aus der Wohnung raus, wenn es nicht klappt?“ Osswald hat durchaus Verständnis für Hausbesitzer, die ihre Einliegerwohnung im Alter nicht mehr vermieten wollen, weil ihnen ihre Ruhe wertvoller ist.

Der Politiker Ja, gibt Karl-Heinz Brunner zu, die Politik hat Fehler gemacht. „Dass der Markt alles regelt, hat nicht funktioniert“, sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete. „Wir müssen gegensteuern.“ Er ist sicher, dass es wieder Wohnbauförderung und Abschreibungsmöglichkeiten geben werde. Wohnraum zu schaffen, sei eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe. Keine Kompromisse will der frühere Illertisser Bürgermeister aber beim Mietrecht machen: „Da sind mir die Mitnahmeeffekte zu groß.“

Der Landrat Der Landkreis hat sich vor drei Jahren ein Entwicklungsprogramm zum Wohnungsbau überlegt, doch das ist angesichts der Flüchtlingszahlen schon wieder überholt (siehe Info-Kasten). Allerdings müssten die Kommunen dafür sorgen, dass die Wohnungen auch gebaut werden, sagt der stellvertretende Landrat Roland Bürzle (CSU). „Die Bauträger suchen Grundstücke, die nicht da sind.“ Der frühere Bellenberger Bürgermeister ist sich mit Brunner einig: Wohnungsbau ist eine gemeinsame Herausforderung.

Der Sozialverband Versäumnisse der Politik, von den Kommunen bis hinauf zum Bund, sieht Sigrun Rose, geschäftsführende Vorsitzende des Diakonieverbands Neu-Ulm. „Jahrelang wollte die Politik das Problem nicht sehen.“ Bis sich die Lage immer weiter verschärft habe und nun selbst Erzieherinnen, Friseure oder Familien mit schmalem Einkommen keine bezahlbaren Wohnungen mehr finden. Am Mietrecht will Rose nicht rütteln. „Manche Mieter müssen vor ihren Vermietern geschützt werden.“ Sie ist sicher: Die meisten Mieter zahlen pünktlich ihre Miete und gehen mit der Wohnung sorgsam um.

Und wenn nicht? Dann kann die Präventionsstelle für Wohnraumerhaltung helfen, sagen Sigrun Rose und ihr Kollege Mathias Abel von der Caritas. Die Mitarbeiter suchen nach Auswegen, eine Kündigung zu vermeiden. Sie versuchen beispielsweise, zwischen Mieter und Vermieter eine Ratenzahlung über Mietschulden zu vereinbaren, und haben beim Mieter ein Auge drauf, dass alles klappt. Je früher sich Mieter oder Vermieter bei der Präventionsstelle melden, umso besser.

Info Die Präventionsstelle für Wohnraumerhaltung ist für Mieter und Vermieter erreichbar unter Tel. (0731) 704 78 21.

Wohnraum im Kreis Neu-Ulm

Bestand Im Landkreis Neu-Ulm gibt es rund 80 000 Wohnungen (Stand 2012), davon sind 1100 Sozialwohnungen. 3000 Wohnungen stehen nach der Schätzung des Landratsamts leer, weil die Eigentümer sie nicht vermieten. Um den steigenden Bedarf an Wohnraum zu befriedigen, müssten in den nächsten Jahren 15 000 Wohnungen gebaut werden, davon 1500 mit Sozialbindung. Diese Schätzung datiert allerdings noch aus der Vor-Flüchtlingszeit.