Theater Gruppe Moving Rhizomes arbeitet im Theater Ulm mit Flüchtlingen

Bewegung und Spaß beim ersten Workshop: Moving Rhizomes erarbeiten mit Flüchtlingen das Projekt "Before I die. . ." im Theater Ulm.
Bewegung und Spaß beim ersten Workshop: Moving Rhizomes erarbeiten mit Flüchtlingen das Projekt "Before I die. . ." im Theater Ulm. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / LEONIE L. MASCHKE 19.01.2016
Mit viel Spaß und Bewegung fand der erste Workshop des Projekts "Before I die . . ." im Theater Ulm statt. Die Künstlergruppe Moving Rhizomes arbeitet mit Flüchtlingen, Aufführungen sind im Juli geplant.

Pablo Sansalvador robbt auf dem Rücken über den Boden des Ballettsaals im Theater Ulm, fast zwanzig Männer machen es ihm nach. Sie lachen und kichern wie Kinder und ermutigen ihre Freunde, die noch skeptisch am Rand stehen, ebenfalls mitzumachen. Sansalvador verwandelt sich in verschiedene Figuren, einmal bewegt er sich auf allen Vieren wie ein Tier, dann tänzelt er leichtfüßig durch den Raum. Die Männer machen es ihm unter Gelächter nach.

Ein Unbeteiligter könnte dieses Herumtollen für eine Sportstunde für Erwachsene halten, tatsächlich war es der erste Workshop des Kunstprojekts "Before I die . . ." des Künstlerkollektivs Moving Rhizomes. Das multidisziplinäre Projekt für Tanz, Schauspiel, Live-Musik und Video-Installation beschäftigt sich allerdings nicht mit dem Tod, wie der zunächst etwas missverständliche Titel vielleicht nahelegt, sondern mit den höchst lebendigen Träumen, Bedürfnissen und Plänen von Menschen. Der erste Workshop fand mit Flüchtlingen aus der Keplerhalle statt. "Wir möchten, dass die Flüchtlinge eine Möglichkeit bekommen, ihre Geschichte und Flucht zu verarbeiten", erklärt Projektleiterin Cecilia Espejo. "Sie sollen mit Tanz und Schauspiel eine natürliche Art und Weise bekommen, sich auszudrücken, ohne dass man sie über ihre Erfahrungen ausfragt."

Moving Rhizomes arbeitet mit Schauspielern des Theater Ulms zusammen sowie mit Andreas Hauslaib und Andreas Usenbenz. Die beiden letzteren kümmern sich um die Licht-, Musik- und Video-Gestaltung des Projekts und filmen auch an diesem Tag Bewegungen und Ausdrucksformen der Flüchtlinge. Bei der mehrteiligen Performance, die am 21., 22. und 23. Juli im Stadthaus Ulm gezeigt wird, sollen diese Videoelemente in den Live-Auftritt einfließen. Wie die Aufführung letztendlich aussieht, wird sich noch entwickeln.

Sansalvador, Tänzer am Theater Ulm, malt nun mit großen, fließenden Bewegungen seinen Namen in die Luft, seine "Schüler" machen es ihm nach. Manche mit den schwungvollen Buchstaben der arabischen Sprache, andere mit den eher eckigen der lateinischen Schrift. Lautes Lachen bei manchen Freunden.

Ehrenamtliche des Ulmer Vereins Menschlichkeit haben die Flüchtlinge aus der Unterkunft zum Theater Ulm begleitet. Übersetzer helfen, wenn die tänzerische Verständigung nicht ausreicht. Es kamen mehr Flüchtlinge, als ursprünglich für den Workshop angemeldet waren. "Als wir ihnen erzählten, wohin wir gehen, wollten auf einmal alle mit", sagt eine der Ehrenamtlichen. Nicht alle können deshalb an diesem Tag mitmachen, dafür stehen sie für das nächste Mal auf der Anmeldeliste.

Das Projekt und die Workshops sind nicht allein für Flüchtlinge gedacht, auch Ulmer Bürgerinnen und Bürger können mitmachen. Dennoch zielt die Performance darauf ab, "eine Sensibilisierung für die außergewöhnlichen Umstände von Flüchtlingen in Deutschland zu schaffen".

"Die Flüchtlinge haben ja bereits vor ihrer Reise Träume gehabt und diese haben sich vielleicht verändert oder tun es gerade", sagt Cecilia Espejo, "wir möchten mit dem Projekt zeigen, wie diese Veränderung aussieht."

Sozial engagierte Künstler

Die Gruppe Moving Rhizomes ist eine Künstlergruppe aus Ulm, darunter sind Tänzer und Designer. Gemeinsam wollen sie mit Installationen und Projekten ihre Umwelt verbessern und auf soziale Herausforderungen aufmerksam machen. Eines ihrer letzten Projekte war die Tanzaufführung "Crossing Paths".

Die Idee Begonnen hat das Projekt "Before I die . . ." die amerikanische Künstlerin Candy Chang 2011 in New Orleans. Nach dem Tod eines geliebten Menschen und einer dadurch resultierenden Depression kreierte Chang eine interaktive Mauer in ihrer Nachbarschaft. Sie bemalte ein verlassenes Gebäude mit Tafelfarbe und schrieb mehrfach "Before I die I want to . . ." darauf. Jeder, der daran vorüber ging, konnte mit Kreide anonym diesen Satz vollenden. Innerhalb eines Tages war die Mauer voll geschrieben. Mehr als 1000 weitere Mauern wurden daraufhin in 70 anderen Ländern aufgebaut.