Grünes vom Gremlingerturm

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HENNING PETERSHAGEN 10.08.2012
Gleich hinterm McDonalds, wo bislang ein paar Parkplätze das Ende der Sedelhofgasse bildeten, haben die Archäologen mächtige Fundamente der Stadtbefestigung freigelegt - und grünglasierte Ziegelreste.

Das Sedelhof-Projekt hat auch die Archäologen auf den Plan gerufen. Sie werden die von der Planung betroffenen Bereiche, in denen Spuren der Vergangenheit zu erwarten sind, sondieren. Begonnen haben sie Mitte Juni auf der Rückseite des Gebäudes Bahnhofsplatz 5.

Die grünen Ziegelscherben, die in der Verfüllung eines schmalen Schachtes gefunden wurden, sind nicht einfach nur hübsch anzusehen. Steffen Killinger, technischer Grabungsleiter des Landesamts für Denkmalpflege, ist überzeugt: "Die stammen vom Gremlingerturm, der deswegen auch Grüner Turm genannt wurde."

Der längliche Schacht, in dem sie entdeckt wurden, liegt mitten in einer stahlhart vermörtelten Steinmasse, die überwiegend aus weißen Kalkbrocken besteht und die Archäologen vor Rätsel stellt. Davon ist der Schacht, der keinen seitlichen Zugang erkennen lässt, nur eines. Das Problem besteht zum einen darin, dass durch frühere Baumaßnahmen der westliche Außenrand dieses Gemäuers verschwunden ist, dass es zum andern durch frühere Leitungs-Verlegungen vielfach beschädigt und zudem im östlichen Teil, wo es unter der Straße verschwindet, durch Starkstromleitungen gewissermaßen vermint ist.

Zwar erkennen die geschulten Augen des Archäologen und seiner Kollegin Carina Stiefel-Ludwig in dem Konglomerat Ränder und Rundungen, die auf die verschiedenen Bauphasen hindeuten, welche die Stadtbefestigung an dieser Stelle über Jahrhunderte hinweg durchlaufen hat. Aber bislang lässt sich noch nichts klar zuordnen.

Eine der spannendsten Frage ist die nach dem Gremlinger- oder Grünen Turm. In seiner Stadtbeschreibung aus dem Jahr 1488/89 berichtet Felix Fabri über den Grünen Turm, den er als rund beschreibt - und in dem es überdies spuken soll (siehe Info-Kasten). Dieser Turm könnte auf dem jetzigen Grabungsareal gestanden haben, und tatsächlich ist dort auch der Rest einer runden Innenwand erkennbar. Aber eine runde Außenmauer hat sich bislang noch nicht abgezeichnet.

Schon 1971, als die westlich des Grabungsabschnitts gelegenen Häuser am Ostrand des Bahnhofsplatzes gebaut wurden, hat der Bauhistoriker Hellmut Pflüger vergeblich nach einer runden Struktur gesucht. Er kam daher zum Schluss, dass der Gremlingerturm, dessen Fundamente er damals identifiziert zu haben glaubte, viereckig gewesen sein muss - entgegen der Angabe Felix Fabris.

Jedenfalls stecken in der Grabungsfläche mit hoher Wahrscheinlichkeit Reste der ältesten Bauphase des mittelalterlichen Festungsrings, der von 1316 an um die damals erweiterte Stadt gezogen wurde. Zu dieser Ringmauer gehörte auch der Gremlinger oder Grüne Turm, der jedoch nur bis 1546 stand.

Grund für seinen Abbruch waren wohl weniger die Gespenster, sondern eine Modernisierung des Festungsrings: Damals baute Hans Behan der Ältere nach Dürerschem Vorbild an dieser Stelle eine dreieckige Bastei.

Deren Form blieb nicht von langer Dauer. Von 1581 an verwandelte der Niederländer Johann del Monte sie nach italienischem Vorbild in eine fünfeckige Bastion. Diese und vielleicht noch weitere bauliche Veränderungen sind nun zusammengebacken in dem steinernen Kuddelmuddel, dessen Analyse den Archäologen wohl noch ein Weilchen Kopfzerbrechen bereiten wird.

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