Post von den Grünen: Die haben knapp 9000 Erstwähler in Ulm und Umgebung in den vergangenen Tagen bekommen. Auf einem auf CO2-neutralem Recyclingpapier gedruckten Flyer wirbt der Ulmer Landtagsabgeordnete Jürgen Filius für sich, seine Partei und Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

"Lieber. . ., am 13. März darfst Du zum ersten Mal den Landtag wählen. Deine Stimme entscheidet, wer unser Land regiert", heißt es in dem Brief, der auflistet, was die Grünen in der vergangenen Legislaturperiode speziell für die Jugend erreicht haben. Etwa die Abschaffung der Studiengebühren und die Einführung der studentischen Mitbestimmung an Unis und Hochschulen. "Diese Politik wollen wir fortsetzen, verspricht Filius. Dazu gehöre neben einer besseren Breitbandversorgung und günstigen Wohnungen auch die Abschaffung des "von der CDU geerbten Alkoholverkaufsverbotes nach 22 Uhr".

Getränkemäßig setzt die Partei noch einen drauf. Am linken Rand der Wahlkampfpostille befindet sich ein Gutschein für zwei Freigetränke, einzulösen bei der Wahlkampfabschlussparty der Ulmer Grünen am 12. März im Café Jedermann. Einfach so zwei Bier aufs Haus ist aber nicht: Freigetränke erhält nur, wer den Grünen auf der Party sein verschlossenes Briefwahlkuvert übergibt, "das wir am Sonntag selbstverständlich fristgerecht an das Wahlamt zustellen".

Ein manipulativer Akt? Ein Hauch von Stimmenkauf? Solche Vorwürfe weisen die Grünen mit Nachdruck zurück. "Wir schreiben den Leuten ja nicht vor, wen sie wählen sollen", sagt Filius. Vielmehr wolle man mit der "vielleicht etwas unkonventionellen" Aktion bei jungen Menschen Politikbewusstsein schaffen. Wer den zugeklebten Wahlschein zur Party mitbringe und abgebe, habe seine Entscheidung überdies schon getroffen. "Man kann uns beim besten Willen nicht vorwerfen, dass wir Erstwähler manipulieren wollen."

Ebenso sieht es der für die Werbekampagne mitverantwortliche Fraktionsgeschäftsführer Michael Joukov. "Wir tun alles, um die Wahlbeteiligung zu erhöhen." Denn je mehr Menschen zur Wahl gingen, umso höher sei die Legitimation für die Politik. Es sei sogar die Pflicht demokratischer Parteien, für eine hohe Wahlbeteiligung zu kämpfen - warum nicht mal mit peppigen Mitteln. " Die Junge Union ist selbstverständlich zur Party eingeladen, und die Erstwähler unter ihnen bekommen auch Getränke", so Joukov augenzwinkernd.

Indes: Die CDU-Nachwuchsorganisation findet die Aktion nicht lustig. "Wir fordern von den Grünen, jede Einmischung in den Wahlakt der Erstwähler umgehend zu unterlassen", schreibt JU-Stadtverbandsvorsitzender Johannes Schulz. Der einzige richtige Adressat für Wahlbriefe sei das Postamt oder der Briefkasten des Wahlamtes, nicht aber eine Wahlparty. "Gerade Erstwählern wird ein verheerendes Bild geboten, wenn die Grünen für zwei Getränke Wahlbriefe einsammeln. Der Stellenwert demokratischer Wahlen wird durch die Aktion diskreditiert."

Kommentar von Christoph Mayer: Volle Kanne daneben

Ein bisschen Spaß darf schon sein im Wahlkampf, aber diese Erstwähler-Aktion der Ulmer Grünen geht nach hinten los. Und zwar volle Kanne. Freie Drinks für Jungwähler, die auf einer Grünen-Party ihre zugeklebten Briefwahlkuverts abgeben - rechtlich mag das einwandfrei sein, weil dann kein Einfluss mehr auf die Wahlentscheidung genommen werden kann. Aber was für ein Eindruck entsteht da? Auf jeden Fall nicht der, dass es den Grünen allein um mehr Wahlbeteiligung geht. Sondern eher der: Gib uns Deine Stimme, kriegst auch zwei Bier (oder Cocktails) dafür. So wird Politik zur Lachnummer, und dass die Partei im Einladungs-Flyer für die Lockerung des Alkoholverkaufsverbots wirbt, macht die Sache irgendwie nicht besser.

Man hatte gedacht, die Grünen - derzeit in Umfragen ganz oben - haben so etwas nicht nötig. Anscheinend doch.